Ein Blick zurück: So sahen Kasseler Gastwirtschaften vor 100 Jahren aus

Spanische Weinhalle, Hohenzollernstraße 47 (heute Friedrich-Ebert-Straße).  Aufnahme von 1922.

Kassel. Will ein Gastwirt erfolgreich sein, reicht es nicht aus, nur Getränke und Essen zu servieren. Dies galt auch schon vor über 100 Jahren.

So bemühten sich schon damals Kassels Gastronomen um Atmosphäre und besondere Angebote. Einer, der das sehr gut verstand, war August Aurin. Der 1878 geborene Geschäftsmann betrieb mit dem Ausflugslokal Belvedere auf dem Möncheberg und dem Jagdschlösschen in der Nähe des Schlösschens Schönfeld Gastwirtschaften, die auch Zoo und Freizeitpark waren.

Aurin arbeitete sich vom Kellner in einem Restaurant am Kasseler Mulang bis zum erfolgreichen Gastwirt hoch. Mit 26 Jahren war er Pächter des Ausflugslokals Belvedere – eines der beliebtesten in Kassel. Dies lag auch daran, dass Aurin nicht nur Idylle, sondern auch Attraktionen bot. Davon zeugt ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1910: „Das am Mittwoch von Herrn A. Aurin veranstaltete Konzert mit Illumination und Feuerwerk hatte sich eines guten Besuches zu erfreuen. Die Kapelle Rehmann leistete Vorzügliches und musste sich zu vielen Zugaben verstehen. Das von Herrn Emil Bretscher, Kunstfeuerwerker, ausgeführte und abgebrannte Prachtfeuerwerk zeigte ganz prächtige Bilder. Vom hohen Aussichtsturme beleuchtete man in drei bengalischen Farben die nachtschwarze Umgebung.“

Der Aussichtsturm mit Fernrohren war neben einem von Aurin angelegten Zoo mit Affen, Bären, Seehunden, Wildschweinen, Rehen und Ponys einer der Anziehungspunkte. Zudem gab es Kinderprogramm – etwa eine Reitbahn.

Beliebt war bei den Kasseler besonders der Aurinsche Speckkuchen. Sie nannten das Belvedere im Kasseläner Dialekt „Belverdere“.

1911 gab Aurin das Belvedere, das im Zweiten Weltkrieg zerstört werden sollte und an dessen Stelle heute das Klinikum steht, auf. Er übernahm das Restaurant Jagdschlösschen am Park Schönfeld und nahm seine Tiere dorthin mit.

Aurins Enkel Hilmar Burkhardt (74) aus Homberg erzählt, dass sein Großvater immer darauf bedacht gewesen sei, Attraktionen anzubieten. „Dies war auch nötig, weil die Lokale außerhalb der Stadt lagen“, sagt Burkhardt.

Bis 1923 führte Aurin das Jagdschlösschen. Später übernahm er das „Gasthaus zur Tante“ am Friedrichsplatz. Nach dem Krieg wollte Aurin das zerstörte Gasthaus wieder aufbauen. Die US-Militärbehörde verweigerte ihm dies aber, erzählt sein Enkel. Mit der Währungsreform 1948 habe sein Großvater seine Ersparnisse in Reichsmark verloren. „Das hat er seelisch nicht verkraftet. Am 16. August 1948 nahm er sich das Leben“, sagt Burkhardt.

Ein Blick zurück: Kasseler Kneipenhistorie

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