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Kasseler Kinderarzt hat Buch über Sprüche, Eltern und das Impfen geschrieben

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Von: Florian Hagemann

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Hühnermilch: Das Buch ist im Verlag Winfried Jenior erschienen, hat 138 Seiten und kostet 16 Euro. Die Illustrationen stammen von Gerald Nöbel.
Hühnermilch: Das Buch ist im Verlag Winfried Jenior erschienen, hat 138 Seiten und kostet 16 Euro. Die Illustrationen stammen von Gerald Nöbel. © privat

Matthias Demuth blickt auf fast 35 Jahre als Kinderarzt zurück. Er tut das in seinem Buch „Hühnermilch“. Der 65-Jährige hat seine Praxis in Bad Wilhelmshöhe.

Kassel - In seiner Praxis hat er allerhand erlebt – was genau, davon berichtet er im Interview.

Herr Demuth, als Sie vor Jahrzehnten Ihren Freunden eröffnet haben, dass Sie Kinderarzt werden wollen, herrschte damals – so schildern Sie es in Ihrem Buch – großes Erstaunen. Können Sie Ihren Freunden nun sagen, dass Sie sich damals für den schönsten Beruf auf Erden entschieden haben?

Das waren damals Studienkollegen, mit denen ich Medizin studiert habe. Da ging es darum, welche Arztlaufbahn jeder mal einschlagen möchte. Als ich dann sagte, ich möchte Kinderarzt werden, stieß das auf ziemlich großes Unverständnis. Manche haben gefragt, ob ich denn spinne. Aber heute ist mein Beruf immer noch mein Hobby, und ich bin froh, dass ich den Weg eingeschlagen habe. Es macht viel Spaß.

Was macht denn am meisten Spaß?

Die Kinder an sich. Sie gehen noch ganz natürlich an alles ran. In dem Buch habe ich ja auch viele Sprüche von ihnen gesammelt. Im Laufe der Zeit kommen viele lustige Situationen zusammen. Davon ab ist es eine spannende Aufgabe, den Kindern die Angst vor dem Arzt zu nehmen. Es ist immer eine schöne Erfahrung, wenn sie gern wieder zu mir kommen. Dann freuen wir uns gegenseitig aufeinander.

Welches ist denn Ihr Lieblingsspruch, den Sie im Laufe der Zeit gesammelt haben?

Mein Lieblingsspruch stammt nicht von einem Kind, sondern von einer Mutter, als ich sie gefragt habe, wie weit ihre zweijährige Tochter in der Sprachentwicklung sei. Da sagte sie: „Sie tut besser sprechen wie Jason-Dustin, wo der zwei war.“

Okay, das ist schwer zu toppen. Und Sprüche von Kindern?

Da sind viele dabei, über die sich herzhaft lachen lässt. Die Sprüche von meinen ADHS-Patienten finde ich besonders toll. Sie finden dann Erklärungen für ihr Handeln. Beispielsweise: „Ich lasse meine Sachen immer da fallen, wo ich sie wiederfinde.“ Oder: „Ordnung ist das halbe Leben, ich wohne in der anderen Hälfte.“

Das Lustige ist das eine, aber das Buch hat natürlich auch ernste Seiten, wenn es um den Alltag geht. Sie haben ja nicht nur mit Kindern zu tun, sondern auch mit deren Eltern. Merken Sie, dass von den Eltern eine zu große Erwartungshaltung ausgeht?

Das kann schon sein. Ich versuche aber, den Erwartungen der Eltern zu entsprechen und mich dann auch um banale Sorgen zu kümmern. So entwickelt sich meistens ein Vertrauensverhältnis. Dann kann man durchaus auch ansprechen, wenn man den Eindruck hat, dass Eltern ihre Kinder verhätscheln oder sich Eltern womöglich zu viele Sorgen machen.

Gibt es das: zu besorgt zu sein?

Auf jeden Fall. Das hat im Laufe der Jahre auch zugenommen. Wenn die Eltern selbst schon etwas älter sind, sind sie umso besorgter, und beim ersten Kind machen sie sich schon sehr, sehr viele Gedanken – mitunter zu viele. Dann blockieren sie sich dadurch selbst.

Müssen Sie sich dann um Kind und Eltern kümmern?

Ja, aber meistens kann ich die Eltern während der Behandlung des Kindes schon beruhigen. Wichtig ist, dass man die Sorgen ernst nimmt und durch die Untersuchung der Kinder feststellt, dass es nichts Ernsthaftes ist. Dann lässt sich das den Eltern erklären, auch wenn das manchmal eine gewisse Zeit braucht. Zu einem Vater habe ich mal, als er zum 17. Mal mit seinem Erstgeborenen bei mir war, gesagt: „Jetzt hat er ja endlich mal was.“ Das fand der dann sehr lustig, weil wir inzwischen schon ein gutes Vertrauensverhältnis hatten.

Sie haben es im Buch auch beschrieben: Wenn ein Kind nichts Ernsthaftes hat, dann sollte man auch zurückhaltend mit Medikamenten sein?

Das ist mir sehr wichtig. Die meisten Erkrankungen bei Kindern sind harmlos, oft geht es um Erkältungen, Fieber oder Durchfall. Das ist das Schöne in der Kinderarztpraxis, dass es nicht so viele chronische Erkrankungen gibt, die sich nicht heilen lassen. Bei den meisten Erkrankungen der Kinder braucht man keine medikamentöse Behandlung. Das ist für die Eltern dann auch eine wichtige Erfahrung, dass ihr Kind mit vielen Symptomen von allein fertig wird und sich der Zustand innerhalb weniger Tage ganz von allein bessert.

Mittlerweile können Eltern auch alles ergoogeln. Ist das Fluch oder Segen für den Kinderarzt?

Es ist meistens eher ein Problem. Das Ganze führt zwar auch schon mal dazu, dass Eltern mit der richtigen Diagnose in die Praxis kommen. Aber was die Therapie angeht oder den Umgang mit Kindern oder Erziehung, da ist das Internet sehr oft hinderlich und versorgt viele Eltern auch mit Informationen, die wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sind. Das ist auch ein Trend, gegen den ich mich wehre und wo ich für Aufklärung sorgen will. Leider ist es so, dass viele Eltern den Informationen im Internet mehr vertrauen als jenen, die ihnen von Ärzten und Wissenschaftlern gegeben werden. Das sieht man ja auch in der Diskussion rund um die Corona-Pandemie.

Womit wir bei Corona wären. Diskutiert wird derzeit das Impfen bei Kindern. Wie ist da Ihre Meinung?

Aus medizinischer Sicht kann man durchaus sagen, dass Corona für Kinder im Allgemeinen keine Schwierigkeiten macht. Die meisten Fälle bei Kindern, die ich hatte, sind ohne Symptome gewesen, wobei es ganz selten auch schwere Verläufe gibt. Aber generell gibt es andere Krankheiten, die schwerwiegender sind für Kinder. Einerseits.

Und andererseits?

Andererseits muss man aufgrund der vorliegenden Studien sagen, dass die Impfung auch unproblematisch ist und dass Kinder und Jugendliche diese Impfung auch deutlich besser vertragen als Erwachsene. Deshalb handhabe ich es so, dass die Eltern entscheiden. Wenn sie möchten, dass ihr Kind geimpft werden soll, ist das in Ordnung. Es gibt ja auch andere Gründe als nur medizinische für die Impfung – beispielsweise den Schutz der Großeltern vor einer Erkrankung. Oder dass Kinder ins Kino oder Konzert möchten und das nur können, wenn sie geimpft sind. Das sind Gründe, die ich nachvollziehen kann.

Und wenn die Eltern fragen, was Sie an ihrer Stelle machen würden?

Ich würde ihnen sagen, dass ich so vorgehen würde wie immer bei Impfentscheidungen: Ich muss mich erst mit meiner Frau besprechen. Aber ich würde vermuten, dass wir uns dann auch für eine Impfung des Kindes entscheiden würden.

Der Kasseler Kinderarzt Matthias Demuth.
Der Kasseler Kinderarzt Matthias Demuth. © Privat

Zur Person

Dr. Matthias Demuth (65) stammt aus Katlenburg-Lindau. Er studierte in Padua, Erlangen, Heidelberg sowie Göttingen Medizin, bevor er in Kassel seine Facharztausbildung für Kinder- und Jugendmedizin absolvierte. Zudem hat Demuth eine Weiterbildung zum Arzt für Naturheilverfahren abgeschlossen. Seit fast 35 Jahren ist er als niedergelassener Kinderarzt in Kassel tätig. Demuth ist verheiratet, er hat zwei Kinder und zwei Enkel.

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