Es gab damals 1200 D-Mark Gefahrenzulage

50 Jahre lang Sprengmeister: Kasseler Karl-Heinz Iffert hat Bomben noch mit der Rohrzange entschärft

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Heilige Barbara ist Glücksbinger: Karl-Heinz Iffert hat 50 Jahre lang Bomben entschärft.

Sprengbomben, Brandbomben, Granaten und Luftminen - der Kasseler Karl-Heinz Iffert hat sie alle überlebt. In 50 Jahren als Sprengmeister hat der heute 90-Jährige Hunderte entschärft.

Kassel – Dass er am Leben blieb, hat er – da ist er sicher – der Heiligen Barbara zu verdanken. Diese trägt er seit Jahrzehnten als Goldkette um den Hals.

Iffert hat nicht nur die explosiven Spuren des Kriegs beseitigt, er hat ihn auch noch selbst erlebt: Er wurde 1929 als ältestes von zehn Kindern in Oberzwehren geboren. Nach der achten Klasse wollte er eigentlich Elektriker werden, doch der Bombenkrieg zerstörte seine Ausbildungsstätte. Als 15-Jähriger musste er als Kriegshelfer an den Westwall, um Schützengräben und Panzersperren zu schaufeln.

Nach dem zweiten Weltkrieg startete er die Ausbildung zum Sprengmeister

Als der Krieg vorbei war, gab ein Bekannter seinem Leben eine entscheidende Richtung. Er vermittelte ihm eine Stelle bei einer Sprengstofffirma in Wolfhagen. Ab 1950 ließ er sich zum Sprengmeister ausbilden. Während die meisten Menschen in dieser Zeit froh waren, dass sie die tödliche Gefahr der Bomben hinter sich gelassen hatten, setzte Iffert sich dem Risiko im Sprengkommando Hessen auf Dauer aus.

Auszug aus dem Pressebericht über die Sprengung der alten Kriegsschule in Kassel (oben rechts klicken, um das ganze Bild zu sehen). 

Neben den Bombenfunden war Iffert als Sprengmeister auch für die Sprengungen der Kriegsruinen zuständig. So legte er 1954 die Reste der riesigen Kriegsschule in Schutt und Asche, die zwischen Fridericianum und Naturkundemuseum stand – heute verläuft dort der Steinweg.

Damals hieß es noch ganz nah ran an die Bombe

Damals bedeutete das Geschäft der Bombenentschärfer noch Nahkontakt mit dem explosiven Kriegserbe. „Die Entschärfung wurde mit einer Rohr- oder Wasserpumpenzange direkt an der Bombe erledigt. Dabei war ich alleine an der Bombe“, erzählt er. 

Eine Fernentschärfung mit technischen Hilfsmitteln – wie sie heute geschieht – gab es damals nicht. So wurden die Zünder mit Muskelkraft herausgedreht. Dabei lauerten Fallen: Denn einige Zünder waren mit Ausbausperren versehen. Durch ein Drehen am Zünder wäre die Bombe detoniert. Dies konnte verhindert werden, indem die Bombe um den Zünder gedreht wurde. Ein Kraftakt.

Oft schüttelten ihm erleichterte Anwohner die Hand

Wenn es die Örtlichkeit erlaubt habe, seien die Bomben vor Ort gesprengt worden. „Oder wir haben eine Leine an der Bombe befestigt und sie auf ein freies Feld gezogen, um sie dort zu sprengen.“ Nicht selten schüttelten ihm anschließend erleichterte Anwohner die Hand.

Vor dem Bau der Südtangente: Iffert 1976 bei der Bombensuche.

In den Nachkriegsjahren hatten Iffert und seine Kollegen, die im Sprengkommando Hessen für ganz Nordhessen zuständig waren, alle Hände voll zu tun. Bis Mitte der 60er-Jahre entschärften sie täglich drei bis vier Blindgänger. Auch Reste von Jagdflugzeugen und Panzern wurden damals noch in der Landschaft gefunden.

Seine Frau starb bereits im Alter von 53 Jahren

Seine Frau war immer in Sorge um ihn. „Wenn ich unterwegs war, haben wir täglich telefoniert.“ Eines Tages erreichte er seine Frau nicht. Sie war mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Dabei hatte vieles dafür gesprochen, dass es ihn zuerst erwischt.

In Frankfurt: Iffert sondierte in den 80ern die künftige Starbahn West.

Iffert blickt auf viele große Einsätze zurück: So entschärfte er in der Karlsaue die Blindgänger im Vorfeld der Bundesgartenschau 1981, und er war in den 80er-Jahren dabei, als am Frankfurter Flughafen das Gelände für die umstrittene Startbahn West sondiert wurde. Auch den Streckenverlauf der heutigen Südtagente in Kassel hat er auf Bomben untersucht. Der größte Fund war eine Luftmine, die über eine Tonne wog.

1200 D-Mark Gefahrenzulage gab es für Karl-Heinz Iffert

Sein riskanter Beruf wurde gut bezahlt, wie er sagt. „Ich bekam 1200 DM Gefahrenzulage.“ Mehrfach hatte er seinen Arbeitgeber gewechselt. Zuletzt war er für die Firma Taubert tätig. Bis 1997 arbeitete er dort.

Auch privat fand Iffert wieder sein Glück. Mit seiner zweiten Frau Erika lebt er seit 35 Jahren zusammen. Und die schwärmt vom jugendlichen Blutdruck und Puls ihres 90-jährigen Gatten. Vielleicht war es sein guter Ruhepuls, der ihm das Überleben gesichert hat. Vielleicht hatte aber tatsächlich die Heilige Barbara ihre Finger im Spiel.

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