Interview

Mann aus Kassel saß mit Verlobter in Kabul fest – jetzt ist die Ausreise gelungen

Verließ nicht mehr das Haus: Asib Malekzada war zwei Wochen in Kabul, um seine Verlobte aus der Krisenregion herauszuholen.
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Verließ nicht mehr das Haus: Asib Malekzada war zwei Wochen in Kabul, um seine Verlobte aus der Krisenregion herauszuholen.

Ein Mann aus Kassel reist nach Kabul, um seine Verlobte aus der Krisenregion herauszuholen. Nun hat der 32-Jährige erfreuliche Nachrichten.

Update vom Donnerstag, 19.08.2021, 10.27 Uhr: Nachdem Asib Malekzada aus Kassel die dramatischen Verhältnisse in Afghanistan hautnah miterlebt hatte, ist ihm und seiner Verlobten nun die Ausreise gelungen. Wie der 32-Jährige berichtet, befinden sie sich seit Mittwochnachmittag (18.08.2021) auf dem Weg nach Kassel. Dort will das Pärchen demnächst heiraten – einen Termin beim Standesamt haben die beiden schon.

Mann aus Kassel steckt in Afghanistan fest: Asib Malekzada im Interview

Erstmeldung vom Mittwoch, 18.08.2021, 11.14 Uhr: Kassel - Seit mehr als 20 Jahren lebt der 32-jährige Asib Malekzada in Kassel, will hier eigentlich bald heiraten. Um seine Verlobte aus Kabul herauszuholen, reiste er dorthin. Im Interview schildert er seine Situation.

Innerhalb weniger Tage ist die Lage in Afghanistan völlig außer Kontrolle geraten. Doch das Auswärtige Amt kann die Verlobte von Asib Malekzada derzeit nicht ausfliegen, weil der Weg zum Flughafen für Afghanen blockiert ist. Wir sprachen am Dienstagmittag (17.08.2021) mit Malekzada per Videotelefonie, bevor sich die dynamische Lage am Abend weiter entwickelte (siehe Infobox weiter unten).

Zur Person

Asib Malekzada (32) wurde in Kabul geboren und floh als Säugling mit seinen Eltern aus Afghanistan. Er lebt seit 1999 in Deutschland, hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Er arbeitet als Projektmanager in Kassel. Seit 2005 ist er SPD-Mitglied. Malekzada ist zudem stellvertretender Vorsitzender des Kasseler Ortsvereins Altkassel-Bettenhausen. Malekzada ist ehrenamtlich engagiert: als Schöffe vor Gericht, Bewährungshelfer und in der Flüchtlings- und Migrationshilfe.

Herr Malekzada, wie ist die Situation in Kabul?
Die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan sind, insbesondere in den vergangenen Tagen, mehr als katastrophal. Hier droht eine humanitäre Katastrophe. Die Bilder und Videos vom Flughafen sind um die Welt gegangen. Diese Bilder sind sehr traurig. Die Menschen riskieren ihr Leben, laut Berichten hier vor Ort gab es mehrere Tote.
Wo halten Sie sich auf?
Ich bin in einem zentralen Stadtbezirk in Kabul bei Familienangehörigen, etwa 10 bis 15 Minuten Autofahrt vom Flughafen entfernt. Unser Stadtteil ist schon unter Kontrolle der Taliban. Seitdem die hier sind, haben wir das Haus nicht mehr verlassen, so wie viele andere auch nicht. Die Leute haben Angst.
Was machen Sie in Kabul?
Ich wurde hier geboren, bin aber als sogenanntes Fluchtkind nach Deutschland gekommen. Meine Eltern sind Ende der 1980er-Jahre, als ich noch ein Säugling war, aus dem Land geflüchtet. Wir sind damals zuerst nach Moskau und dann 1999 nach Deutschland gekommen. Seitdem lebe ich in Kassel und habe auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
Vor zwei Wochen bin ich nach Kabul gereist, um meine Verlobte hier rauszuholen. Damals haben die Taliban bereits erste Provinzen und Städte erobert. Wir versuchen schon seit einem Jahr, ein Visum für sie zu organisieren, da sie afghanische Staatsangehörige ist.
Warum dauert das so lange?
Die deutsche Botschaft in Kabul arbeitet seit einem Bombenanschlag im Jahr 2017 nur sehr eingeschränkt. Die konsularischen Dienste, also auch die Visa-Ausstellung, waren seitdem hier vor Ort nicht verfügbar. Um solche Dinge zu erledigen, muss man auf die Botschaften in Indien oder Pakistan ausweichen und dort ein Visum und die Familienzusammenführung beantragen.
Diese Anträge haben wir im Juni 2020 gestellt, aber bis heute keine Antwort darauf bekommen. Auch unsere Eheschließung haben wir bei der Stadt Kassel beantragt, haben sogar schon einen Termin beim Standesamt in etwa zehn Wochen. Sogar das Oberlandesgericht Frankfurt hat die Eheschließung genehmigt.
Was sagt Ihnen das Auswärtige Amt?
Wir werden vom Auswärtigen Amt mit der pauschalen Antwort, wir stünden auf der Warteliste, hingehalten. Selbst wenn die Taliban nicht Kabul erobert hätten, hätten wir nach Neu-Delhi gemusst. Das ist für meine Verlobte als Afghanin aber so gut wie unmöglich, weil sie dafür wiederum ein indisches Visum bräuchte. Außerdem ist eine Reise nach Neu-Delhi inmitten der Corona-Pandemie ein enormes Risiko.
Standen Sie in den vergangenen Tagen in Kontakt mit deutschen Behörden?
Ich bin in regelmäßigem Kontakt mit dem Auswärtigen Amt in Berlin und auch der Botschaft in Kabul. Am Dienstagmorgen habe ich lediglich eine Mail bekommen, in der stand: Sie können ausgeflogen werden, Ihre Verlobte nicht. Als Begründung heißt es, es könnten nur unmittelbare Angehörige mitgenommen werden.
Meine Verlobte ist für mich eine unmittelbare Angehörige. Außerdem habe ich alle Originaldokumente vom Standesamt, aber auch dem Gericht mitgenommen, das hat bisher aber nicht geholfen. Der Botschaft liegen die Dokumente vor, die haben aber auf stumm geschaltet. Man rät uns nur, zum Flughafen zu gehen und zu versuchen, in einen Flieger zu kommen.
Ist das eine realistische Option?
Überhaupt nicht. Die Gefahr ist zu groß. Auf dem Weg zum Flughafen gibt es mehrere Checkpoints der Taliban, sodass wir diese gefährlichen Punkte erst einmal passieren müssten. Die Taliban leben nach dem strengen islamischen Recht, der Scharia. Meine Verlobte könnte also nur komplett verschleiert vor die Tür, auch ich trage traditionelle Kleidung.
Wir dürften nicht auffallen. Wenn wir dann überhaupt am Flughafen ankommen würden, gäbe es immer noch keine Lösung für meine Verlobte. Die Deutschen scheinen auf ihren Verwaltungsstrukturen zu beharren. Ich steige aber natürlich nicht ohne meine zukünftige Frau, die ich heiraten will, in einen Flieger und lasse sie hier zurück.
Wie ist die Versorgungslage mit Wasser und Lebensmitteln in Kabul?
Seit der Ankunft der Taliban in der Hauptstadt haben alle umliegenden Länder die Außengrenzen dichtgemacht, um Flüchtlinge abzuhalten. Das führt natürlich zu schwerwiegenden Versorgungsengpässen. Dazu kommt, dass es hier in Kabul gerade 38 Grad heiß ist. Meine Familie sagt, es habe seit zehn Wochen keinen Tropfen Regen gegeben.
Aus den Wasserleitungen kommt kein Wasser. Die Preise auf den Märkten sind extrem angestiegen. Nur die wenigsten können sich dort noch Trinkwasser und Lebensmittel leisten. Strom gibt es wenn nur in den späten Abendstunden für 30 bis 45 Minuten.
Was haben Sie bislang von den Taliban mitbekommen?
Seitdem die in der Stadt sind, waren wir noch nicht vor der Haustür. Auch sind sie noch nicht zu unserem Haus gekommen, wovor wir natürlich Angst haben. Ich stehe grade auf einer Terrasse, weil es hier besseres mobiles Internet gibt. Das fühlt sich aber auch nicht sicher an.
Bekannte, die schon draußen waren, berichten, dass die Stadt wie ausgestorben ist. Die Taliban zeigen massiv Präsenz auf allen Straßen, wie man hört. Ich versuche, mich vor allem über deutsche Medien zu informieren.
Bekommen Sie Unterstützung aus Deutschland?
Ich bin seit vielen Jahren in der Kasseler SPD. Unser Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels ist seit Wochen im Kontakt mit dem Auswärtigen Amt, um eine schnelle Lösung zu finden, insbesondere in den letzten Tagen. Was mich besonders ärgert:
Wir haben alle deutschen Dokumente. Während ehemaligen Ortskräften unbürokratisch geholfen werden soll, hängen wir in der Verwaltungsstruktur fest. Ich werde hier als deutscher Staatsbürger im Stich gelassen. Wir sind hier mitten im Krieg und es scheitert an Formalitäten. (Gregory Dauber)
Wir wünschen Ihnen beiden alles Gute und eine rasche und sichere Ausreise.

Bundesaußenminister Heiko Maas: Versuchen, sichere Wege zu errichten

„Die Lage ändert sich stündlich“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas am Dienstag (17.08.2021). Das Problem für alle ohne ausländischen Pass: Die US-Soldaten kontrollieren den Zugang zum Flughafen in Kabul, der auch einen militärischen Teil hat, wo deutsche Soldaten und die verbliebenen Botschaftsmitarbeiter sind. Der Weg zum Flughafen wird hingegen von den Taliban blockiert.

Die Bundesregierung will sich in Gesprächen mit Taliban-Vertretern um Ausreisemöglichkeiten für einheimische Ortskräfte bemühen. Der deutsche Botschafter in Kabul, Markus Potzel, sei nach Doha gereist, wo US-Vertreter mit Taliban-Repräsentanten im Gespräch sind, sagte Maas am Dienstagabend. Der Diplomat wolle in seinen Gesprächen in Doha darauf hinwirken, „dass auch Ortskräfte sich an den Flughafen begeben können und auch ausgeflogen werden können“, sagte Maas.

Bislang können nach seinen Angaben nur ausländische Staatsbürger die Taliban-Kontrollposten auf dem Weg zum Flughafen passieren, Afghanen würden zurückgewiesen. Man arbeite zusammen mit den USA und anderen Staaten an sicheren Wegen, erklärte Maas.

Die Bundeswehr fliege „in dem Maße, wie es irgendwie möglich ist, Menschen aus Kabul heraus, ob es eigene Staatsangehörige sind, ob es Menschen anderer Nationalitäten sind, ob es Ortskräfte sind oder besonders gefährdete Personen“, sagte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. „Wir würden sie mitnehmen, aber sie gelangt derzeit nicht zum Flughafen“, sagte das Auswärtige Amt am Abend gegenüber der HNA zum Fall der Verlobten des Kasselers Asib Malekzada.

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