Digitale Zwillinge von Bauwerken, Räumen und Brücken

Kasseler Neugründung Topotwin schafft verblüffend echte Computermodelle

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Bernd Schmidt (links) und Carsten Werner mit gedruckten 3-D-Modellen des Limburger Doms sowie eines alten Henschel-Gebäudes neben dem Science Park, das noch auf Sanierung wartet. Die realen Modelle sind lediglich ein Nebenprodukt von Topotwin. 

Kassel. Mit einer neuen Technologie mischen Carsten Werner und Bernd Schmidt Fotos und Videos mit Laserscans zu digitalen Computermodellen von Bauwerken, Räumen und archäologischen Fundstätten.

Der Betrachter betritt den Limburger Dom, geht auf den Altar zu, blickt zu den Seitenschiffen, schaut sich Fresken und Malereien aus der Nähe an, steigt in die Höhe bis unter die Decke, um Details zu erkunden, und blickt hinunter zum Boden – Höhenangst macht sich breit. Erst recht beim „Überfliegen“ des spätromanischen Baus aus dem 9. Jahrhundert.

Tatsächlich war der Betrachter aber nie dort. Möglich werden Begehung, Inspektion und „Überflug“ durch eine neuartige Technik der Kasseler Topotwin GmbH & Co KG. Das vor eineinhalb Jahren gegründete Unternehmen sitzt im Science Park der Universität Kassel und hat eine neuartige Technologie entwickelt und zur Marktreife geführt, die zigtausende von Fotos und Laserscans zu außerordentlich präzisen, dreidimensionalen, digitalen Abbildern verheiratet.

„Fotogrammetrie“ nennt sich dieses Verfahren zur Herstellung hochpräziser, verblüffend echt aussehender Computer-Modelle, die mit sogenannten Virtual-Reality-Brillen aus allen Richtungen und bis in den letzten Winkel besichtigt werden können. Die virtuellen Rundgänge bieten deutlich mehr als ein realer Besuch, weil der Betrachter das Objekt im Computermodell be- und überfliegen können.

„Wir erstellen digitale Zwillinge von Bauwerken, Räumen, technischen Anlagen, archäologischen Fundstellen und Brücken“, beschreibt Topotwin-Geschäftsführer Carsten Werner das technologie- und rechnergestützte Produkt, das dank unzähliger Vermessungspunkte sehr viel genauer ist als reine Foto- oder Videoaufnahmen

Aber die touristische Begehbarkeit von Bauwerken ist nur ein Nebenprodukt der Fotogrammetrie. Denn das Topotwin-Produkt zielt vielmehr auf die Sanierung und Rekonstruktion zerstörter historischer Bauwerke, auf die Demontage und den Wiederaufbau von Industrie-Anlagen, die Inspektion von Bausubstanz, ohne dafür teure Gerüste und Kräne aufbauen zu müssen, sowie auf die digitale Archivierung von Bauwerken. Auch den Parthenon der Bücher, der nach der documenta 14 wieder abgebaut wird, haben Werner und Drohnenpilot Bernd Schmidt abgeflogen, vermessen und digitalisiert und es somit auf ewig für die Nachwelt erhalten. „Mit unserem 3-D-Modell können Interessierte den Parthenon später anschauen und sogar jeden einzelnen Buchtitel entziffern – in einer Qualität, wie es das Vorbild aufweist“, erklärt Schmidt.

Bei Rekonstruktionen und Sanierungen ermöglichen die digitalen Spiegelbilder von Topotwin eine genaue Bestimmung der schadhaften Stellen und helfen beim Erkennen von Veränderungen. Selbst feinste Risse oder Farbabplatzungen werden festgehalten.

Werner beschäftigt zurzeit drei Mitarbeiter, plant aber die Schaffung von bis zu vier neuen Stellen im kommenden Jahr. Über Umsätze mag der Unternehmer noch nicht reden. Nur so viel: Bereits im nächsten Jahr wolle Topotwin Geld verdienen, sagt er.

Carsten Werner ist kein Unbekannter. Der Mathematiker gründete einst mit Jörg Lamprecht und René Seeber das Unternehmen Cobion, das Gesichtserkennungsprogramme fürs Internet entwickelte. Später hob der 46-Jährige mit Lamprecht den Drohnenbauer Aibotix aus der Taufe. Topotwin ist ein Fantasiename und dem griechischen topos für Ort und dem englischen twin für Zwilling entlehnt. 

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