"Finanzierung nur eine Frage der Verteilung"

Kasseler Initiative will kostenlosen Nahverkehr: Offenes Schwarzfahren als Protest

Für Nahverkehr zum Nulltarif: Violetta Bock von der Kasseler Initiative „Nahverkehr für alle“, umringt von Teilnehmern des bundesweiten Ratschlags zum kostenlosen öffentlichen Bus- und Tramverkehr.
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Für Nahverkehr zum Nulltarif: Violetta Bock von der Kasseler Initiative „Nahverkehr für alle“, umringt von Teilnehmern des bundesweiten Ratschlags zum kostenlosen öffentlichen Bus- und Tramverkehr.

Kassel. Kostenloser Nahverkehr für alle - das fordern Aktivisten in Kassel. Um auf ihr Anliegen hinzuweisen, setzen sie auch aufs Schwarzfahren.

Nahverkehr zum Nulltarif forderten am Samstag die Teilnehmer eines bundesweiten Ratschlags zum ÖPNV in Kassel. „Anfangs wurden wir für die Forderung nach einem kostenlosen Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) noch belächelt“, erinnert sich Violetta Bock von der Kasseler Initiative „Nahverkehr für alle“. Doch seit die Bundesregierung im Februar einen Plan für Busse und Bahnen zum Nulltarif aus dem Hut gezaubert hat, nimmt die Diskussion allerorts an Fahrt auf.

So auch in Kassel: Dort trafen sich am Samstag Vertreter von Initiativen für den kostenlosen ÖPNV aus Hamburg, Bremen, Stuttgart, Tübingen und Gießen zum bundesweiten Ratschlag.

Im Mittelpunkt stand dabei der Austausch darüber, wie die Gruppen eine breitere Öffentlichkeit für ihre Forderung begeistern können. „Zum Beispiel mit einem gefälschten Flugblatt, wie es in Gießen verteilt wurde“, schlug Jörg Bergstedt von der Gießener Projektwerkstatt Saasen den rund 60 Zuhörern im Stadtteilzentrum Vorderer Westen vor.

In der hessischen Universitätsstadt hatten im Januar dieses Jahres Fake-Flugblätter, die an etliche Haushalte verteilt worden waren, für Aufsehen gesorgt. Sie versprachen neun Tage lang kostenlosen Nahverkehr in Gießen. „Das war anschließend ein Riesenthema“, berichtete Bergstedt.

Prominente Unterstützung bekamen die Initiativen von den Verkehrsexperten Winfried Wolf und Heiner Monheim sowie von der verkehrspolitischen Sprecherin der Linksfraktion in Bundestag, Sabine Leidig. Sie waren sich einig darin, dass es eine Verkehrswende braucht.

Die Zahl der Autos in den Städten müsse verringert werden, dafür der Anteil von Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr steigen, so der Journalist und Politikwissenschaftler Winfried Wolf. Die Kosten für einen gratis ÖPNV seien um ein vielfaches geringer als die Kosten für die Umweltschäden durch Autos.

Auch Sabine Leidig hält die Finanzierung für machbar. „Das ist für uns keine Frage der Kosten, sondern eine Frage der Verteilung“, sagte die Linken-Politikerin. Im Verkehrsbereich gebe es so viel Geld, das für alles mögliche ausgegeben werde, beispielsweise für Dieselsubventionen. Zudem koste die Kommunen der Autoverkehr dreimal mehr als der ÖPNV-Zuschuss, zitierte sie eine Studie des Kasseler Verkehrsforschers Carsten Sommer.

Mit diesem Schild kennzeichneten sich die offenen Schwarzfahrer.

Für eine Umschichtung der Kosten plädiert auch Heiner Monheim, einer der renommiertesten Verkehrsexperten Deutschlands. Derzeit koste der ÖPNV bundesweit etwa 13 Milliarden Euro. Das Angebot müsste bei Kostenfreiheit im Schnitt verdoppelt werden, also würden sich auch die Kosten verdoppeln – auf gut 26 Milliarden Euro.

Viel Geld, für das es keinen Topf gibt, sagt Monheim. Allerdings würden derzeit ja in Deutschland zum Beispiel Dieselautos mit acht Milliarden Euro und Dienstwagen mit sieben Milliarden Euro jährlich gefördert.

Seinen Abschluss fand der Ratschlag mit einer offenen Schwarzfahrt einer Gruppe der Teilnehmer als Protestaktion für den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Mit einem „Ich fahre umsonst“-Schild ausgestattet fuhren sie mit der Tram zum Bahnhof Wilhelmshöhe.

Hintergrund: Teurer Autoverkehr

Professor Carsten Sommer von der Universität Kassel hat in einem Forschungsprojekt errechnet, dass der Autoverkehr in einer deutschen Großstadt dreimal so viel öffentliche Gelder verschlingt wie kommunale Verkehrssysteme. Dazu hat er eine Methode entwickelt, mit der Kommunen die Kosten für den ÖPNV, Pkw, Lkw, Rad- und Fußverkehr in ihrem Gebiet ermitteln können. Bei der Untersuchung wurden Kosten für Infrastruktur wie Straßen, Schienen und Haltestellen berücksichtigt. Auch die Folgen von Lärm, Umweltverschmutzung und Unfällen fanden in der Berechnung Berücksichtigung. Für die Studie wurden Kosten und Nutzen von Verkehrsmitteln in Kassel, Kiel und Bremen ermittelt.

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