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Toni Nadalet ist tot: Kassel trauert um den Fünf-Sterne-Entertainer

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Von: Florian Hagemann

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Er war stets fröhlich: Toni Nadalet. Am Montag starb er im Alter von 71 Jahren.

Mit Toni Nadalet ist am Montag ein Kasseler Original gestorben. Seine Bar ist legendär, sein Weltklasse-Carpaccio gibt es jetzt im Himmel. Ein Nachruf.

Kassel. Toni Nadalet ließ sich seine Lust aufs Leben nie nehmen. Vor sieben Jahren erkrankte er schwer, fortan konnte er nur noch mit einer Art Ersatzstimme sprechen. Er eröffnete trotzdem seine „Marco’s Bar“ an einem neuen Ort an der Friedrich-Ebert-Straße – und machte so weiter wie immer: Er kochte, umarmte seine Gäste, Küsschen hier, Küsschen da, redete, gestikulierte und diskutierte. Und selbst wenn er nicht immer gut zu verstehen war, wusste jeder, was er meinte: Toni Nadalet hatte schließlich die Gabe, sich mit dem Herzen auszudrücken. Auch das machte ihn zu einem Original in dieser Stadt, die nicht reich an Originalen ist.

Dazu passt die Lebensgeschichte dieses Mannes, die manch überraschende Wende enthält. Am 1. April 1966 kam er nach Kassel – mit dem Zug aus Verona. Der Italiener wollte internationale Erfahrungen sammeln in seinem erlernten Beruf als diplomierter Maschinenbautechniker. Sein Ziel in Kassel waren deshalb die Henschel-Werke, wo er als Facharbeiter begann.

Dass er nicht weiterzog, hat er einer ganz anderen Fähigkeit zu verdanken, wie er mal dem Magazin „Jérome“ erzählte. Toni Nadalet war ein begnadeter Bowlingspieler – und als solcher bald besser als jeder andere in Kassel. Er übertrumpfte auch den bisherigen Champion Bruno Ortolano vom „Da Bruno“ am Königsplatz. Der wollte fortan nicht mehr gegen Toni Nadalet bowlen; er bat ihn aber, bei ihm im Restaurant zu helfen – der Beginn einer beachtlichen gastronomischen Karriere.

Toni Nadalet schien seine Berufung gefunden zu haben – zumal schnell klar wurde, dass er mehr war als Koch oder Kellner. Er reifte zu einer Art Restaurant-Entertainer. Gegenüber unserer Zeitung bezeichnete er seinen Arbeitsplatz mal als „Bühne, auf der ich meine Freunde empfangen kann“. Er tat das stets mit einer großen Portion Charme, mit viel Witz und einer beeindruckenden Aufmerksamkeit. Er wusste, was jeder einzelne war und wollte. Und er gab jedem einzelnen das Gefühl, dass er nur für ihn da sei. Hätte jemand Toni Nadalet auf seiner Bühne fürs Fernsehen gefilmt: Eine hohe Einschaltquote wäre wohl garantiert gewesen. Sein Motto: „Fünf Sterne von drei möglichen.“

Toni Nadalet kannte fast jeder in der Stadt – und er lernte alle kennen: documenta-Star Joseph Beuys servierte er Steaks, mit Schauspielerin Judy Winter pokerte er bis in die Nacht. Promis wurden zu Freunden. Und Toni Nadalet beeindruckte fast alle – mit seinem Wesen und seinem Essen. Ganz unbescheiden nannte er sein hausgemachtes Carpaccio „Weltklasse“. Und keiner widersprach. Die Begabung hatte er von seinem Vater geerbt, der in Italien als Witwer immer für ihn und seinen Bruder gekocht hatte.

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Nach fast 30 Jahren im „Da Bruno“ zog es 1996 Toni Nadalet in die Königsgalerie, er eröffnete eine Bar, die er nach einem seiner beiden Söhne beannte: „Marco’s Bar“ wurde zum wichtigen Treff der Stadt – ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.

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In „Marco’s Bar“ an der Friedrich-Ebert-Straße ging es seit 2012 etwas beschaulicher, aber nicht weniger herzlich zu. Toni Nadalet bezeichnete das Restaurant dort als sein Wohnzimmer, dabei wohnte er eigentlich in Wehlheiden. Im Vorderen Westen aber verbrachte er die meiste Zeit; hier verarbeitete er auch den Tod seiner Frau Elfi, die er 1968 geheiratet hatte. Bis zum Schluss blieb ein Besuch bei Toni Nadalet ein Ereignis.

Am Montag ist Toni Nadalet im Alter von 71 Jahren gestorben. Das weltbeste Carpaccio gibt es jetzt im Himmel, und es ist zu hoffen, dass dies dort gewürdigt wird. „Ich brauche den Applaus“, sagte er mal.

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