Ärztin wegen Werbeverbot-Verstoßes angeklagt

Kasseler Gynäkologin: "Keine Frau lässt sich zu einem Abbruch verführen"

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Die Kasseler Fraunärztin Nora Szàsz.

Kassel. Die Kasseler Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus sind angeklagt, gegen das Werbeverbot für Abtreibungen verstoßen zu haben. Wir sprachen mit Nora Szász.

Abtreibungsgegner gehen so weit, einen Schwangerschaftsabbruch mit dem Holocaust zu vergleichen und von einem „Babycaust“ zu sprechen. In einer Kampagne zeigen sie systematisch Ärzte und Kliniken an, die auf ihren Internetseiten unter medizinischen Leistungen auch Schwangerschaftsabbrüche aufführen. Dabei berufen sie sich auf das Werbeverbot für Abtreibungen nach dem Paragrafen 219a (StGB).

Während viele Gynäkologen reagiert haben, indem sie die Infos von der Web-Seite genommen haben, stellen sich Szász und Nicklaus dem Konflikt, gehen an die Öffentlichkeit und riskieren Angriffe und Geldstrafen.

Sie werden von Abtreibungsgegnern nicht nur angezeigt, sondern als „Tötungsspezialistin“ bezeichnet. Wie halten Sie diese Angriffe aus?

Nora Szász: Das hat schon etwas Bedrohliches, weil es auch in Verbindung mit unserer Praxisadresse formuliert ist. Aber wir machen gerade die Erfahrung, dass es - um es mit Audre Lorde, einer afroamerikanischen Aktivistin zu sagen - Angst nimmt und Kraft gibt, wenn man überzeugt davon ist, dass es wichtig ist, sich zur Wehr zu setzen.

Gibt es auch Unterstützung und Solidarität?

Szász: Ja, und das in einem unglaublichen Ausmaß. Ich wüsste nicht, wie wir das durchhalten könnten, wenn es diese nicht gäbe. Täglich erreichen uns unterstützende Briefe und E-Mails aus dem In- und Ausland. Besonders berührend ist auch die Anteilnahme unserer Patientinnen, von denen viele richtig empört sind über diese Anzeige. Viele Menschen hier in Kassel stehen hinter uns, Beratungsstellen, Frauenprojekte, Universität und politische Parteien bekunden ihre Solidarität. Das gibt Rückhalt.

Außerdem stellen sich uns viele Kolleginnen schützend zur Seite, vor allem mit dem Arbeitskreis Frauengesundheit, einem bundesweiten Netzwerk, in dem wir beiden seit langem Mitglied sind. Letztlich hilft mir ein stabiles privates Umfeld. Meine Familie und meine Freunde stärken mich.

Ein Vorwurf lautet, Sie wollten mit Abtreibungen ein Geschäft machen.

Szász: Das ist völlig absurd. Wir arbeiten nach den Gebührensätzen. Ein Schwangerschaftsabbruch in der Fristenregelung ist keine Kassenleistung. Der selbst zu zahlende Betrag liegt bei 420 Euro. Davon gehen 200 Euro an die Anästhesie. Ich kenne keinen Arzt, der Abbrüche vornimmt, um Geld zu verdienen. Da wären andere Leistungen, beispielsweise Schwangerschaftsbegleitungen, weitaus lukrativer.

Haben Sie keine ethischen Bedenken, wenn Sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen?

Szász:Als Ärztin stelle ich nicht meine Gefühle und Gedanken in den Vordergrund. Es geht um die Patientin, die ungewollt schwanger ist und die ich begleite. Nicht ich mache den Schwangerschaftsabbruch, sondern sie. Mein Anspruch ist es dabei, dass sie möglichst unbeschadet durch diesen Prozess kommt. Meine Mutter war Krankenschwester. Sie hat in den Fünfzigerjahren etliche Frauen nach illegalen Abbrüchen sterben sehen. Diese Zeiten dürfen nicht wiederkommen. Ethische Bedenken hätte ich eher, wenn die Frauengesundheit auf dem Spiel steht, wenn Schwangerschaftsabbrüche wie jetzt in Polen verboten sind und so den Kurpfuschern das Feld überlassen wird.

Abtreibungsgegner glauben, dass es weniger Abbrüche gibt, je weniger Infos es über die legalen Möglichkeiten gibt.

Szász: Dagegen spricht doch, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in den letzten zehn Jahren bundesweit von 119 000 auf 90 000 pro Jahr zurückgegangen ist. Ein Grund ist die Tatsache, dass Paare besser informiert und aufgeklärt sind und nicht schlechter.

Dass 2017 im Vergleich zu 2016 wieder 2,5 Prozent mehr Abbrüche vorgenommen wurden, hat möglicherweise mit einem „Abtreibungstourismus“ zu tun. Verzweifelte Frauen aus dem Ausland kommen vermehrt zu uns.

Was sagen Sie zum Vorwurf der Werbung und Verführung?

Szász: Keine Frau lässt sich zu einem Abbruch verführen oder trifft diese Entscheidung leichtfertig. Das ist doch absurd. Und was für ein merkwürdiges Frauenbild, das vom leicht verführbaren Dummerchen, steckt hinter dieser veralteten Sichtweise. Wir leben in einer digitalen Informationsgesellschaft, in der es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass sich Frauen in dieser Notsituation auch über ärztliche Websites informieren können.

Nach Ihrer Kollegin Kristina Hänel stürzen sich die Medien auf Sie. Gerade waren Sie in stern-tv. Heute können wir Sie ab 19.30 Uhr im Deutschlandfunk Kultur hören. Wie fühlen Sie sich in der Öffentlichkeit?

Szász: Ich bewundere Kristina Hänel in ihrer Rolle als Vorreiterin für ihre Zivilcourage. Wir sind überzeugt davon, dass die Öffentlichkeit Bescheid wissen muss über diese Missstände und die Gefahr, die uns da vom äußersten rechten Rand der Gesellschaft droht.

Die SPD hatte einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung des Paragrafen 219a im Bundestag eingebracht, ihn aber wieder zurückgezogen.

Szász: Das war eine Riesenenttäuschung. Grüne und Linke sind konstant für eine Abschaffung des Paragrafen. Die FDP hat einen eigenen Entwurf eingebracht, der eine Abänderung des Paragrafen vorschlägt. Jetzt, nach der Koalitionsbildung hat die SPD unter Druck alles auf Eis gelegt aus Rücksicht auf CDU und CSU: Im Oktober sind in Bayern Landtagswahlen.

Unsere Hoffnung bleibt die politische Lösung, ich sehe da eindeutig die Verantwortung in Berlin. Am sinnvollsten wäre eine Abstimmung im Bundestag, für die der Fraktionszwang aufgehoben würde.

Die Abschaffung des Paragrafen 219a würde ja nicht das ganze juristische System zu Schwangerschaftsabbrüchen kippen. Es geht lediglich um eine moderne Informationsgesellschaft und der steht dieser Paragraf im Weg.

Wer ist Nora Szász

Nora Szász ist 1962 in Nürnberg geboren. Sie wuchs in Nordhessen auf und machte auf der Herderschule Abitur. Die heute 56-Jährige hat in Berlin den Beruf der Hebamme erlernt und danach dort Medizin studiert. 1987 war sie Mitbegründerin eines von Hebammen geleiteten Geburtshauses in Berlin-Charlottenburg. Sie lebte in Kanada und Österreich, bevor sie sich 2003 als praktizierende Gynäkologin in Kassel niederließ. Sie ist Mutter eines erwachsenen Sohnes und lebt mit ihrer Familie in Kassel. Hier engagiert sie sich als Ärztin ehrenamtlich, unter anderem für die humanitäre Sprechstunde und Menschen im Kirchenasyl. Szász ist Autorin des Standardwerks für Hebammen-Gesundheitswissen.

Solidaritätsveranstaltung

Eine Solidaritätsveranstaltung für die Ärztinnen, die auf ihren Web-Seiten über die Möglichkeiten von Schwangerschaftsabbrüchen informieren, findet am heutigen Montag, 19 Uhr, im Saal der Vhs, Wilhelmshöher Allee 19-21, statt. Eingeladen sind: Kristina Hänel (Ärztin), Gießen; Lena Hübert (Koordination gegen den Paragrafen 218), Kassel; Nora Szász; Barbara Ritter (Autorin, Mannheim). Veranstaltende: Archiv der deutschen Frauenbewegung, Frauenhaus, Frauenbeauftragte der Stadt, Mädchenhaus, Notruf für vergewaltigte Frauen, Zeitschrift Krampfader.

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