Kasseler Erfindung: Strom für Festival-Besucher von den Handy-Hoteliers

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Silberner Hingucker: Carola Vogt, Wolfang Jung, Mark Kröll, Riet Bernard und Julian Emig (von links) auf dem Dach des 1960 gebauten Airstream-Wohnwagens aus den USA. Am Einsatzort werden dort ein Windgenerator und Sonnenkollektoren montiert. 

Kassel. Wer große Musikfestivals besucht, kennt das Problem: Auf der Bühne werden mit Licht und Ton wahre Kilowatt-Orgien gefeiert, und vor den wenigen öffentlichen Steckdosen bilden sich lange Warteschlangen - denn der Akku der eigenen Kamera oder des Handys schwächelt.

Auch Sebastian Fleiter hat diese Erfahrung schon gemacht. Mit einer Erfindung aus Kassel will er das elektronisch vernetzte Publikum von Großveranstaltungen mit regenerativ erzeugtem Ladestrom versorgen. Fleiters „Electric Hotel“, ein amerikanischer Wohnwagen-Oldtimer, steht nach zweijähriger Tüftelei vor seinem ersten Einsatz: Beim Melt-Festival am Wochenende in Sachsen-Anhalt soll das silbern funkelnde Mobil vor 19.000 Besuchern zum Hingucker werden – und zur Erste-Hilfe-Station, wenn Smartphones und anderen Geräten der Saft ausgeht.

Dafür haben der 40-Jährige und seine Mitstreiter 250 gebrauchte Bankschließfächer in das Gefährt eingebaut. In diesen Boxen kann nahezu jedes Gerät aufgeladen werden, das über einen USB-Stecker versorgt wird und eine bestimmte Größe nicht überschreitet.

Und das mit gutem Energiegewissen: Über Solarmodule und einen Windgenerator auf dem Dach erzeugt das Electric Hotel als „autarke Strom-Insel“ (Fleiter) die nötigen Ladeenergie selbst und speist damit fünf in Reihe geschaltete Fahrzeugbatterien an Bord.

Nach der ersten Präsentation des mobilen Kleinkraftwerks rechnet Sebastian Fleiter mit regem Interesse weiterer Großveranstalter. Denn bei Musikfestivals etwa sei die Ökobilanz systembedingt „einfach unterirdisch“ – da biete das Electric Hotel eine willkommene Gelegenheit, einen grünen Akzent zu setzen. Allerdings müssten die Organisatoren etwas umdenken: „Denn wir sind nicht so etwas wie eine Imbissbude, von der man Standgeld kassiert“, erläutert Fleiter: „Man muss uns buchen wie einen regulären Programmpunkt.“

Drei Stunden Ladezeit: Rezeptionistin Carola Vogt zeigt, wie ein Handy in den Schließfächern zur Aufladung angeschlossen wird.

Seine Idee entwickelte er gemeinsam mit Helfern aus dem Kreativ-Netzwerk Nachrichtenmeisterei auf dem Hauptbahnhofsgelände sowie mit diversen kleinen Ökotechnik-Firmen. „Dort wird noch richtig gebastelt, und dabei entsteht auch viel Innovation“, sagt der Medienkünstler, der das Netzwerk rund um den Kulturbahnhof auch koordiniert und für sein Projekt mit dem Existenzgründerpreis „Kreativpiloten“ vom Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet wurde.

Bei der Preisverleihung im Herbst 2010 konnte allerdings noch niemand absehen, welche Aktualität das Konzept der Ökostrom-Insel nach den Ereignissen in Japan bekommen würde. Was als Kunstprojekt begann und gedanklich zwei Jahre lang reifte, ist zu einet kreislaufwirtschaftlichen Gründungsidee geworden, das als Beitrag bestens zur Energiewende-Debatte passt. Das Electric Hotel „bringt Sex-Appeal in dieses Thema und trägt dazu bei, es aus der Öko-Nische rauszuholen“, meint Fleiter und ist stolz auf das nun startbereite Gefährt und dessen Entstehungsgeschichte. „Wir haben auf kleinem Raum sehr viel Expertise zusammengeholt“, sagt der Handy-Hotelier.

So funktioniert’s: Drei Stunden Ladestrom für einen Euro

Für drei Stunden Ladezeit können Handys und andere Kleingeräte am Electric Hotel abgegeben werden. Jeder Nutzer füllt ein Formular aus mit Angaben zum Gerät und zum Besitzer, die mit einem vor Ort gemachten Webcam-Foto ergänzt werden. Pro Ladeaufenthalt wird ein Euro berechnet, einen weiteren Euro geben Sponsoringpartner der jeweiligen Veranstaltung dazu. Das Sponsorengeld trägt laut Sebastian Fleiter zur Kostendeckung der Einsätze bei, mit den Beiträgen der Nutzer wolle man hingegen karitative Zwecke unterstützen, um auch auf diese Weise der kreislaufwirtschaftlichen Gedanken zu betonen. „Jede Menge Sicherheitstechnik“ stellt nach Angaben Fleiters sicher, dass die abgegebenen Geräte nicht durch Spannungsfehler beschädigt werden können und dass kein Unbefugter Zugriff darauf hat. Der 1960 gebaute Airstream-Wohnwagen solle demnächst auch als WLAN-Stützpunkt funktionieren, an dem man ins Internet gelangen kann. (asz)

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