Von Gleis 13 nach Riga in den Tod

Kasseler Juden: Vor 80 Jahren begann die Deportation

Der Weg der Juden aus Kassel und Umgebung: Vom Schulgelände an der Schillerstraße machten sich am 9. Dezember 1941 die Männer, Frauen und Kinder auf den Weg zum Hauptbahnhof. Repro: HNA
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Der Weg der Juden aus Kassel und Umgebung: Vom Schulgelände an der Schillerstraße machten sich am 9. Dezember 1941 die Männer, Frauen und Kinder auf den Weg zum Hauptbahnhof. Die Aufnahme stammt aus dieser Zeit. Repro: HNA

Am 9. Dezember 1941 begann die Deportation der Juden aus Kassel und Umgebung. Von Gleis 13 des Hauptbahnhofs ging es ins Getto nach Riga. Nur wenige überlebten.

Kassel – Damals muss es viele Augenzeugen gegeben haben. Denn die vielen Männer, Frauen und Kinder auf dem Weg von der Schillerstraße zum Hauptbahnhof waren kaum zu übersehen. Für fast alle der 1034 jüdischen Menschen wurde die von den Nazis angeordnete Deportation eine Reise ohne Wiederkehr.

Am 9. Dezember 1941 – vor genau 80 Jahren – traten sie ihren Marsch zum Kasseler Hauptbahnhof an. Auf Gleis 13 wartete ein Sonderzug, dessen Ziel das jüdische Getto in Riga war. Insgesamt wurden 2500 Juden aus ganz Nordhessen dorthin sowie in die Konzentrationslager Majdanek und Theresienstadt deportiert.

Weitere Sonderzüge fuhren am 1. Juni 1942 und am 7. September 1942. An Bord waren unter anderem Juden aus Kassel, Eschwege, Witzenhausen, Rotenburg, Melsungen und Guxhagen. Das geht aus den Akten von damals hervor.

Von der Bücherverbrennung auf dem Friedrichsplatz gibt es Fotos, von der zerstörten Synagoge an der Bremer Straße nach der Pogromnacht ebenfalls. Von der Deportation der Juden aus Kassel und Umgebung sind keine Aufnahmen bekannt. Damals wurde genau dokumentiert, welchen Weg die Menschen zum Bahnhof zurücklegten.

Sie waren von den Nationalsozialisten schon am Tag zuvor festgesetzt worden. Die Nacht hatten sie in zwei Turnhallen der Bürgerschulen 1 und 2 an der Schillerstraße verbracht. Auf dem Gelände befindet sich heute die Arnold-Bode-Schule.

Von dem Schulkomplex ging es über die Orleansstraße (heute Erzbergerstraße) und die Bahnhofsstraße (heute Werner-Hilpert-Straße) zum Hauptbahnhof. Vor dem Abmarsch nahm die Gestapo den Opfern Schmuck, Bargeld und Papiere ab. Ein Teil des Gepäcks wurde in einem Waggon verstaut, der den Bahnhof nie verließ und vor der Abfahrt des Zuges abgekoppelt wurde.

Was die Menschen damals auf der Fahrt und dann in Riga erlitten, hat einer der wenigen Überlebenden 1946 in einem Brief an Verwandte aufgeschrieben. Das Dokument des Kasseler Juden Siegfrid Ziering wird in der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) aufbewahrt. Er schrieb: „Am 9. 12. 41 nachmittags fuhren wir ab. Es waren ungeheizte 3ter Klasse Coupes. Wir fuhren über Berlin, Breslau, Posen, Königsberg, Tilsit und kamen am 12. Dezember 41 in Riga an.

Es waren 40 Grad Kälte. Das meiste Gepäck ließen wir am Bahnhof auf nimmer Wiedersehen. Bei einem furchtbaren Schneesturm mussten wir ins Getto marschieren, zehn Kilometer. Wir hatten zu zehn Personen ein kleines Zimmer und Küche. Die ersten drei Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung. An Frieden und Freiheit dachte schon keiner mehr, unser einziger Wunsch war, als Juden zu sterben, und wenn, dann zusammen.“

Es geschah überall in Deutschland: Von den Deportationen in Kassel gibt es kein bekanntes

Auch die damals 17-jährige Marga Griesbach, geborene Steinhardt, aus Witzenhausen hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Sie wurde mit ihren Eltern Max und Therese Steinhardt sowie ihrem Bruder Alfred deportiert. „Am 8. Dezember um vier Uhr in der Frühe versammelten wir uns auf dem Marktplatz. Für unsere Bewachung sorgte die Polizei von Witzenhausen. Sie begleitete uns zur Bahnstation. Wir fragten, wann unsere Koffer abgeholt werden würden.

Man sagte uns, sie würden in Frachtwaggons nach Riga und dort zu uns gebracht werden. Natürlich sahen wir sie nie wieder. Der Sammelpunkt war in Kassel. Mit Leuten aus anderen Städten wurden wir für eine Nacht in einer Turnhalle untergebracht. Am nächsten Nachmittag mussten wir zu einer Bahntrasse marschieren, wo uns ein Zug erwartete. Wir wurden in die Waggons hineingestoßen und dort zusammengepfercht, bis mehr als tausend Leute gleichmäßig verteilt waren.“

Von 2500 deportierten Juden aus Kassel und Umgebung haben nur gut 100 überlebt. Im Kasseler Hauptbahnhof gibt es zwei Mahnmale, die an die Deportierten erinnern. Beide stammen von dem Kasseler Künstler und documenta-Teilnehmer Horst Hoheisel. In einer ehemaligen Gepäcktransportkarre auf dem Querbahnsteig findet man seit 1993 eine Gedenksteinsammlung. An Gleis 13 wurden vor sechs Jahren mehrere Namen der Deportierten in die Schienen gefräst. Die Installation trägt den Titel „Gedächtnis der Gleise“. (Thomas Siemon)

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