Interview mit dem Leiter Dr. Clemens Hoffmann zum Thema Fridays For Future

Kasseler Fraunhofer-Institut: Politik schlägt Expertise der Wissenschaft aus

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Fridays-for-Future-Demonstration auf dem Königsplatz: Unser Archivfoto zeigt den Schüler-Protest am letzten Schultag vor den Sommerferien. 

Die Protestbewegung Fridays For Future bekommt zunehmend Unterstützung von Wissenschaftlern. Vergangene Woche hat sich in Kassel eine regionale Gruppe „Scientists For Future“ gegründet.

Beim Klimakrisengespräch, zu dem die Kasseler Aktivisten FFF, Extinction Rebellion und Klimagerechtigkeit Kassel in die Uni eingeladen hatten, war einer der Redner Prof. Dr. Clemens Hoffmann, Leiter des Kasseler Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE. Wir unterhielten uns mit ihm.

Zur Diskussion in der Uni haben Sie sich während ihrer Rede ein T-Shirt übergezogen. Darauf war zu lesen „I don’t keep cool anymore“. Wie äußert sich dieses Nicht-mehr-cool-Bleiben bei Ihnen?

Ich bin wütend – so wie die jungen Klimaaktivisten von Fridays For Future. Ich habe mich aus der Notwendigkeit heraus, bei der Energiewende weiterzukommen, intensiv mit Volkswirtschaft beschäftigt. Deshalb weiß ich: Wenn wir stärker in Erneuerbare Energien einsteigen, schützt das auch unsere Volkswirtschaft. Aber sogar unsere markt-liberalen Politiker ignorieren das. Wir, das Fraunhofer-Institut, veranstalten regelmäßig seit fünf Jahren das Kasseler Symposium „Geschäftsmodell Energiewende“, zu dem wir die Finanzindustrie und Landes- und Bundespolitiker einladen. 2018 ging es um die Entwicklung von Lösungen, die es der energieintensiven Industrie erlauben, ihre CO2-Emissionen sukzessive zu reduzieren und dabei ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht nur beizubehalten, sondern aufgrund des damit verbundenen Innovationsschubs noch zu steigern.

Wie ist die Resonanz?

Bisher: Die Finanzwirtschaft kommt, aber die Politik nicht. Da haben wir gesagt: Okay, dann gehen wir zur Politik. Und haben in diesem Jahr unser Symposium nach Berlin in unmittelbare Nähe zum Bundestag verlegt. 50 Politiker haben wir eingeladen. 0,0 sind gekommen.

Wie erklären Sie sich dieses Desinteresse?

Politik vertritt naturgemäß Partikularinteressen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine Physikerin, aber auch andere Parlamentarier haben die Dramatik des Klima-Problems verstanden. Und doch kommen sie aus der Umklammerung der kurzfristigen Vorteilserzielung nicht heraus. Die Energieträger Öl und Gas sind wirtschaftliche Machtpositionen.

Was kann man gegen diese Umklammerung tun?

Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag für den Umgang mit großen Veränderungen. Wir müssen den Beschäftigten in auslaufenden Technologien aktiv Hilfe zur Veränderung anbieten und diese Veränderungskosten in die Energiewende mit einpreisen. Die Autoindustrie beispielsweise, als eine unserer deutschen Leitindustrien, ist gar nicht so sehr abhängig vom Öl, wie man meinen möchte. Es ist eine Hightech-Industrie, in der die Elektrifizierung und die Digitalisierung fantastische zukünftige Wertschöpfungspotenziale bieten. Wir bieten Politik und Wirtschaft für die Bewältigung dieses Wandels beständig unsere professionelle, wissenschaftliche Expertise an. Vor diesem Hintergrund ist es frustrierend, wie viel amateurhafter Unfug in Talk-Shows zu diesem Thema geredet wird. Zu jeder dringenden Frage haben wir eine Studie erstellt. Aber das interessiert nicht. Wir sind die deutsche Energie-Forschung, und die Politik ruft das nicht ab. Das regt mich auf.

Was halten Sie von Fridays For Future?

Ich habe große Sympathien für die Schüler. Sie haben vollständig recht. Durch die heißen Sommer der letzten Jahre senkt sich der Grundwasserspiegel bereits soweit ab, dass das Trinkwasser in Konkurrenz zur Felderbewässerung und damit der Nahrungsproduktion gerät. Sogar in unseren Breitengraden werden wir direkt vom Klimawandel getroffen. Etwas zu ändern, geht nur durch Druck auf der Straße.

Sollen Erwachsene die Schüler unterstützen?

Ja, natürlich. Die Schüler-Bewegung benötigt neben wissenschaftlicher auch juristische Unterstützung. Mein Vorschlag: 16 Volksbegehren an 16 Länderparlamenten in Deutschland für ein Energiewende-Gesetz, das diesen Namen auch verdient. Mama, Papa, Oma, Opa und auch alle anderen vernünftigen Menschen sollten die Schüler dabei unterstützen.

Die Bundesregierung will die Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent reduzieren – bezogen auf das Jahr 1990. Wie bewerten Sie das?

Durch die gesetzliche Festlegung dieser Ziele wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit überdeutlich. Man kann gut erkennen, dass aus den klimapolitischen Zielen nicht die technischen Ziele für den Umbau des Energiesystems abgeleitet wurden. Deshalb werden die Ziele gerissen.

Ich habe bei den Ausschreibungshöhen festgestellt, dass deren Berechnung so gemacht ist, dass der energetische Beitrag der erneuerbaren Energien nicht steigt. Grund ist, dass besagte Interessenvertreter den Umsatz der konventionellen Energie konstant halten wollen. Langsam ändert sich das, weil auch die großen Energieversorger erkannt haben, dass durch Umstieg auf die Erneuerbaren Energien die Umsätze gehalten werden können. Durch diese Verzögerungstaktik werden aber die kleinen Investoren, wie Bürgergenossenschaften aus dem Markt gedrängt. Das halte ich für unsozial.

Wie reagieren Sie auf Leugner von wissenschaftlichen Fakten?

Da halte ich es mit Greta Thunberg, die sagt: Mit Donald Trump zu reden ist sinnlos. Es gibt in einer Bevölkerung immer einen Anteil von Menschen, der sich manipulieren lässt. Das muss man leider akzeptieren.

Die Agenda der meisten professionellen Leugner ist es, diesen Bevölkerungsanteil für ihre Interessen schamlos zu nutzen. Diesen manipulierbaren Anteil zu verkleinern, kann nur erreicht werden, indem man medial vermittelt, dass bei einer Transformation alle mitgenommen werden sollen. Und – genauso wichtig – indem wir in die schulische und in die politische Bildung investieren. Die Energiewende eignet sich als hervorragendes Beispiel um die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu studieren und frische Ideen zu entwickeln. Ein so tolles Studienobjekt gab es lange nicht.

Kommen wir dahin zurück, wo jeder vor Ort was tun kann? Was raten Sie der Stadt Kassel?

Darüber, was die Kommune machen kann und sollte, habe ich mir viele Gedanken gemacht. In den nächsten Tagen und Wochen soll ja eine Resolution zum Klimawandel und zur Energiewende von der Stadtverordneten-Versammlung verabschiedet werden. Unser Institut bringt sich in diesen Prozess, der von FFF, den Scientists For Future, Extinction Rebellion und einigen politischen Fraktionen initiiert wurde, aktiv ein. Es wurde bereits formuliert, dass es einen Klimaschutz-Rat geben soll. Als Institut möchten wir unsere Erfahrung mit großen Energiewende-Projekten einbringen und alle Beteiligten überzeugen, dass wir planvoll vorgehen müssen. Hektische Einzelaktionen sind nicht so erfolgreich wie die Abarbeitung eines sorgfältigen Plans. Die erste Version eines solchen Plans kann meines Erachtens innerhalb eines halben Jahres vorgelegt werden. Die Stadtverordneten-Versammlung sollte das am besten in den nächsten vier Wochen beschließen.

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