Blick in die Anklageschrift

„Was Bernd sagt, ist Gesetz“: Kasseler Neonazi soll andere angestiftet haben

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Gegen ihn wurde erneut Anklage erhoben: Die Zeichnung des Kasseler Neonazis Bernd T. entstand im letzten Verfahren im Januar dieses Jahres vor dem Kasseler Landgericht.

Kassel. Mehrfache Körperverletzung, Freiheitsberaubung, räuberischer Erpressung, Nötigung und Bedrohung: Der Kasseler Neonazi Bernd T. muss sich wohl erneut vor Gericht verantworten.

Oberstaatsanwältin Andrea Boesken hat wohl Recht behalten. Als sich der Kasseler Neonazi Bernd T. im Januar dieses Jahres vor der zehnten Strafkammer des Kasseler Landgerichts unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten musste, hatte Boesken in ihrem Plädoyer nicht nur eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren gefordert, sondern auch die Haftfortdauer wegen der Wiederholungsgefahr beantragt. Bernd T. habe in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass er zu Gewalt neige.

Das hatte die zehnte Strafkammer anders gesehen: Zwar wurde T. zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, was eien Bewährungsstrafe ausschließt. Allerdings hob das Gericht den Haftbefehl gegen T. auf. Eine Wiederholungsgefahr könne wohl bei niemandem ausgeschlossen werden, so die Begründung der Kammer. T., der bis dahin in Untersuchungshaft gesessen hatte, verließ mit seiner Gefolgschaft das Gerichtsgebäude. Gegen das Urteil hat er Revision eingelegt, über die der Bundesgerichtshof noch entscheiden muss.

„Was Bernd sagt, ist Gesetz. Das sehen alle so.“ Das hatte die ehemalige Freundin des angeklagten Sturm 18-Präsidenten im Januar vor der zehnten Strafkammer ausgesagt. Eine Aussage, die wohl nicht von der Hand zu weisen ist. Zumindest, wenn sich die aktuellen Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft in einem erneuten Verfahren vor dem Kasseler Landgericht als wahr herausstellen sollten.

Hier ein Überblick über die Anklage, über deren Eröffnung die fünfte Strafkammer des Landgerichts noch entscheiden muss: 

• Bernd T. wird zur Last gelegt, im Februar und April 2015 jeweils ein Kraftfahrzeug ohne Fahrerlaubnis in der Kasseler Innenstadt gesteuert zu haben.

• Am 8. April soll er eine Frau dazu aufgefordert haben, eine 52-Jährige zu schlagen, die sich geweigert haben soll, bei „Sturm 18“ Mitglied zu werden. T. und zwei weitere Mitangeklagte sollen die 44-Jährige bei den Schlägen „angefeuert“ haben.

• Ebenfalls am 8. April soll ein 27-jähriger Mitangeklagter von Bernd T. dazu aufgefordert worden sein, einen 46-jährigen Mann gegen dessen Willen eine Glatze zu scheren. Der 46-Jährige soll dann noch bis zum 15.April in der Wohnung auf Anordnung von T. festgehalten worden sein. In dieser Woche soll er mehrfach von dem 27-jährigen Mitangeklagten, einem 28-jährigen weiteren Mitangeklagten sowie einer 44-Jährigen Angeklagten geschlagen worden sein.

• Am 13. April soll Bernd T. gemeinsam mit dem 27-jährigen Angeklagten und der 37-jährigen Mitangeklagten einen 19-Jährigen, der aus „Sturm 18“ austreten wollte, unter Druck gesetzt haben. Der 19-Jährige soll dabei von der 37-Jährigen und dem 27 Jahre alten Angeklagten geschlagen worden sein, bevor er flüchten konnte.

• Am 14. April sollen Bernd T. und die Mitangeklagten einen Mann (37) körperlich misshandelt haben. Sie sollen ihn auch erpresst haben, sein Handy herauszugeben.

Kurze Zeit später sorgte der Kasseler Neonazi für bundesweites Aufsehen, indem er am 23. April als Zeuge vom NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München einfach fernblieb. Stattdessen hatte T. morgens eine E-Mail an das Gericht geschickt, in der er mitteilte, dass er „krankheitsbedingt verhindert“ sei. Am 19. Mai erschien Zeuge T. dann doch in München. Ins Gericht wurde er mit einem Polizeitransport gebracht. Denn seit dem 29. April sitzt Bernd T. wieder in Untersuchungshaft.

Verbotsverfahren gegen "Sturm 18"

Bernd T. kann auf eine lange Karriere am rechten Rand zurückblicken. In seinem Geburtsort Bad Segeberg, wo er 1993 einen Obdachlosen zu Tode prügelte, war er als militanter Neonazi aktiv. Nachdem er im Jahr 2000 nach Kassel gezogen war, gründete er die Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“. Am 20. April 2014 - am 125. Geburtstag Adolf Hitlers - wandelte Bernd T. seine Kameradschaft ganz offiziell in einen Verein um.

Das Vereinssymbol, so steht es in der Satzung, sei der „Reichsadler von 1935-1945 in modifizierter Version mit der Zahl 18 im Eichenlaubkranz“. Die Ziffern 1 und 8 ersetzen das verbotene Hakenkreuz - bei Neonazis stehen sie für AH, die Anfangsbuchstaben von Adolf Hitler. Die Umwandlung zu einem Verein stieß auf große Kritik.

Seit Juni 2014 arbeitet das hessische Innenministerium an einem Verbot des Kasseler Neonazi-Vereins . „Die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Vereinsverbot des Sturm 18 e.V. dauern an“, so Sprecher Michael Schaich am Dienstag auf Anfrage der HNA.

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- Nach dreistem Auftritt: Bernd T. wieder als Zeuge im NSU-Prozess

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