„Psychologie wie bei einer Zaubershow“

Kasseler lieferte Recherchegrundlagen für TV-Serie „Faking Hitler“

Moritz Bleibtreu als Konrad Kujau in der Serie „Faking Hitler“ bei RTL+
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Fälscherwerkstatt: Moritz Bleibtreu als Konrad Kujau in der Serie „Faking Hitler“ bei RTL+.

Lustig, erschreckend und immer noch aktuell: Auf RTL+ ist nun die Serie „Faking Hitler“ zu sehen. Grundlagen für das Format lieferte ein Kasseler.

Kassel/Hamburg – Die Serie beleuchtet nicht nur den Irrwitz, Hitlers Tagebücher zu fälschen und dafür auch noch einen gutgläubigen Käufer zu finden, sondern auch den Medienskandal um das Magazin „Stern“, das 1983 auf die Fälschung hereinfiel. Hinter dieser Aufarbeitung der Geschichte steckt auch ein ehemaliger Kasseler: Journalist Malte Herwig hat für den „Stern“ deren eigenen Verlagsskandal aufbereitet und dafür viel recherchiert. Der Podcast von seinem Team dafür wurde mehrfach preisgekrönt.

Wie sind Sie an „Stern“-Reporter Gerd Heidemann herangetreten, der die gefälschten Hitlertagebücher damals ankaufte?
Ich war seit Ewigkeiten der Erste, der sich mit dem Thema befasst hat. Zum 70-jährigen Bestehen des „Sterns“ wollte ich eine Geschichte über die vermeintlichen Hitler-Tagebücher schreiben. Ich kam mir wie ein UN-Friedensbotschafter vor. Der Verlag wollte am liebsten nichts mit dem Thema zu tun haben, hatte Heidemann damals verklagt. Ich musste mir von einer Sekretärin im Keller einen Safe aufschließen lassen. Darin lagen die berüchtigten Kladden, seit Jahrzehnten von niemandem berührt. Und Gerd Heidemann war Ende 80 und wollte sich rehabilitieren. Er war immer noch gekränkt.
Wie ist es, heute in den gefälschten Tagebüchern zu lesen?
Letztlich hat Kujau nur langweiliges Zeug zu erzählen. Er hat Sachen aus Chroniken abgeschrieben, die bekannt waren, und sich dazu eine Homestory ausgedacht. Der private Hitler.
In der TV-Serie wird genau das Thema angesprochen: Darf man Hitler als Mensch zeigen. Ist diese Frage nach der Banalität des Bösen bis heute aktuell?
Ja, das ist womöglich das spannendste Thema innerhalb des Ganzen. Und wurde damals bereits redaktionsintern diskutiert.
Was ist die Recherchegrundlage für Ihren Podcast gewesen?
Hunderte Tonkassetten mit Aufzeichnungen von Telefonaten zwischen „Stern“-Reporter Gerd Heidemann und Kunsthändler und -fälscher Konrad Kujau.
Wie sind Sie an die gekommen?
Ich habe mich 2018 mit Heidemann verabredet. Er hatte ein Archiv in einem Keller des Finanzamts Hamburg-Altona, ganz irre, regalweise Akten. Das fängt buchstäblich beim Urknall an. Wir sitzen da und sprechen – und plötzlich fällt mein Blick auf Stapel mit Audiokassetten.
Was erlebt man beim Reinhören?
Man ist so nah dran, das ist wirklich toll. Ich konnte mithören, wie Kujau im Laufe von zwei Jahren seinen Kunden um den Finger wickelt. Psychologisch raffiniert. Die Beziehung zwischen „Gerd“ und „Conny“ entsteht. Am Ende bietet Kujau sogar Urnen mit der Asche von Adolf Hitler und Eva Braun an.
Ernsthaft? Hitlers Asche?
Kujau hatte sich eigens Leichenbrand besorgt und in Urnen gefüllt, das habe ich im Kujau-Museum in Bietigheim-Bissingen erfahren. Er ist immer so vorgegangen: Er hat sich irgendwelche Objekte besorgt, und dann quasi einen Beipackzettel gefälscht, der diese als Originale ausweisen sollte. Zum Beispiel eine Uniform. Bemerkenswert ist auch eine Jesusakte, Hitlers Ansichten über Jesus, die er mit acht Siegeln gesichert haben soll. Acht Siegel – das musste also etwas richtig Dolles sein.
Wie konnte ein versierter Reporter wie Heidemann auf diese Sachen reinfallen?
Anfangs hat er schon noch nachgehakt bei Kujau. Man muss festhalten, dass Heidemann ja ein guter Journalist war. Ihm ist bisweilen aufgefallen, wenn mit den Daten etwas nicht stimmte. Mit Kujaus Antworten hat er sich aber stets zufrieden gegeben.
Welche Lehre muss man aus dem Skandal ziehen?
Es ist bequem und ein bisschen arrogant, aus heutiger Perspektive zu sagen: Wie konnte man nur darauf reinfallen.
Wie konnte man denn?
Es ist wie bei einer Zauber-Show. Die Tricks sind vielleicht gar nicht so kompliziert, die Illusion funktioniert vor allem psychologisch. Und sie funktioniert, weil das Publikum bereit ist, sich darauf einzulassen.
Und in Hinblick auf den Verlag Gruner und Jahr?
Der Kreis der Eingeweihten war zu klein. Es gab keine Debatte über das Thema, dadurch kann so etwas gefährlich werden.
Stichwort Friedensbotschafter: Wie ist Ihr Podcast bei den Beteiligten angekommen?
Der „Stern“ sagt, Heidemann bekommt zu viel Platz, Heidemann sieht sich schlecht weggekommen. Als Journalist habe ich also alles richtig gemacht.
Was können Journalisten von der Story lernen?
Ziel muss sein, eine Geschichte umfassend zu erzählen. Wir müssen immer wieder den Mut haben, von dem Wissen abzusehen, das wir mitbringen. Mit einer unbefangenen Haltung auf einen Stoff draufschauen.
Das gilt ja nicht nur für Medienschaffende.
Richtig, es ist wichtig, nicht in der Filterblase zu bleiben. Neugierig zu sein. Sich gezielt mit Dingen beschäftigen, die einem nicht zufliegen. Mit Menschen reden, die eine andere Meinung haben.
Journalisten machen dann aber öffentlich, was sie finden.
Bei ihnen ist manchmal zu beobachten, dass sie zu gern genau bei der Geschichte bleiben wollen, mit der sie einmal losgelegt haben. Dann neigen wir dazu, eher zu verifizieren als zu falsifizieren.
Wie finden Sie die RTL+-Serie „Faking Hitler“, die auf Ihrem Podcast basiert?
Mir gefällt die 80er-Jahre-Ausstattung sehr gut, eine Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Bei aller Ernsthaftigkeit, die es darin gibt, ist „Faking Hitler“ auch ein Schelmenstück. Das ist richtig so, schwarzer Humor ist durchaus angebracht.
Was ist bei Ihnen derzeit in Arbeit?
Ein Projekt, in dem meine Interessen an Literatur und Verbrechen zusammenkommen: ein achtteiliger Podcast über Jack Unterweger, einen österreichischen Serienmörder. Er wurde in den 70er-Jahren nach einem Mord inhaftiert und begann im Gefängnis Gedichte und Romane zu schreiben.
Die Literatenszene machte sich daraufhin für ihn stark, sah ihn als Symbol der Resozialisierung. Nach 16 Jahren kam der Mann auf öffentlichen Druck frei. Die Gesellschaft wollte unbedingt glauben, dass Kunst aus uns bessere Menschen macht. Und dann ermordete Jack Unterweger binnen eines Jahres elf Frauen.
Malte Herwig

Über Malte Herwig

Malte Herwig (49) wurde in Kassel geboren. Studium in Mainz, Oxford und Harvard. Autor für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, „Spiegel“ und „Stern“, Host des Podcast „Faking Hitler”. Er hat mehrere Biografien verfasst: „Meister der Dämmerung“, „Die Frau, die Nein sagt“ und zuletzt „Der große Kalanag“.

Hier finden Sie alle Folgen von „Faking Hitler“.

(Bettina Fraschke)

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