Kasseler Psychologin über Auswirkungen der zweiten Coronawelle

So kann man die psychische Belastung des Lockdowns bewältigen

Konfliktpotenzial: Dass man sich in der Enge der Wohnung mal auf die Nerven geht, bleibt kaum aus. (Symbolbild)
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Konfliktpotenzial: Dass man sich in der Enge der Wohnung mal auf die Nerven geht, bleibt kaum aus. (Symbolbild)

Über die Auswirkungen des zweiten Lockdowns auf die psychische Gesundheit haben wir mit der Kasseler Psychologin und Psychotherapeutin Doerthe Klingelhöfer gesprochen.

Kassel – Wer sich an das Frühjahr erinnert, der weiß in etwa, was der Lockdown der kommenden Wochen bringen wird. Wie sich dieses Gefühl auf die psychische Gesundheit auswirkt, darüber haben wir mit der Psychologin und Psychotherapeutin Doerthe Klingelhöfer gesprochen.

Frau Klingelhöfer, wir wissen aus dem Frühjahr, in welche Richtung der Herbst mit Blick auf Corona gehen könnte. Macht es uns das leichter oder ist gerade das ein Problem?
Meine Einschätzung ist, dass gerade das es schwieriger macht. Die Situation im Frühjahr war für uns alle ein Schreck und mit viel Stress verbunden. Bei vielen Menschen entsteht in solchen Situationen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Sie machen sich Sorgen um die eigene Gesundheit, um den Job, die finanzielle Sicherheit und fragen sich, wie diese Probleme zu bewältigen sind. Das Gefühl von fehlender Kontrolle steigert die psychische Belastung. Haben wir im Sommer noch gedacht, wir könnten die bedrohliche Situation gut bewältigen, ist das jetzt nicht mehr so sicher.
Wo genau liegt das Problem im Vergleich zum Frühjahr?
Aus meiner Sicht ist die Regierung im Frühjahr sehr gut mit der Situation umgegangen. Es wurde intensiv aufgeklärt und klare Vorgaben gemacht. Man hat den Menschen vermittelt, dass man so die Situation unter Kontrolle bringen kann. Es war zu sehen, dass die Infektionszahlen sinken. Das vermittelte das Gefühl, die Situation ist zu bewältigen. Mit dem rasanten Anstieg der Zahlen in den vergangenen Wochen schwindet dieses Gefühl wieder. Zudem sind die Anweisungen, die Coronaregeln betreffend, ungenauer geworden und verunsichern eher. Es stellen sich viele Fragen: Darf man in Deutschland reisen? Wo muss Maske getragen werden? Wie viele Personen dürfen sich treffen?
Ist die ungünstige Informationspolitik der einzige Grund?
Hinzu kommt, dass bei vielen ein gewisser Ermüdungseffekt eintritt. Man möchte sich nicht mehr ständig zusammenreißen und die Kontakte zu anderen Menschen meiden.
Haben wir uns mittlerweile auch irgendwie an diese Situation gewöhnt?
Ja, die Bedrohung ist nichts Neues mehr, sondern permanent präsent. Auch das führt natürlich dazu, dass sich viele nicht mehr so sehr an die Regeln halten wie zu Beginn der Pandemie.
Trägt auch die dunkle Jahreszeit zum Stimmungswandel bei?
Auf jeden Fall. Wenn wir weniger Tageslicht bekommen, ist unsere Stimmung ohnehin schon nicht so gut wie in den Sommermonaten. Einige Menschen kommen damit besser klar als andere, aber für viele ist das sicherlich eine zusätzliche Belastung.
Für wen sind diese Zeiten besonders schwierig?
Für alle, die existenziell bedroht sind. Also zum einen für die, die an Corona erkranken und deren Angehörige. Zum anderen auch für die, die durch die Pandemie in ihrer finanziellen Situation bedroht sind oder die zunehmend isoliert leben. Schwierig sind die Zeiten auch für Menschen, die schon vorbelastet sind, weil sie zum Beispiel schon vor Corona mit Ängsten oder Depressionen zu kämpfen hatten.
Gibt es noch andere Symptome außer Angst und Depression, mit denen sich diese psychischen Belastungen äußern?
Bei Erwachsenen gibt es noch relativ wenige Erkenntnisse über die psychischen Folgen. Die Copsy- Studie des Uniklinikums Hamburg zeigt, dass Kinder vermehrt mit Hyperaktivität, Einschlafproblemen, Kopf- und Bauchschmerzen reagieren.
Lassen sich jetzt schon Unterschiede mit Blick auf die Psyche zwischen dem Frühjahr und der jetzigen Situation ausmachen?
Nein, dafür ist es noch zu früh. Aber man muss auch schauen, wo die Menschen leben. In Kassel waren die Infektionszahlen bis vor einigen Wochen immer relativ niedrig. Hier hat es bisher noch keine so starke Anspannung gegeben. Das ist neu.
Haben Sie Empfehlungen, die den Alltag in diesen Tagen erleichtern können?
Es ist extrem wichtig, weiter Kontakt zu anderen Menschen zu haben – wenn auch in einer kleineren Zahl. Austausch funktioniert auch über die sozialen Medien. So lange es geht, empfehle ich, zu Spaziergängen nach draußen zu gehen. Gerade in der dunklen Jahreszeit ist das wichtig, um noch etwas Licht abzubekommen. Das hilft enorm, damit sich die depressive Stimmung nicht ausbreitet. Diejenigen, die im Homeoffice arbeiten, sollten sich trotzdem eine Tagesstruktur schaffen. Arbeitszeit sollte klar von privater Zeit getrennt werden. Auch im Homeoffice sollte man sich die Möglichkeit schaffen, den Arbeitsplatz zu verlassen – zumindest gefühlt.
Was empfehlen Sie Familien, um einem Lagerkoller vorzubeugen?
Auch da ist es wichtig, eine Tagesstruktur zu schaffen. Es muss möglich sein, dass sich jeder bei Bedarf zurückziehen kann. Wenn man permanent aufeinanderhängt, ist das Risiko sehr groß, dass es zu Streitsituationen kommt. Man sollte einen täglichen Familienrat einberufen, in dem angesprochen wird, wo die Probleme liegen. Für alle ist es hilfreich, sich mit seriösen Quellen gut über die Situation zu informieren. Aber permanentes Googeln im Internet schürt die Ängste eher, als dass es sie besser macht.
Immer öfter hört man von der Generation Corona?
Diese Pandemie ist sicherlich etwas, das einen Nachhall haben wird, gerade für jüngere Menschen, die erstmals eine Krise erleben, also die sogenannte Generation Corona. Schöne Ereignisse, die sonst gefeiert werden konnten wie Konfirmation, Abitur oder besondere Geburtstage, fallen jetzt aus. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen soziale Kontakte. Dass die jetzt deutlich eingeschränkt sind, wird etwas sein, das sie mit in ihr späteres Leben nehmen.
Wie könnte man es hinbekommen, dass auch diese Jugendlichen in dieser Krise weiter mitziehen?
Auf jeden Fall kann es nicht nur über Bestrafung gehen, also dass Polizei und Ordnungsamt Partys auflösen. Der Mensch strebt nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. Jugendliche möchten nicht dauerhaft alle ihre Freizeitaktivitäten zurückstellen. Darum ist es wichtig, dass durch gute Information die Motivation zum Durchhalten geschaffen wird. Ich glaube, dass die Jugendlichen das können. Wenn sie den Eindruck bekommen, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden, dass es sich um eine begrenzte Zeit handelt und es eine Aussicht auf Besserung gibt. Man muss jetzt eine Lösung finden, um Jugendlichen bestimmte Freiräume zu geben, die trotzdem sicher sind. Wenn man alles untersagt, wird es schwierig.
Ältere Menschen mit mehr Lebenserfahrung, können besser damit umgehen?
Natürlich haben sie mehr Lebenserfahrung und wissen, dass man schwierige Zeiten überstehen kann. Ältere Menschen haben andere Interessen, und die sind vielleicht nicht so konträr zu den Vorgaben, die wir jetzt haben. Wer älter ist, trifft sich nicht unbedingt mit 30 anderen Personen, um Party zu machen. Für Jugendliche ist das Zusammensein in größeren Gruppen Normalität und bringt Lebensfreude. Aber mit Blick auf die Altenheime muss es auch bessere Lösungen geben, als die Bewohner dort wochenlang einzusperren. Das wird sonst massive Konsequenzen für die psychische Gesundheit von älteren Menschen haben.
Unterschätzen Ältere aufgrund ihrer größeren Lebenserfahrung auch teilweise die Gefahren von Corona?
Das habe ich so noch nicht erlebt. Ich glaube, dass viele mit der Gefahr sehr bewusst umgehen und um die Gefährdung wissen. Die menschliche Bewältigung von Krisensituationen ist eben sehr unterschiedlich. Viele versuchen, alles richtig zu machen, sich an alle Regeln zu halten und so Kontrolle über die Situation zu bekommen. Dann gibt es aber auch andere, wie die Verschwörungstheoretiker, die eher sagen, dass alles eine gelenkte Strategie ist, die dazu dient, uns zu manipulieren. Bei ihnen entsteht das Gefühl, Widerstand leisten zu müssen, um nicht in seinen Rechten beeinträchtigt zu werden. Das ist auch eine Form, mit dieser Bedrohungssituation umzugehen.
Was glauben Sie, wird die kommende Zeit aus psychologischer Sicht bringen?
Ich glaube, dass viel davon abhängen wird, wie die Informationspolitik gestaltet wird. Die Menschen müssen gut und sachlich informiert werden. Man muss ihnen transparent erklären, warum bestimmte Dinge getan werden. An dieser Stelle darf es keine Unklarheiten oder politische Spielchen geben. Besonders wichtig wird sein, dass Schulen und Kindergärten geöffnet bleiben. Das ist für die Gesundheit von Kindern und Eltern gleichermaßen entscheidend. Zugleich dürfen die alten Menschen nicht noch einmal so massiv isoliert werden. Da muss viel investiert werden, um das sicherzustellen. Wenn die Politik Hilflosigkeit signalisiert und dieses Gefühl auch bei den Menschen überhandnimmt, hätte das vermutlich dramatische Konsequenzen – auch für die psychische Gesundheit. (Von Kathrin Meyer)
Diplom-Psychologin Doerthe Klingelhöfer aus Kassel

Zur Person: Doerthe Klingelhöfer

Doerthe Klingelhöfer (59) ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Fast zwanzig Jahre hat sie in eigener psychotherapeutischen Praxis in Kassel gearbeitet. Seit 2004 ist Klingelhöfer Geschäftsführerin der Aus- und Weiterbildungseinrichtung für klinische Verhaltenstherapie (AWKV) in Kassel. Die dreijährige Vollzeitausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie absolvieren Psychologen oder Pädagogen bei der AWKV, um die staatliche Approbationsprüfung ablegen zu können und damit Psychotherapie durchführen und über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu dürfen. Klingelhöfer lebt in Kassel, ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. (kme)

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