"Hier ist mein Leben besser"

Er wohnt in einem Container: Kasseler Obdachloser berichtet über sein Leben im Winter

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Blick in sein vorübergehendes Zuhause: Der wohnungslose Tomek verbringt den Winter in einer Notschlafstelle, die der Verein Soziale Hilfe, das Sozialamt der Stadt Kassel und verschiedene Kirchengemeinden zur Verfügung stellen.  

Tomek ist obdachlos. Damit er während des Winters nicht draußen auf der Straße schlafen muss, bleibt er in einer Notschlafstelle in Kassel. Wir haben ihn besucht. 

Am Fenstergriff hängt eine Weihnachtskugel, Poster bringen etwas Farbe an die kahlen Wände. Auf einem Tisch liegen ausgebreitet mehrere Zeitschriften, eine dicke Decke auf dem Bett sorgt für etwas mehr Gemütlichkeit. „Hier ist mein Leben besser“, sagt Tomek und macht eine einladende Geste durch den Raum. „Ich kann hier kochen, meine Sachen lassen, und kommen und gehen, wann immer ich möchte.“ Er lebt in einem Container. 

Tomek, den wir nur bei seinem Spitznamen nennen, weil er unerkannt bleiben möchte, bezog vor drei Wochen eine der Notschlafstellen, die der Verein Soziale Hilfe, das Sozialamt der Stadt Kassel und verschiedene Kirchengemeinden jedes Jahr von November bis Ende April wohnungslosen Menschen anbieten, um sie sicher durch den Winter zu begleiten.

Derzeit seien drei von fünf Notschlafstellen belegt, wie Stefan Jünemann, Leiter der Tagesaufenthaltsstätte Panama, sagt. Steigt die Anfrage, könne man zusätzliche Container aufstellen lassen. Die Notschlafstellen sind mit einem Bett, Schrank, Tisch und zwei Stühlen ausgestattet, bei Bedarf mit einem Kühlschrank und einer Kochplatte. Es gibt eine Heizung und Strom. Draußen steht neben der Notschlafstelle eine Kabinentoilette. Duschen und essen können die Wohnungslosen in der Tagesaufenthaltsstätte Panama.

Nicht immer hatte Tomek es so gut, wie er sagt. In der Notschlafstelle sei er nicht nur vor der Kälte geschützt, er sei auch sicher und habe etwas Privatsphäre. Deswegen werden die Standorte der Container auch niemals der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Tomek lebt seit 2002 auf der Straße, schlug sich in Städten wie Mainz und Aschaffenburg durch. Die Nächte verbrachte er in einem Zelt. Auch im Winter. „Da habe ich mir einfach einen Platz außerhalb der Stadt gesucht, der trocken ist. Und wo nicht so viel Wind weht“, sagt er. Ein Schlafsack und eine Decke spendeten ihm ein wenig Wärme. Auch sei er viel durch die Stadt gelaufen, wenn es zu kalt zum Schlafen war.

Wie er obdachlos geworden sei? „Ich konnte die Miete einfach nicht mehr bezahlen“, sagt Tomek. Auch der Alkohol habe eine Rolle gespielt. Durch seine Arbeit als Dachdecker sei er da hineingerutscht. „Immer nach Feierabend haben wir getrunken.“ Eine Therapie scheiterte, mehrfacher Diebstahl und eine Beleidigung eines Polizeibeamten brachten in zuletzt sogar ins Gefängnis für 17 Monate. Seit März ist Tomek wieder auf freiem Fuß – und will es besser machen.

„Ich trinke nicht mehr, ich bewerbe mich für Jobs und ich suche nach einer Wohnung“, sagt er. „Ich möchte wieder ein normales Leben führen.“

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt. 

Anlaufstellen für Wohnungslose in Kassel

Es gibt in Kassel vier Anlaufstellen für Wohnungs- und Obdachlose. Die Drogenhilfe Nordhessen und der Verein Soziale Hilfe, der die Tagesaufenthaltsstätte Panama betreibt, sowie verschiedene Kirchengemeinden stellen Notschlafstellen bereit. Auch das Sozial-Center, dessen Träger die Heilsarmee ist, stellt Übernachtungsplätze zur Verfügung. Das Diakonische Werk bietet für Frauen eine Notwohnung an.

Kevin Hüvelmann hilft privat Wohnungslosen 

Sobald die Temperaturen in Richtung null Grad Celsius fallen, macht sich der Immenhäuser Kevin Hüvelmann mit seinem mit Schlafsäcken und Kleiderspenden beladenen Wagen auf den Weg durch die Kasseler Innenstadt, um Obdachlosen zu helfen. 

Seit fünf Jahren schaut der 29-Jährige beispielsweise regelmäßig nach einem rumänischen Paar, das die kalten Winternächte vor einer Kasseler Kirche verbringt. Zufällig habe er das Paar entdeckt, als er nach seiner Nachtschicht nach Hause fahren wollte, sagt er. „Es war bitterkalt in dieser Nacht“, sagt Hüvelmann. „Der Mann war schon ganz blau gefroren.“ Eine Freundin von Hüvelmann, Irina Schüttler, half bei der Verständigung, da das Paar nur gebrochen deutsch spricht. 

Helfen privat Obdachlosen: Irina Schüttler und Kevin Hüvelmann.

„Wir konnten die beiden aber nirgendwo unterbringen“, sagt Hüvelmann. Als EU-Bürger hätte das rumänische Paar auch rechtlich betrachtet gar keinen Anspruch, da es den Status von Touristen habe. „Niemand sollte frieren“, sagt Hüvelmann, der sich selbst als überzeugten Christen bezeichnet. Jahr für Jahr versucht er daher, für das Paar und andere Obdachlose privat Unterkünfte zu vermitteln, verteilt Schlafsäcke, Kleiderspenden und auch Lebensmittel. Ein Freund habe das rumänische Paar auch schon in seiner eigenen Wohnung für eine Zeit lang leben lassen, sagt Hüvelmann. In einem Hotel seien sie auch schon untergekommen. 

Und trotzdem gibt es Nächte, in denen sie trotz Kälte auf der Straße bleiben müssen. „Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen helfen“, sagt Hüvelmann.

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