Timo Eichel im Interview

"Es geht um sozialen Austausch": Streetworker über die Treffpunkte der Kasseler Drogenszene

Einer der Treffpunkte: Der Platz vor der Reuter-Schule an der Schillerstraße wird seit Jahren regelmäßig von Mitgliedern der Alkohol- und Drogenszene aufgesucht.

Kassel. Der Bereich rund um die Reuterschule ist einer Treffpunkte der Kasseler Drogenszene. Bis vor einigen Monaten sammelten sich Gruppen vor allem in der Innenstadt. Wir sprachen über die Entwicklungen mit Streetworker Timo Eichel.

Herr Eichel, ist die Verlagerung ein positives Zeichen?

Timo Eichel: In gewisser Weise ist die Verteilung der Szene positiv zu sehen, aber das generelle Problem wird sich nie aus der Stadt verdrängen lassen. Da gibt es immer mal Plätze, die zu Treffpunkten werden – der Friedrichsplatz, in den 90er-Jahren das „Goldene Loch“ am Kulturbahnhof oder eben der Lutherplatz – diese Plätze wird es auch in Zukunft geben. Man muss sehen, wie man mit diesen Problemen umgeht.

Wie haben Sie als Streetworker auf die Verlagerung der Szene reagiert?

Eichel: Wir sind da ähnlich dynamisch und mobil wie die Szene. Es macht wenig Sinn in der Innenstadt zu bleiben, wenn wir wissen, dass wir niemanden antreffen. Es kann sein, dass Menschen, die sich morgens an einem Platz aufhalten, am Nachmittag von uns aber an einem ganz anderen Ort angetroffen werden.

Warum suchen die Personen eher außerhalb liegende Flächen auf?

Timo Eichel

Eichel: Ein Grund ist, dass sie dort ihre Ruhe haben. Sie werden dort nicht so wahrgenommen wie in der Innenstadt. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich ohnehin sehr geschärft, was die Trinker- und Drogenszene angeht. Wenn sich die Szene an einem Ort sammelt, gibt es schnell Beschwerden.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit konkret aus?

Eichel: Wir gehen auf die Personen zu. Das Thema Sucht steht dabei nicht im Vordergrund, sondern der Hilfebedarf. Wir gucken, wie wir die Lebenssituation verbessern können. Das kann Hilfestellung bei Anträgen sein oder bei Wohnungssuche. Wenn man im Kreislauf der Sucht ist, dann hat man jeden Tag den Druck morgens auszustehen, man braucht Geld für Drogen und jemanden, der sie einem beschafft. Egal ob Wochentag oder Wochenende, Sommer oder Winter.

Welche Funktion haben dabei die öffentlichen Plätze?

Eichel: Im Prinzip geht es um das Sich-Treffen, um das Gefühl von Gemeinsamkeit. Wenn jemand sonst in die Stadt geht, dann um einzukaufen oder Kaffee zu trinken. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, für den sind die Innenstadt oder andere Plätze eben eine Möglichkeit, am sozialen Leben teilzuhaben. Auch wenn man aus den anderen sozialen Zusammenhängen rausfällt.

Das klingt nach freundschaftlichem Miteinander.

Eichel: Die Szene an sich als Einheit gibt es nicht. Es handelt sich um eine Ansammlung von kleinen Gruppen und Einzelpersonen. Freundschaften sind in der Szene selten, das wird mir immer wieder gesagt. Es gibt bestimmt Bekanntschaften. Aber das man eng zusammensteht, das ist nicht der Fall. Die Szene ist heterogen und zersplittert.

Das heißt?

Eichel: Die Unterteilung in Alkoholabhängige und Konsumenten härterer Drogen gibt es nicht mehr, das vermischt sich zusehends. Unsere Arbeit auf der Straße richtet sich vorwiegend an erwachsene Konsumenten härterer Drogen. Wir arbeiten eng mit anderen Streetworkern zusammen – mit Mitarbeitern des Panama, deren Schwerpunkt auf Alkoholabhängigkeit und Obdachlosigkeit liegt oder mit Kollegen, die Streetworkarbeit im Jugendbereich machen.

Sind viele Drogenabhängige zusätzlich obdachlos?

Eichel: Ein Großteil unserer Klienten hat eine Wohnung. Bei manchen allerdings weiß man das nicht so genau – ein großes Problem in Kassel ist die versteckte Obdachlosigkeit. Das heißt, Menschen, die keine Wohnung haben, aber immer mal hier und da unterkommen können. Die Wohnungsnot macht sich bei unseren Klienten besonders bemerkbar. Der soziale Wohnungsbau ist in Kassel stark vernachlässigt worden.

Was könnte generell die Situation verbessern?

Eichel: Aus meiner Sicht fehlt ein übergeordnetes Gremium in der Stadt, wo man solche Probleme bespricht. Wo man sich mit Anwohnern und Geschäftsleuten zusammensetzt und bespricht, wo die Probleme liegen. Wir können das dann in die Szene zurückspiegeln.

Macht sich der fehlende Trinkraum bemerkbar?

Eichel: Das lässt sich aktuell noch nicht so wirklich abschätzen. Was viele abgehalten hat, dorthin zu gehen war, dass man sich dort an Regeln halten muss. Das muss man im öffentlichen Raum zwar auch, aber dort sind die Sanktionen weniger stark. Das ist ein Grund, weshalb sich die Trinker- und Drogenszene nie ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen wird. Allerdings haben wir in Kassel nicht die Verhältnisse wie es sie beispielsweise in Berlin, Frankfurt oder Hamburg gibt. Der Trinkraum war ja vor allem auch bei kalten Temperaturen ein Anlaufpunkt für die Szene – da wird er fehlen.

Timo Eichel (37) arbeitet seit 2013 in der Kasseler Innenstadt als Streetworker. Zuvor hat er als studentische Hilfskraft im Café Nautilus geholfen. Eichel hat an der Uni Kassel Soziale Arbeit studiert.

Was es im Umgang mit Drogenabhängigen zu beachten gilt

Warum bilden sich Drogenszene-Schwerpunkte?

Schwerpunkte bilden sich meistens an verkehrsgünstig gelegenen Orten, dort werden illegale Drogen verkauft und konsumiert. Für die Mitglieder der Szene sind die Treffpunkte eine Möglichkeit der sozialen Interaktion.

Wie verhalte ich mich gegenüber Drogenabhängigen?

Grundsätzlich muss man sich gegenüber Drogenabhängigen nicht anders verhalten. Aufgrund des illegalen Konsums vermeiden es Drogenabhängige aufzufallen. Entzug kann allerdings zu Gereiztheit führen, dann sollte man sich zurückziehen. Drogenabhängigkeit ist kein Verbrechen, sondern eine Krankheit. Die Beschaffung von Drogen wird häufig von kriminellen Handlungen begleitet.

Warum werden Drogen häufig in Hausfluren konsumiert?

Zu den Symptomen einer Suchterkrankung gehört, die Droge so schnell wie möglich zu konsumieren, um Entzugserscheinungen zu mindern. Der Hauseingang ist oftmals die einzige Möglichkeit, um Drogen nicht in der Öffentlichkeit zu konsumieren.

Was tun, wenn jemand dabei ist, sich einen Schuss zu setzen?

Dann sind die Konsumenten extrem nervös. Man sollte sie dann nicht ansprechen. Anschließend kann man die Person freundlich und bestimmt darauf hinweisen, ihre Utensilien zu entsorgen. Schilder, die den Aufenthalt verbieten, können helfen.

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