Weißer Fleck in Kassels Geschichte des 1. Weltkriegs

Kasseler Historiker zu 1. Weltkrieg: „Hunger und Kälte als Waffe eingesetzt“

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Historiker Wolfgang Matthäus.  

Kassel. Wenige wissen, dass es im 1. Weltkrieg in Deutschland zigtausend Zwangsarbeiter gab. In Kassel waren sie im Kriegsgefangenenlager in Niederzwehren untergebracht.

Es handelte sich unter anderem um Belgier, die zur Arbeit in der Rüstungsindustrie gezwungen werden sollten.

Für Samstag, 1. September, lädt die Stadt Kassel ab 9.30 Uhr zur Gedenkveranstaltung „100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs“ in das Gemeindehaus der Matthäuskirche, Am Fronhof, ein. Historiker Wolfgang Matthäus hält dazu einen Vortrag über belgische Zwangsarbeiter. 

Wir sprachen vorab mit Wolfgang Matthäus.

Wenn von Kriegsgräuel, Soldatenfriedhöfen und  Kriegsgefangenen die Rede ist, denken die meisten an den 2. nicht an den 1. Weltkrieg. Warum?

Wolfgang Matthäus: In Kassel ist es speziell so, dass der 1. Weltkrieg historisch kaum professionell aufgearbeitet worden ist. So nimmt er im Kassel-Lexikon gerade mal eine halbe von mehr als 700 Seiten ein. Er ist in Kassel ein weitgehend weißer Fleck. Eine plausible Erklärung dafür ist: Der 1. Weltkrieg hat sich nicht auf deutschem Boden abgespielt, anders als beim 2. Weltkrieg, wo die Bevölkerung direkt und massiv – gerade in Kassel - betroffen war.

Allerdings ist in anderen Städten die regionale Erforschung des 1. Weltkriegs besser. In Gießen gab es zum Ausbruch des 1. Weltkriegs eine große Ausstellung mit einer voluminösen Publikation. In Kassel waren vor vier Jahren sowohl das Stadt- als auch das Landesmuseum geschlossen und nicht in der Lage, das Ereignis zu thematisieren.

Was gibt es in Kassel zum Gedenken an den 1. Weltkrieg?

Matthäus: Es gibt das Mahnmal am Rosenhang und eine ganze Reihe von Gedenkorten z. B. auf Friedhöfen und in Schulen. Nicht zuletzt erinnern gerade die Soldatenfriedhöfe in Niederzehren an Opfer aus der Zeit des 1. Weltkriegs.

Sie haben in diesem Kontext speziell zu einem Kasseler Thema geforscht, das gänzlich unbekannt ist: Belgische Zwangsarbeiter. Was hat es damit auf sich?

Matthäus: Ich bin selber erst 2016 auf das Thema gestoßen, als die belgische Stadt Floreffe eine Kasseler Delegation zur hundertjährigen Wiederkehr der Deportation belgischer Zwangsarbeiter nach Kassel eingeladen hat. Dort gibt es jedes Jahr eine große Gedenkzeremonie.

Ich habe dann angefangen, Recherchen über die Zwangsdeportation von Belgiern nach Kassel zu betreiben. Insgesamt waren es etwa 8000, darunter die 1200 aus Floreffe Deportierten. Im ganzen Land waren es 60.000 Belgier, die auf Betreiben der Industrie und der Obersten Heeresleitung als Arbeitskräfte für die Kriegsindustrie nach Deutschland verschleppt worden waren. Dadurch sollten auch deutsche Männer für die Front freigesetzt werden. Man konzentrierte sich bei der Auswahl auf Arbeiter, aber auch Angehörige anderer Gruppen traf es. Das Ganze widersprach natürlich dem Völkerrecht, wonach zwar Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen werden können, nicht aber Zivilisten, die sich nicht feindlich verhalten haben.

Ursprünglich sollten pro Woche 20 000 Belgier nach Deutschland gebracht werden, aber das Ganze scheiterte an der fehlenden Logistik.

Die Männer wurden in sogenannten Verteilungsstellen innerhalb von Kriegsgefangenenlagern untergebracht – so auch in Niederzwehren. Sogar die Bezeichnung Konzentrationslager war im Gespräch. Es war das Vorläufer-Modell für Zwangsarbeit im 2. Weltkrieg.

Warum Belgier?

Matthäus: Das Land war fast vollständig vom Deutschen Reich besetzt, stand unter deutscher Verwaltung. Da hat man sich einfach bedient. Die Männer wurden ohne Vorwarnung aus ihrem Alltag gerissen und wurden völlig unzureichend gekleidet und versorgt mit militärischer Gewalt abtransportiert. Es herrschte 1916 ein eiskalter Winter. Schon der Transport nach Deutschland war eine große körperliche Strapaze.

Weil man die Männer zur „freiwilligen“ Aufnahme einer Arbeit zwingen wollte, die diese verweigerten, hat man alles getan, damit die Bedingungen im Lager unerträglich waren. Man hat Hunger und Kälte als Waffe eingesetzt. Es gab dort deutlich weniger zu essen als für die Kriegsgefangenen, die besser behandelt wurden

Das traurige Ergebnis war, dass die Sterberate sehr hoch war. Allein in Niederzwehren starben in kurzer Zeit 88 der deportierten Belgier, darunter vier aus Floreffe. Zwei wurden erschossen.

Die Rechnung ging also nicht auf?

Matthäus: Nein. Das ganze Unterfangen scheiterte. Es hat das Gegenteil des Bezweckten bewirkt und nur Hass und Verbitterung erzeugt. Von den 60.000 Deportierten in Deutschland hat nur höchstens Viertel eine Arbeit aufgenommen. Im Februar 1917 wurden die Deportationen beendet. Aber nicht aus rechtlichen oder humanitären Überlegungen: Es hatte sich einfach nicht gelohnt.

Was ist aus den belgischen Zwangsarbeitern geworden?

Matthäus: Viele der Männer sind zurückgebracht worden. Aber bislang haben wirl zu wenig Quellen. Deshalb gibt es viele Fragen, die beantwortet werden müssten. Wo haben sie gearbeitet? Wie wurden sie entlohnt? Wie sind sie wieder nach Belgien gekommen? Ich erhoffe mir in der Begegnung mit der Delegation aus Floreffe Informationen.

Können Sie sich erklären, warum dieses Kapitel in Kassel in Vergessenheit geraten ist, während im belgischen Floreffe eine zentrale Straße als „Rue des deportés“ daran erinnert?

Matthäus: Ich weiß nicht, ob es hier je richtig bekannt war. Die Deutschen waren die Täter, die Belgier die Opfer. Wir sprechen heute darüber, weil in Belgien die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel hochgehalten wird.

Für Samstag, 1. September, lädt die Stadt Kassel ab 9.30 Uhr zur Gedenkveranstaltung „100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs“ in das Gemeindehaus der Matthäuskirche, Am Fronhof, ein. Historiker Wolfgang Matthäus hält dazu einen Vortrag über belgische Zwangsarbeiter.

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