Kasseler Familienbetrieb: Beginn mit Stock und Pfeife

Tabakwarengeschäft Rocholl wurde vor 120 Jahren gegründet

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Fabrikbetrieb im Hinterhaus: Anfang des vergangenen Jahrhunderts beschäftigte Rocholl bis zu 120 Arbeiter.

Kassel. Die Firmenhistorie des Kasseler Familienbetriebes Oskar Rocholl ermöglicht einen spannenden Einblick auch in die Geschichte unserer Stadt. Nun feiert das Tabakwarengeschäft an der Unteren Königsstraße seinen 120. Geburtstag.

Das 1895 von einem nach Schweden ausgewanderten Inhaber übernommene Unternehmen erlebte zwei Weltkriege und den Einzug der Industrialisierung.

In der Moltkestraße, die sich vor der Zerstörung Kassels in der Nähe des heutigen Sterns befand, wurde einst das Einzehandelsgeschäft eröffnet, das Stöcke, Pfeifen, Tabak und Lederwaren feilbot. Im Hinterhaus befand sich der Fabrikbetrieb, in dem fünf Drechsler, zwei Angestellte und zwei Lehrlinge arbeiteten.

Hans Wild

Da die Nachfrage an Geh- und Wanderstöcken stieg, wurde die Produktion ausgeweitet und bereits 1899 das Nachbarhaus hinzugekauft. Auch hier hielt bald die Industrialisierung Einzug: Eine Gasturbine trieb nun die Drehbänke an und ersetzte den mühsamen Fußantrieb. Eine Schreinerei, Biegerei und Beizerei wurden eingerichtet, zudem Versand und Lager. Nunmehr produzierten die Mitarbeiter auch Schirmgriffe sowie Studentenpfeifen und Reservistenpfeifen für deren Herstellung Hutschenreuther-Porzellan verwendet wurde, wie Geschäftsführer Hans Wild Junior berichtet: „In der Blütezeit des Unternehmens bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden bis zu 120 Arbeiter, 15 Angestellte und drei Meister beschäftigt.“ In großen Mengen wurde damals das Heer mit Zeltpflöcken und Pfeifen beliefert.

Nicht nur die folgende Inflation traf das Unternehmen hart. Auch änderten sich die Rauchgewohnheiten (Umstieg auf Zigarre und Zigarette), und im Automobil-Zeitalter kamen Gehstöcke aus der Mode. Wild: „Das historische Drechselhandwerk hatte bald keine Perspektive mehr.“ Als Karl Heinz Wild 1933 die Firma übernahm, stellte er auf einen Großhandel mit angeschlossenem Einzelhandel mit Stöcken aus Lindewerra und Raucherartikeln um. Er wurde jedoch 1941 zum Wehrdienst einberufen und geriet bis Ende 1945 in Gefangenschaft. Bei einem verheerenden Bombenangriff 1944 wurden die Geschäfts- und Privaträume zerstört, Hans Wild sen. und seine Frau starben.

Der Umzug in das neu gebaute Haus Untere Königsstraße 73 war ein Neuanfang. Das Sortiment wurde um Schirme erweitert, auch gab es hier eine der ersten Fußball-Toto-Annahme-Stellen und die ersten Gasfeuerzeuge.

Heute beschäftigt der Familienbetrieb acht Mitarbeiter. Neben Tabakwaren wie nach eigener Rezeptur hergestellte Pfeifen- und Zigarettentabake, Import-Zigarren, Wasserpfeifen, elektronischen Zigaretten und Markenfeuerzeugen bietet man auch über 1000 Zeitschriftentitel an. Die Schirmabteilung indes wurde schließlich im vergangenen Jahr geschlossen. „Das war nicht mehr zeitgemäß“, sagt der 65-Jährige.

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