Interview mit Prof. Andreas Eis

Kasseler Professor fordert mehr politische Bildung im Unterricht: „Kinder müssen beteiligt werden“

Interessen von Kindern nicht übergehen: Das Bild zeigt Schüler der 6. Klasse in Haan (Nordrhein-Westfalen) bei der Abstimmung zur U18-Europawahl, einem Projekt zur politischen Bildung vor der Europawahl 2014.
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Interessen von Kindern nicht übergehen: Das Bild zeigt Schüler der 6. Klasse in Haan (Nordrhein-Westfalen) bei der Abstimmung zur U18-Europawahl, einem Projekt zur politischen Bildung vor der Europawahl 2014.

Der aktuelle Kinder- und Jugendbericht, der kürzlich in Berlin vorgestellt wurde, bescheinigt der politischen Bildung in der Schule eklatante Defizite.

Kassel – Darüber sprachen wir mit dem Kasseler Politikdidaktiker Prof. Dr. Andreas Eis. Er gehört der unabhängigen Sachverständigenkommission an, die den Bericht im Auftrag der Bundesregierung erstellt hat.

Lange hieß es, die Jugend sei unpolitisch. Nun gehen viele junge Menschen gegen den Klimawandel auf die Straße. Gibt es wirklich so große Defizite in der politischen Bildung?
Unpolitisch sind junge Menschen gewiss nicht, das zeigt sich an „Fridays for Future“, aber auch an vielen anderen Bewegungen, in denen sich Jugendliche engagieren. Das heißt aber nicht, dass politische Bildung überall gelingt. „Fridays for Future“ hat ja bewusst über einen Schulstreik auf die Klimaproblematik aufmerksam gemacht. Ihre Kritik lautet, dass wichtige Themen von der Politik nicht aufgegriffen und in der Schule nicht thematisiert werden.
Die Studie bescheinigt den Schulen große Defizite. Was läuft falsch?
Es gibt schlichtweg zu wenig Unterricht in politischer Bildung. Wir fordern zwei Stunden durchgängigen Politikunterricht ab der 5. Klasse. Auch im Sachunterricht der Grundschule muss politische Bildung verbindlich verankert werden. Zudem ist in Berufs-, Haupt- und Realschulen politische Bildung besonders defizitär. Ein Grund dafür ist, dass dort häufig fachfremd unterrichtet wird. Die Lehrkräfte müssen in ihrer Ausbildung auch Politik und Gesellschaftswissenschaften durchlaufen haben.
Was können konkret die Themen politischer Bildung sein?
Es geht keinesfalls nur um das politische System und Parteien. Kinderrechte, Krieg und Frieden, die Bedrohung durch Umweltzerstörung und Klimawandel sind Themen, die schon Kinder im Vorschulalter brennend interessieren. Wenn wir es da nicht schaffen, ihre Fragen aufzunehmen, müssen wir uns nicht wundern, wenn sie sich in der 10. Klasse nicht für Politik interessieren. Es geht darum, mit Kindern und Jugendlichen aktuelle gesellschaftliche Themen und Zukunftsfragen zu diskutieren.
Zum Beispiel auch die Corona-Pandemie?
Unbedingt. Beim ersten Lockdown im Frühjahr wurden zuerst Schulen und Kitas geschlossen. Das war auch ein Beispiel dafür, dass Kinder oft zu allerletzt gefragt werden, was ihre Bedürfnisse sind. In unserem Bericht fordern wir deshalb auch mehr politische Teilhabe. Wenn wir Kinderrechte ernst nehmen, gehört dazu das Recht auf Mitsprache und darauf, sichtbar zu sein. Nur dann macht politische Bildung Sinn.
Hätte man Kindern also eine Art Vetorecht einräumen müssen vor den Corona-Schließungen?
Ich finde schon. In Fragen, die Kinder massiv betreffen, müsste man sie in irgendeiner Form beteiligen – und dann muss ihre Stimme auch berücksichtigt werden. Es gibt bereits einige kommunale Kinder- und Jugendparlamente. Manchmal handelt es sich dabei aber eher um eine simulierte Freundlichkeitspartizipation als ernst gemeinte Beteiligung. Auch Parteien mit ihren festen Strukturen müssten sich öffnen für Kinder und Jugendliche und ihre Themen. Warum sollten sich Kinder für Parteien interessieren, deren Mindestalter für eine Mitgliedschaft bei 16 Jahren liegt?
In dem Bericht fordern Sie das Wahlrecht ab 16 Jahren. Müssten dafür nicht erst mal die Mängel in der politischen Bildung beseitigt werden?
Nach dieser Logik müsste man 60 Prozent der Wahlbevölkerung die Stimme entziehen. Es ist nicht das Prinzip von Demokratie, dass man sich nur beteiligen darf, wenn man ein bestimmtes Wissen hat. Ich persönlich plädiere über das Wahlrecht ab 16 Jahren hinaus auch für ein Kinder- und Familienwahlrecht. Wenn eine Familie mit zwei Kindern vier Stimmen hätte, würde die Politik deren Belange stärker gewichten. Wichtig wäre beim Familienwahlrecht, dass Kinder selbst ihre Stimme abgeben dürfen, sobald sie das möchten.
Apropos Eltern: Ist politische Bildung auch ihre Aufgabe – und nicht nur die der Schulen?
Natürlich sollte auch zuhause über aktuelle Themen diskutiert und auf die Fragen von Kindern eingegangen werden. Aber wenn wir die Aufgabe nur den Eltern überlassen, wird zwar in vielen gut aufgestellten Familien politische Bildung stattfinden. Es wird aber genauso Umgebungen geben, wo Kinder eine politische Sozialisation erfahren, die nicht von Mitbestimmung und Argumenten geprägt ist. Deshalb ist politische Bildung eine zentrale Aufgabe auch von Schulen und Vorschulen, ebenso wie von Vereinen und Einrichtungen der Jugendarbeit.
Jugendliche informieren sich heute im Internet. Ist die Vermittlung von Medienkompetenz von politischer Bildung zu trennen?
Es ist wichtig, dass beide Bereiche miteinander verschränkt werden. Wir brauchen eine politische Medienbildung, die vermittelt, welche Partizipations- und Informationsmöglichkeiten es im Netz gibt, die aber auch auf die Gefahren eingeht. Etwa, dass Echoräume entstehen, in denen nur noch die eigene Position bestärkt wird.
Wie kann man Kinder gegen Fake News und Hass im Netz stärken?
Indem man die Thesen, die dort verbreitet werden, versucht zu widerlegen und aufzeigt, wo es verlässliche und jugendgemäß aufbereitete Informationen gibt. Extremismusprävention ist aber nicht das vordergründige Ziel von politischer Bildung. Wir wollen Jugendliche nicht als potenzielle Demokratiefeinde ins Visier nehmen, sondern sie stärken, ihre Interessen in der Gesellschaft wahrzunehmen. (Katja Rudolph)
Prof. Dr. Andreas Eis, Uni-Kassel

Zur Person: Prof. Dr. Andreas Eis

Prof. Dr. Andreas Eis (52) leitet das Fachgebiet Didaktik der Politischen Bildung. Der gebürtige Erfurter ergriff zunächst den Beruf des Tischlers und studierte dann Gymnasiallehramt mit den Fächern Sozialkunde und Philosophie in Jena. Nach Stationen an den Universitäten in Jena, Frankfurt und Oldenburg erhielt er 2015 den Ruf nach Kassel. Eis ist verheiratet und lebt in Kassel.

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