Mangelndes Gesundheitsbewusstsein

Kasseler Prostituierte: „Der Bockschein muss her“ 

+
Gefährlicher Leichtsinn: Immer mehr Prostituierte in Kassel gehen das gesundheitliche Risiko ein, und bieten ihre Dienste ohne Kondome an.

Kassel. „Der Bockschein muss definitiv wieder her.“ Die 38-jährige Martina, die seit 20 Jahren als Prostituierte unter dem Namen „Eve“ ihre Dienste anbietet, redet nicht lange um den heißen Brei herum.

Mit dem Begriff Bockschein spielt die Kasselerin auf die amtlichen Gesundheitsuntersuchungen an, die bis vor zehn Jahren für Prostituierte noch verpflichtend waren. Heute seien viele Frauen mit gravierenden gesundheitlichen Handicaps auf Freier-Suche. „Mit Bockschein wären viele weg vom Fenster.“

Während eines Gesprächs, das wir im Büro des Vereins „Frauen informieren Frauen“ (FiF) in der Kasseler Nordstadt führen, kommt Martina schnell auf ein Thema zu sprechen, das sie wütend macht: der gesundheitliche Leichtsinn, mit dem vor allem Prostituierte aus osteuropäischen Staaten als Sexarbeiterinnen in Kassel aktiv sind. „Bei vielen dieser Frauen ist es inzwischen üblich, zu Dumpingpreisen und ohne Kondom zu arbeiten“, sagt Martina.

Lesen Sie auch

Rotlicht-Milieu: Gefahr von Aids stark gestiegen

Diese oft sehr jungen Frauen - darunter viele Roma - seien dem Druck der Freier nicht gewachsen. Und die Männer verlangten zunehmend „ohne Gummi“. Martina, eine gepflegte Frau mit langen roten Haaren und lackierten Fingernägeln, die sich gut ausdrückt und beim Reden ihrem Gegenüber selbstbewusst in die Augen blickt, holt ihr Handy aus der Handtasche hervor. Vom Display liest sie eine Nachricht ab, in der sie ein Freier beschimpft. Er bezeichnet sie als uninteressante Gummipuppe, weil sie sich weigere, ungeschützten Sex anzubieten. Auch Zungenküsse gibt es bei „Eve“, die im zivilen Leben verheiratet ist, nicht.

Freier feilschen ums Geld

Dann erzählt Martina, dass ihr diese Konsequenz inzwischen große finanzielle Einbußen beschert. Seitdem sie ihrer Annonce ausdrücklich „safer“ (mit Kondom) hinzugefügt hat, sind die Anrufe dramatisch zurückgegangen. „Ich verdiene kaum mehr was.“ Neulich, so erzählt sie, habe ein Freier an ihrer Tür geklingelt. Als sie ihm ihren Preis, 50 Euro, nannte, wollte er runterhandeln. Außerdem wollte er Sex ohne Kondom. Als „Eve“ ihn abwies, habe sich gegenüber die Apartmenttür einer Kollegin geöffnet, die den Kunden mit den Worten abwarb: „Kannst du bei mir haben.“

Martina schüttelt sich: „Eher höre ich auf, als dass ich mich umstelle“, sagt sie. Zum Glück habe sie noch einen Beruf, Friseurin, gelernt. Immer wieder schweifen Martinas Gedanken ab, in die Zeit, als sie begonnen hat, als Prostituierte zu arbeiten: auf dem Straßenstrich an der Wolfhager Straße. Keine der Kolleginnen hätte da jemals versucht, die andere preislich zu unterbieten, sagt Martina: „Da waren alle solidarisch.“

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.