Nach dem Urteil gegen Beate Zschäpe

"Scheinheiliger Schlussstrich": Reaktionen zum NSU-Urteil aus Kassels Nordstadt

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Er kennt fast jeden in der Nordstadt: Ali Timtik.

Kassel. Im NSU-Prozess ist das Urteil gefallen. "Wir haben noch immer Angst", sagen Bewohner der Nordstadt. Ein Blick in den Stadtteil, in dem Halit Yozgat ermordet wurde. 

Wer wissen will, wie die Nordstadt tickt, der sollte am besten mal bei Ali vorbeischauen. So heißt der Imbiss an der Ecke Gottschalkstraße/Westring – benannt nach dem Betreiber: Ali Timtik.

Er bekommt hier Tag für Tag mit, was die Menschen so sprechen, was sie bewegt, was sie aufwühlt. Zugleich sitzt er für die Kasseler Linke im Gremium des Stadtteils, ist stellvertretender Ortsvorsteher. Ali Timtik kennt also viele, und viele kennen ihn.

Ahmet Dzemic (41) fragt: Was ist mit dem Verfassungsschützer?"

An diesem Tag steht der 52-Jährige vor seinem Imbiss, er raucht eine Zigarre, der er immer wieder Feuer geben muss. Es herrscht noch kein Betrieb, aber es gibt trotzdem schon ein Tagesthema: Soeben ist das Urteil im Prozess gegen die Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund gesprochen worden. „Lebenslang für Beate Zschäpe“, vermelden die Nachrichtenportale. Ali Timtik nennt das einen scheinheiligen Schlussstrich. Zu viele Fragen blieben offen – auch und gerade, was den Mord an Halit Yozgat anginge. Der 21-Jährige wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße erschossen. In der Nordstadt, ein paar Ecken von Ali Timtiks Imbiss entfernt.

Was zum Beispiel hatte der Verfassungsschutz mit der ganzen Sache zu tun? Die Frage stellt sich für Ali Timtik immer noch. Er verlangt von der Politik Antworten und Aufklärung – allen voran von Ministerpräsident Volker Bouffier, der 2006 Hessens Innenminister war.

So ist für Ali Timtik mit dem Urteil gegen Beate Zschäpe und weitere NSU-Mitglieder nichts abgeschlossen. Das Thema bleibt. Er merkt das auch an den Gesprächen mit seinen Gästen. Über all die Jahre hat er eine Veränderung festgestellt: Damals, 2006, sei der Mord an Halit Yozgat für alle ein Schock gewesen. Danach sei der Stadtteil politischer geworden, linker. Er spricht von einer Trotzhaltung gegen rechtsextreme Gruppen.

Im Stadtteil vermischt sich das Unileben mit dem Leben vieler Ausländer. Fast zwei Drittel der knapp 17.000 Einwohner haben einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Viele kommen aus der Türkei. Viele kannten Halit Yozgat, viele kennen seine Eltern. Und viele wollen an diesem Tag lieber nichts zum Urteil sagen – zumindest nicht, wenn sie ihren Namen preisgeben sollen. 

„Wir haben Angst. Das hatten wir, als der Mord an Halit noch nicht aufgeklärt war, und das haben wir noch heute. Wer weiß schon, was morgen passiert“, fragt ein türkischstämmiger Mann, der ähnlich wie die Yozgats schon seit Jahrzehnten in der Holländischen Straße als Geschäftsmann aktiv ist. Seinen Namen möchte er nicht nennen und sich erst recht nicht fotografieren lassen. Eins wisse im Stadtteil aber jeder: Die Yozgats seien eine freundliche und tüchtige Familie gewesen, die nie mit irgendwem Streit gehabt hätte. „Auch Halit war ein ganz toller Junge.“

Der Mann ist zwar froh darüber, dass Zschäpe verurteilt wurde – doch ihn treibt bis heute die gleiche Frage um, die sich auch Ahmet Dzemic stellt, der im „Papa’s“, direkt neben Yozgats ehemaligem Internetcafé, einen Espresso trinkt. „Was ist mit dem Verfassungsschützer, der im Café saß? Der muss das einfach mitbekommen haben“, sagt der 41-Jährige, der aus Sandzak in Serbien kommt und damals nur 100 Meter vom Tatort entfernt an der Bunsenstraße wohnte. 

„Da wurde einiges verschleiert“, sagt auch ein türkischstämmiger Kioskbesitzer ein paar hundert Meter weiter. Dem Mann ist wichtig zu betonen, wie gerne er in Deutschland lebt und wie gut der Staat und das Rechtssystem eigentlich funktionieren – „aber nicht in dem Fall.“

Doch nicht allen hier sagt das Ganze etwas. Ein Internetcafébetreiber, der aus Afrika stammt, und ein Dönerbudenbesitzer aus dem Irak sagen, sie wüssten nicht, wer der NSU, Beate Zschäpe und Halit Yozgat seien. Beide sind allerdings auch erst seit zwei Jahren da. 

Linke: Rolle Temmes unklar

Nach dem NSU-Urteil steht für den Obmann der Linksfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss, Hermann Schaus, nach wie vor der Verfassungsschutz in der Kritik. So sei immer noch die Rolle des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas Temme aus Hofgeismar beim Mord an Halit Yozgat unklar. Temme hat sich in dem Internetcafé befunden, als Yozgat erschossen wurde. Es sei „bedrückend“, dass die Rolle des Geheimdienstes nicht aufgeklärt sei, sagte Schaus. 

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