Lebenslang für 20-jährigen Fan?

Prozess: Kasseler Schalke-Anhänger soll BVB-Fan lebensgefährlich verletzt haben

Kassel/Marburg. Fan-Rivalität gibt es so lange, wie es den Fußball gibt. Bei einem Volksfest in Gladenbach ist diese im Sommer 2017 völlig aus dem Ruder gelaufen.

Deshalb droht nun einem 20-jährigen Schalke-Fan aus Kassel eine lebenslange Haftstrafe. Dies gilt zumindest dann, wenn die Richter und Schöffen am Marburger Landgericht den jungen Mann aus der Ultra-Bewegung nach Erwachsenenstrafrecht verurteilen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und einem Mittäter versuchten Mord an einem BVB-Fan vor. Prozessauftakt ist am 19. Januar.

Die Tat ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 2. Juli beim Gladenbacher Kirschenmarkt. Auf dem Fest waren der Kasseler und ein weiterer 20-jähriger Schalke-Fan aus dem Lahn-Dill-Kreis zu Gast. Nach Angaben des Marburger Landgerichts war es dort gleich zweimal zu Begegnungen zwischen den Schalke-Anhängern und einem 22-jährigen BVB-Fan aus Dortmund gekommen. Schon beim ersten Aufeinandertreffen hat der Dortmunder – so die Anklage – Schläge und Tritte einstecken müssen.

Heftiger Tritt gegen Kopf

Später in der Nacht, als es erneut zur Konfrontation kam, soll der BVB-Anhänger zunächst von dem jungen Mann aus dem Lahn-Dill-Kreis mit einem heftigen Tritt umgestoßen worden sein, berichtet der Gerichtssprecher Dr. Marcus Wilhelm gegenüber der HNA. Als das Opfer am Boden lag, soll der Kasseler den Dortmunder gegen den Kopf getreten und dabei tödliche Verletzungen in Kauf genommen haben. Die Staatsanwaltschaft geht von niederen Beweggründen aus, da allein die unterschiedliche Vereinszugehörigkeit als Motiv infrage zu kommen scheint.

Nach einem Bericht der Oberhessischen Presse hat ein Passant durch sein beherztes Eingreifen Schlimmeres verhindert und dabei selbst Schläge kassiert. Der BVB-Fan sei mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht und notoperiert worden, so der Bericht der Zeitung aus Marburg. Wie es ihm geht, ist nicht bekannt. Er ist allerdings als einer von 17 Zeugen geladen – und daher vernehmungsfähig.

Auffällig in München

Der Kasseler Schalke-Fan war schon einmal auffällig geworden. So soll er laut Anklage bei einem Spiel in München im März 2017 einem Fan des FC Bayern einen Schal gewaltsam weggenommen und sich anschließend einem Polizisten widersetzt haben. Auch für diese Tat, die in Marburg mitverhandelt wird, muss er sich nun verantworten.

Welche Strafe die beiden Schalke-Fans erwartet, hängt maßgeblich davon ab, ob die mit Berufsrichtern und Schöffen besetzte Jugendkammer des Landgerichts nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht entscheidet. Die sei eine Ermessensentscheidung bei der unter anderem die Entwicklung der Angeklagten berücksichtigt werde, sagt der Gerichtssprecher auf HNA-Anfrage.

Nach Jugendstrafrecht drohen den Angeklagten bis zu zehn Jahre Haft, nach Erwachsenenstrafrecht eine lebenslange Haftstrafe. Im Fall eines Mordversuches könne das Gericht die Strafe auch mildern, was eine Freiheitsstrafe von nicht unter drei Jahren bedeute. Ein Urteil wird im Februar erwartet.

Warum sich Anhänger von Dortmund und Schalke nicht verstehen

Als der Mannschaftsbus des FC Schalke am 12. Mai 2007 auf den Weg zum Signal-Iduna-Park in Dortmund einbiegt, ist alles bereitet: Die Fans der Königsblauen empfangen ihr Team zu Tausenden – Motivation für das Fußballspiel. Bei einem Sieg ist dem FC Schalke die Meisterschaft kaum mehr zu nehmen. 

Der Klub aus Gelsenkirchen ist zwei Spieltage vor Ende der Saison Tabellenführer: zwei Siege noch bis zur Glückseligkeit. Doch der Traum vom ersten Meistertitel seit 1958 zerplatzt dort, wo es für Schalker am schmerzhaftesten ist – in der Arena des großen Rivalen. Das sagt viel aus über die von Feindschaft geprägte Beziehung zwischen den beiden Klubs: Für die Dortmunder ging es damals um nichts mehr – und doch um alles: den Schalkern den Triumph zu vermasseln. Deshalb war das 2:0 mehr als ein Sieg: Es war ein Derbysieg mit Sternchen. 

Das Ganze ist eine Episode von vielen, die das Verhältnis von Dortmund und Schalke beschreibt – oder besser: von Lüdenscheid-Nord, wie die Schalker Dortmund bezeichnen, und Herne-West, wie die Dortmunder Schalke bezeichnen. Dabei ist diese Beziehung nicht abrupt, sondern schleichend schlechter geworden. Früher – es ist kaum zu glauben – gab es sogar etwas wie Freundschaft, mindestens aber gegenseitigen Respekt. Da gab es mit Schalke auch eine klare Nummer eins. Doch nach dem Krieg kamen die Dortmunder auf: 1947 gewannen sie gegen Schalke die Westfalenmeisterschaft; es entstand eine sportliche Rivalität

Dass aus ihr schließlich mitunter Hass zwischen den Fans wurde, hat mehrere Gründe. Da sind diverse Wechsel von Spielern, die von Dortmund nach Schalke oder von Schalke nach Dortmund wechselten. Reinhard, nur Stan genannt, Libuda ging 1965 von Schalke nach Dortmund, danach wurde er von den Schalkern als Judas und Verräter bezeichnet. Das verschärfte die Lage zwischen den Fanlagern. Geräuschlos ging fortan fast kein Transfer, an dem beide Klubs beteiligt waren, über die Bühne – als weiteres Beispiel sei der Wechsel von Andreas Möller von Borussia Dortmund nach Schalke 04 genannt. Zur Verschärfung der Rivalität trugen auch die Folgen des Bundesligaskandals 1972 bei. 

Damals ging es um verschobene Spiele. Schalke war in diesen Skandal verstrickt, aber absteigen musste Borussia Dortmund – aus rein sportlichen Gründen. Das empfanden die Schwarz-Gelben als unfair. Vergiftet wurde die Atmosphäre aber auch und vor allem Ende der Siebziger-Jahre. Damals entstanden rund um die beiden Vereine extreme Gruppen, die sich gegenüberstanden. Bis heute gibt es immer wieder hässliche Szenen. In Abständen kommt es zu Zusammenstößen rivalisierender Anhänger. So eskalierte im Oktober 2012 die Lage, als Hunderte Fans rund um das Revierderby randalierten.

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.