Wegen unfairer Bewertung im Internet

Kasseler Friseur siegt vor Gericht gegen Internetportal Yelp

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Frank Bosshammer mit Kundin Sibyll Schafft-Harbusch

Kassel. Das Bewertungsportal Yelp ist deutschlandweit in den Schlagzeilen: In München, Hamburg und Berlin wehren sich Geschäftsinhaber und Gastronomen gegen schlechte Bewertungen auf Yelp.de. Jetzt ist auch der Kasseler Friseur Frank Bosshammer gegen die unfaire Benotung seines Salons in Bad Wilhelmshöhe vor Gericht gezogen: mit Erfolg.

15 Bewertungen ausgeblendet Das Landgericht Kassel hat eine einstweilige Verfügung erlassen, wonach das Portal die angezeigte Gesamtbewertung für den Friseur verändern muss. Derzeit werden auf Yelp für Bosshammer nur zwei von fünf Sternen angezeigt. Allerdings basiert die Gesamtnote auf einer einzigen Bewertung.

Fünfzehn weitere abgegebene Bewertungen - allesamt gut oder sehr gut - fließen nicht in die Endnote ein und werden auf der Seite versteckt. Würde man alle 16 Bewertungen gleich gewichten, käme man auf die Note 4,75 – also fast den Bestwert. „Ich sehe mich nicht nur in meiner Berufsehre verletzt“, sagt Frank Bosshammer, der seinen Salon an der Kunoldstraße seit über 28 Jahren betreibt.

„Die schlechte Darstellung ist auch geschäftsschädigend.“ Gerade Neukunden auf der Suche nach einem Friseur orientierten sich zunehmend an den Bewertungen im Internet. Und der Eintrag bei Yelp erscheint in den Suchmaschinen unter den Top 3, wenn man nach „Bosshammer Kassel“ oder „Frisör Kassel Bewertung“ eingibt. Der Fall von Bosshammer ist der erste in Kassel, der vor Gericht gelandet ist.

Der 51-jährige Friseurmeister will auch andere Geschäftsleute ermutigen, sich die miese Darstellung bei Yelp zu wehren. „Sowas muss man sich nicht gefallen lassen.“ Die Berliner Kanzler Greyhills, die Bosshammer vertritt, ist inzwischen für 20 betroffene Geschäfte und Restaurants gegen Yelp vorgegangen. In allen Fällen seien die Landgerichte der Auffassung gefolgt, dass die Darstellung der Gesamtnote auf Basis einiger ausgewählter Bewertungen unzulässig ist, sagt Rechtsanwalt Dr. Jens Steinberg. Verantwortlich für den Wegfall eines Teils der Bewertungen sei der „Killer-Filter“, den Yelp eingeführt habe, sagt Steinberg.

Mit der automatischen Software will Yelp nach eigenen Angaben getürkte Bewertungen aussortieren. Wie genau der Filter funktioniert, verrät das Portal aber nicht. Offenbar würden Nutzer, die nur selten auf der Plattform aktiv sind, als weniger glaubwürdig eingestuft, sagt Steinberg. Fest steht, dass Yelp bei den Unternehmern, die eine einstweilige Verfügung erwirkt haben, den Filter aussschalten muss.

Noch hat die Plattform aber in keinem der Fälle reagiert. Das liegt daran, dass das Unternehmen seinen Sitz in Irland hat und darauf besteht, dass die Gerichtsbeschlüsse übersetzt werden. Die Zustellung kann dadurch zwei bis drei Monate dauern. Wenn Yelp dann nicht reagiert, muss das Unternehmen ein Ordnungsgeld in Höhe von 250 000 Euro zahlen.

Hintergrund

Yelp schluckte Qype Das US-amerikanische Bewertungsportal Yelp hatte im Oktober 2012 den deutschen Konkurrenten Qype geschluckt - seinerzeit europäischer Marktführer. Im vergangenen Herbst wurde Qype.de in Yelp.de umgewandelt. Die Nutzerbeiträge wurden dabei zwar überführt, dann allerdings über einen Algorithmus gefiltert.

Für viele Geschäfte änderte sich dadurch quasi über Nacht die Gesamt-Bewertung. Nur die sogeannten empfohlenen Beiträge werden seitdem für die Endnote gewichtet. Ob die automatische Software eine Bewertung empfiehlt, hängt von der bisherigen Aktivität des Users ab und davon, wieviel er auf Qype über sich preisgibt. Wer also nur einmalig seinen Friseur oder die Lieblingsboutique bewertet, wird aussortiert.

Stichwort

Einstweilige Verfügung Eine einstweilige Verfügung ist ein vorläufiger Rechtsschutz. Das Verfahren dient dazu, einen Streitfall vorläufig zu regeln, also bis zur Klärung im Hauptsacheverfahren. Wer sich im Fall einer unfairen Qype-Bewertung mit einer einstweiligen Verfügung wehren will, sollte allerdings schnell tätig werden, sagt Rechtsanwalt Dr. Jens Steinberg von der Kanzlei Greyhills, Berlin. Der Verfügungsantrag müsse binnen eines Monats nach der Kenntnis über die schlechte Bewertung eingereicht werden. Ist dieser Zeitraum bereits verstrichen, bleibt noch die Möglichkeit einer Unterlassungsklage.

Dieses Verfahren kann sich aber gut und gerne über ein dreiviertel Jahr oder noch länger hinziehen. Auch hier gebe es aber gute Chancen auf Erfolg. Wehren können sich Unternehmer übrigens nur gegen das Gewichtungsverfahren von Qype, nicht gegen eine schlechte Bewertung an sich. Bewertungsportale sind grundsätzlich zulässig, Kunden von Unternehmen dürfen dort im Rahmen der Meinungsfreiheit ihre Bewertungen hinterlassen. Steinberg: „Das muss der Unternehmer ertragen, solange nichts nachweisliche Falsches behauptet wird.“

Von Katja Rudolph

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