Was die Überlastung für die Patienten bedeutet

Kasseler Experten über Personalnot in Kliniken "Menschen könnten noch leben"

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Viel Erfahrung als Pflegekräfte: Thomas Bollenbach (li.) und Detlef Eggers vom Verein für Pflegeentwicklung Kassel. 

Kassel. Detlef Eggers und Thomas Bollenbach aus Kassel haben viele Jahre als Pfleger auf Intensivstationen gearbeitet. Im Interview sprechen sie über die Missstände in der Pflege und ihren neuen Verein für Pflegeentwicklung.

In den Zeitungen und in Talkshows wurde zuletzt häufig über die Probleme in der Pflege berichtet. Wie groß sind diese aus Ihrer Sicht?

Thomas Bollenbach: Das Problem ist noch größer, als es in den Medien kommuniziert wird. Mein Eindruck ist, die Verantwortlichen und Politiker legen bewusst nicht alle Fakten auf den Tisch. Denn es ist beängstigend, was da aufgrund des Personalmangels an Missständen besteht, und die Situation für Patienten, Ärzte, Pflegekräfte und Zugehörige wird sich weiter verschärfen. Aber niemand will Panik.

Machen Sie es konkret.

Detlef Eggers: Nehmen wir die Intensivpflege. Dort sollte es eigentlich eine Eins-zu-eins, maximal Eins-zu-zwei-Betreuung der Patienten geben. Als Pflegekraft müssen sie Patienten und sensible Technik im Auge behalten: Beatmungsgeräte, Infusionspumpen, Spritzenautomaten, Dialysegeräte, Organersatzmaschinen. Weil vielerorts das Personal fehlt, müssen sich die Kollegen in der Nachtschicht häufig um zwei bis vier Patienten kümmern. Diese chronische Unterbesetzung ist ein Spiel mit der Gesundheit der hochkritischen Patienten.

Hatten Sie in den Jahren als Pfleger auf der Intensivstation mal den Eindruck, Patienten könnten noch leben, wenn es mehr Personal gegeben hätte?

Eggers: Ich hatte relativ oft den Eindruck, dass Menschen noch leben könnten, wenn die Personaldecke besser gewesen wäre. Es gibt sogar eine Studie, nach der das Sterberisiko der Patienten davon abhängt, ob genug ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden ist. Dafür hatte eine US-Wissenschaftlerin die Zustände in mehreren EU-Ländern untersucht. Im Einzelfall lässt sich der Zusammenhang aber nur schwer nachweisen.

Bollenbach: Offensichtlicher ist, dass in den Kliniken immer wieder Operationen aufgrund fehlenden Pflegepersonals abgesagt werden müssen. Oder nehmen Sie die 30.000 Toten, die laut Expertenangaben jährlich in deutschen Kliniken aufgrund von Hygienemängeln an Infektionen sterben. Unter anderem führen der Mangel an qualifiziertem Personal und die chronische Unterbesetzung auf den Abteilungen häufig zu Fehlern – nicht nur in der Hygiene.

Sie haben beide lange in der Intensivpflege gearbeitet und beschäftigen sich inzwischen mit der Weiterbildung von Pflegekräften. Wie gehen diese mit der Situation um?

Bollenbach: Das Personal ist am Limit und hat viele Überstunden angehäuft. Das gilt nicht nur für die Intensivpflege. Etliche Kollegen kehren dem Beruf den Rücken, weil sie den Druck nicht mehr aushalten können oder wollen. Der durchschnittliche Verbleib im Beruf liegt bei siebeneinhalb Jahren. Andere wechseln in Teilzeit, weil sie der Schichtdienst überlastet.

Was bedeutet die Überlastung für die Patienten?

Eggers:Gerade in kleinen Kliniken wird versucht, Arbeiten in die Nacht zu verlegen, um das Pensum zu schaffen. Dort werden etwa Patienten nachts gewaschen. Das bedeutet Schlafentzug. Immer häufiger beobachten wir bei Patienten ein postoperatives Delir, auch Durchgangssyndrom genannt. Die Betroffenen, vor allem Ältere, leiden unter Verwirrtheitszuständen. Solche Probleme entstehen auch durch Stress, den ein Klinikaufenthalt auslöst. Andere entwickeln sogar eine posttraumatische Belastungsstörung. Wenn Patienten das Krankenhaus in einer schlechteren psychischen Verfassung verlassen als sie hineingekommen sind, hat dies oft auch mit Personalmangel zu tun.

Wie versuchen die Krankenhäuser, den Mangel zu beheben?

Bollenbach: Einige Kliniken und Pflegedienste versuchen, Pflegekräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Die Kolleginnen und Kollegen aus Spanien, Polen, Bulgarien, Rumänien oder von den Philippinen, um einige zu nennen, tun sich häufig schwer mit unserem System. Hinzu kommen oft nicht unerhebliche fachliche, sprachliche und kulturelle Schwierigkeiten. Inzwischen engagieren Kliniken Headhunter, die aggressiv versuchen, Personal telefonisch und auch am Klinikeingang abzuwerben. Pflegeeinrichtungen zahlen Wechselwilligen Begrüßungsgelder von über 3000 Euro – und das ist keine Seltenheit. Es gibt zudem Verleihfirmen für Intensivpflegekräfte. Doch diese „Söldner“, die oft das Doppelte verdienen, sind keine Lösung. Sie können die etablierten Teams stören und müssen für wenige Tage aufwendig eingearbeitet werden.

Was wäre eine Lösung?

Eggers: Kurzfristige Entlastung würde eine Anhebung der Gehälter bringen. Eine Fachkraft verdient in der Intensivpflege mit 2200 bis 2500 Euro netto zwar gutes Geld, aber gemessen an der Verantwortung und der Belastung ist es zu wenig. Mittelfristig müssen neue Arbeitszeitmodelle und Qualifikationsmöglichkeiten her. Dafür müssten es die in der Pflege Beschäftigten aber erstmal hinbekommen, sich zu organisieren. Die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen hat keine Lobby. Viele warten auf den Retter. Er wird nicht kommen. Wo bleibt der Aufstand?

Wer Sie reden hört, hat nicht den Eindruck, dass der Pflegeberuf schön ist.

Eggers:Es klingt vielleicht nach einer abgedroschenen Phrase: Aber es ist schön, Menschen zu helfen. Du bekommst von den Patienten ein unmittelbares Echo auf deine Arbeit.

Bollenbach: Wir schauen stark auf die Dinge, die nicht gut funktionieren und verlieren aus den Augen, was Pflegende tagtäglich Gutes leisten. Ich bin in vielen Kliniken als Referent unterwegs und die große Mehrzahl der Pflegekräfte kann sich trotz aller Widernisse keinen anderen Beruf vorstellen.

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