"Auch kleine Hunde brauchen Regeln" - Interview mit Gary Pohl

Hundetrainer fordert die Anleinpflicht in Kassel

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Gary Pohl

Kassel. Nach mehreren Vorfällen mit nicht angeleinten Hunden in der Region fordern Experten die Anleinpflicht und den Hundeführerschein.

Ein Dobermann-Mischling, der gleich zweimal Grundschulkinder anfiel und verletzte, ein Schäferhundmischling, der einen Terrier totbiss, ein American Staffordshire Terrier, der einen Pudel angriff und tödlich verletzte: Nach mehreren Vorfällen mit unangeleinten Hunden in der Region wird jetzt der Ruf nach einer Anleinpflicht laut. Bewohner des Kasseler Stadtteils Fasanenhof haben zudem das Ordnungsamt eingeschaltet, weil sie sich und ihre Hunde von einem Mischling im Stadtteil bedroht fühlen.

Die Tierrechtsorganisation Peta hat aufgrund der jüngsten Vorfälle in Nordhessen die umgehende Einführung eines sogenannten Hundeführerscheins in Hessen gefordert.

Der im Rheinland bekannte Hundetrainer Gary Pohl, der derzeit einen Hof für Hunde (Reha, Training und Urlaub) in Berndshausen bei Homberg/Efze aufbaut, fordert ebenfalls einen solchen Nachweis. Bevor sich ein Mensch einen Hund anschaffe, müsse er beweisen, dass er charakterlich geeignet ist, mit dem Tier umzugehen, sagt Pohl, der seit 20 Jahren als Hundetrainer arbeitet. „Nicht jeder ist in der Lage, mit einem Hund adäquat zusammenzuleben.“

Pohl kann zudem nicht nachvollziehen, dass es noch Städte ohne generelle Anleinpflicht gibt. Er selbst habe drei Hunde, die ihm aufs Wort hörten. Nichtsdestotrotz käme er nie auf die Idee, diese in Kassel ohne Leine laufen zu lassen. Man dürfe nicht vergessen, dass es Menschen gebe, die eine Hundephobie haben. Denen helfe es auch nichts, wenn die Hundehalter behaupteten, dass ihr Tier nichts mache, sagt der Hunde-Profi.

„Die Stadt hat keine Möglichkeit, die generelle Verpflichtung zum Anleinen aller Hunde im gesamten Stadtgebiet anzuordnen. Städtische Gefahrenabwehrverordnungen sind nur in dem vom Bundes- oder Landesrecht vorgegebenen Rahmen möglich“, sagt Stadtsprecher Claas Michaelis.

In Kassel gibt es 41 Gebiete, in denen Hunde angeleint sein müssen.

Interview mit Hundetrainer Gary Pohl

Nachdem es in Kassel mehrere Vorfälle mit Hunden gab, gibt es Forderungen nach einer generellen Anleinpflicht in der Stadt. Über diese und wie man mit Hunden umgehen sollte, sprachen wir mit Hundetrainer Gary Pohl. Der 50-Jährige, der aus Kassel stammt, ist in Nordrhein-Westfalen ein bekannter Hundetrainer. Derzeit baut er mit seiner Frau, einer Hunde-Physiotherapeutin, einen Hof für Hunde in Knüllwald (Schwalm-Eder-Kreis) auf. Hier werden Hunde ausgebildet und therapeutisch behandelt mit Unterbringungsmöglichkeiten für die Besitzer.

Herr Pohl, ein Dobermann-Mischling hat kürzlich zwei Mal hintereinander Grundschüler in Kassel attackiert und verletzt. Nach dem zweiten Angriff wurde der Hund in eine städtische Unterbringungsstelle für vermeintlich gefährliche Hunde gebracht. Sie sagen, dass Sie Interesse daran haben, diesen Hund bei sich aufzunehmen. Warum?

Gary Pohl: Ich habe einiges in der Zeitung über den Hund gelesen. Ich habe dabei den Eindruck gewonnen, dass der Hund nicht so aggressiv ist. Bevor er in falsche Hände gerät, würde ich ihn gern bei mir aufnehmen. Unser Rudel besteht aus „Nottieren“, das ist also nichts Außergewöhnliches für uns.

Hatten Sie auch schon mal Probleme mit eigenen Hunden?

Pohl:Ja. So bin überhaupt erst dazu gekommen, Hundetrainer zu werden. Ich hatte einen Labrador und einen Dobermann, die aufeinander losgegangen sind und sich gegenseitig schwer verletzt haben. Verschiedene Trainer sagten mir, ich müsse die Hunde trennen. Bis ich einen Experten in Hamburg getroffen hatte, der sich mir der Biologie der Hunde sehr gut auskannte. Er machte mir Hoffnung, dass ich es mit Geduld, Konsequenz und Vertrauen schaffen kann, Regeln zu etablieren. Das hat geklappt.

Nicht alle Menschen kommen mit Hunden zurecht. Nach Auskunft der Stadt war die Halterin mit dem Dobermann-Mischling überfordert. Sind viele Menschen mit Hunden überfordert?

Pohl:Das ist richtig. Der Hund ist ein Rudeltier, das eine angeborene soziale Intelligenz hat und Regeln braucht. Das ist genetisch auch so verankert. Der Punkt ist, dass der Hundebesitzer dem Hund beibringt, dass er selbst der Entscheidungsträger ist und dies nicht dem Hund überlässt. Oft haben aber Hundebesitzer kein Interesse, den Tieren Regeln beizubringen, weil dies anfangs sehr viel Konsequenz erfordert.

Müssen große Hunde mehr erzogen werden als kleine?

Pohl:Das denken viele Leute, das ist aber falsch. Unabhängig von ihrer Größe denken alle Hunde gleich. Auch kleine Hunde brauchen Regeln.

Gibt es überhaupt "Kampfhunde"? Hier finden Sie weitere Informationen rund um Listenhunde und die Rasseliste in Hessen.

Man hat mittlerweile den Eindruck, dass viele Leute sich einen Hund anschaffen, weil das schick ist. Haben Sie auch schon diese Erfahrung gemacht?

Pohl:Absolut. Als vor Jahren der Film 101 Dalmatiner in die Kinos kam, waren plötzlich unheimlich viele Dalmatiner auf der Straße zu sehen. Zwölf Monate später waren 70 bis 80 Prozent dieser Hunde im Tierheim, weil die Halter überfordert waren. Sie haben sich im Vorfeld nicht mit einer artgerechten Haltung und dem Wesen dieser Tiere auseinandergesetzt.

Sie fordern, dass jeder Mensch, der sich einen Hund anschaffen möchte, erst einen Hundeführerschein macht.

Pohl: Ja, denn nicht jeder ist in der Lage, mit einem Hund adäquat zusammenzuleben. Im Tierschutzgesetz steht deutlich, dass man auch eine Fürsorgepflicht für seinen Hund hat. Ein normaler Hund muss pro Tag die Möglichkeit haben, sich draußen zwei bis drei Stunden zu bewegen.

Ein Hund braucht nicht nur Zeit, sondern er kostet auch Geld.

Pohl:Bevor man sich einen Hund anschafft, muss man sich auch über die Kosten bewusst sein, die er verursachen kann. Wenn sich ein großer Hund zum Beispiel ein Bein bricht, dann belaufen sich die Gesamtkosten schon mal auf 2500 Euro. Man muss sich im Vorfeld fragen, ob man sich das leisten kann. Krankenversicherungen für Hunde sind nach wie vor sehr teuer.

Sie fordern auch, dass Halter eine Haftpflichtversicherung für ihren Hund abschließen müssen.

Pohl:Wer Auto fährt, muss sich schließlich auch versichern. Es ist möglich, dass man seinen Hund in die Haftpflichtversicherung mit aufnimmt. Denn Hunde können Unfälle mit hohem Schaden verursachen.

Wenn Sie zum Beispiel plötzlich irgendwohin laufen, wo sie nichts zu suchen haben.

Pohl: Da wären wir beim Thema Anleinpflicht. Ich finde es unverantwortlich, dass es in Städten wie Kassel keine generelle Anleinpflicht für Hunde gibt. Und die muss auch für kleine Hunde gelten. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein kleiner Hund bekommt einen Schrecken, läuft auf die Straße vor ein Auto, an dessen Steuer eine schwangere Frau sitzt. Was da alles passieren kann. Durch die Anleinpflicht werden Hunde aber auch geschützt. Viele Leute gucken doch nur noch auf ihr Handy, wenn sie durch die Stadt gehen. Und auch alle Radfahrer sind nicht immer rücksichtsvoll.

Und es gibt Menschen, die einfach Angst vor Hunden haben.

Pohl:Menschen, die unter Kynophobie leiden, hilft es auch nichts, wenn Halter sagen, dass ihr Hund nichts tut und ganz lieb ist. Ein Hund tut immer etwas, er atmet oder er bewegt sich. Bei Menschen mit einer Hundephobie ist die Angst so tief verwurzelt, dass sie diese nicht einfach durch lapidare Sprüche beiseiteschieben können. Und ein Halter, dessen unangeleinter Hund auf meine Hunde zukommt, kann nicht wissen, ob von unserer Seite der Kontakt gewünscht ist.Foto:  Privat (nh)

Gary Pohl

Gary Pohl (50) stammt aus Kassel. Er machte eine Ausbildung als Groß- und Einzelhandelskaufmann, bevor er vor knapp 20 Jahren Hundetrainer wurde. Pohl lebte und arbeitete viel Jahre im Rheinland. Er wirkte unter anderem drei Jahre lang bei der TV-Sendung „Herrchen gesucht“ (WDR) als Experte für Hunde mit. Mittlerweile lebt Pohl mit seiner Frau in Knüllwald (Schwalm-Eder-Kreis), wo die beiden derzeit den Leonhardshof für Hunde aufbauen. Pohl ist Sponsor des KSV Hessen Kassel.

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