Ausstellung im Stadtmuseum

Auch in Kassel gab es mal einen Karl May

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In Amerika war er nie: Der Autor von Abenteuerromanen und Kasseler Mundartliteratur Franz Treller. 

Kassel. Winnetou, Old Shatterhand und die Blutsbruderschaft: Karl Mays Helden sind weltbekannt. Was viele nicht wissen: Auch in Kassel gab es einen Karl May: Der hieß Franz Treller und hatte eine besondere Lebensgeschichte, die jetzt im Stadtmuseum erzählt wird.

1839 in Kassel geboren, soll sich Franz Treller bereits im Alter von neun Jahren für die Pressefreiheit eingesetzt haben. Überliefert ist der Ausspruch: „Mäh wunn Preßfreiheit honn“. Als Antwort gab ihm der Stadtpolizist eine Ohrfeige.

Bewegtes Leben

Treller absolvierte eine Lehre zum Bankangestellten. Statt einer Karriere als Bankier zu folgen, ließ er sich zum Schauspieler ausbilden. In diesem Beruf kam er in ganz Europa umher: Bühnen in Amsterdam, Bremen, Oldenburg und Riga waren weitere Stationen seines Lebens, bevor er 1884 in seine Heimatstadt Kassel zurückkehrte.

Wieder stand eine berufliche Neuorientierung an: Treller gab den Schauspielerberuf auf und war von nun an als Journalist und Schriftsteller tätig. Bei der „Casseler Allgemeinen Zeitung“ war er Hauptschriftleiter (Chefredakteur) und begann Jugend- und Abenteuerromane zu schreiben.

Die Romane spielten in der amerikanischen Prärie, in Schottland oder in Griechenland. Seine Erzählungen richteten sich vor allem an männliche Jugendliche. Frauen treten nur in Nebenrollen auf. Wie Karl May veröffentlichte Treller seine Geschichten zunächst in der Jungenzeitschrift „Der Gute Kamerad“. Treller war eng mit seiner Heimatstadt verbunden, viele seiner Helden stammen aus Nordhessen. Der pensionierte Kasseler Geschichtslehrer Hartmut Müller kennt den Autor und seine Geschichten genau: „Ich habe sie schon als Junge verschlungen“, sagt der 73-Jährige. Nicht nur beim Inhalt gebe es Parallelen zu Karl May: „Treller ist zwar viel gereist, in Amerika war er aber nie“, erklärt Müller schmunzelnd.

Doch Treller erfand nicht nur Abenteuerromane, er veröffentlichte auch historische Stoffe wie in dem Werk „Vergessene Helden: Eine Erzählung aus dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg.“ Darin geht es um nordhessische Soldaten, die aufseiten Großbritanniens im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpften. „Hier zeigt sich, dass Treller als Heimatchronist unterwegs war und er mit Kassel und Nordhessen sehr verbunden war“, erklärt Müller.

Lustige Mundarttexte

Dazu passt, dass sich Treller als Mundartdichter einen Namen machte. Beispielhaft ist sein Band „Was ich mäh so gedacht hon“, der die Erlebnisse, Erinnerungen und Aufzeichnungen eines alten Kasselers auf humoristisch-bissige Weise präsentiert.

Die Stadt Kassel ehrte Treller, der bis zu seinem Tod 1908 in der Hohenzollernstraße 70 (heute: Friedrich-Ebert-Straße) wohnte, mit einem Ehrengrab auf dem Wehlheider Friedhof.

Wer mehr über den Kasseler Karl May erfahren möchte, kann am Mittwoch, 7. Februar, ab 17 Uhr an einer Führung im Stadtmuseum teilnehmen. Sie wird von Kuratorin Julia Herdes und Hartmut Müller gestaltet, der aus den Mundarttexten zitiert. Verbindliche Anmeldungen für die Führung werden unter Telefon: 05 61/787 44 05 entgegengenommen. 

Abenteuer in fernen Ländern: Die Bücher von Franz Treller begeisterten Generationen von Lesern.

Ein Auszug aus dem Werk: Das Kind der Prärie

Inmitten der Einöde bewegten sich drei Reiter langsam nach Norden zu, kaum vernehmbar war der Pferdehuf auf dem Steppengras und das Schweigen ringsumher schien seine Wirkung auch auf sie auszuüben, denn wortlos ritten sie einher. Zwei von ihnen waren Männer, deren Art die Prairien weiter nördlich und östlich häufig zeigten, wo nach Tausenden von Köpfen zählende Rinderherden, die Sommer und Winter im Freien bleiben, die kühnen, abgehärteten Hirten erfordern, welche sie dem Besitzer bewachen und bewahren. Die Tracht: der breitrandige Hut, der hohe Stiefel, die Art der Bewaffnung, besonders aber die kurzgestielte Peitsche mit der weitreichenden schweren Schnur, die sie im Gürtel trugen, kennzeichneten sie als Cowboys. Die von Wind und Wetter gebräunten Gesichter der beiden Männer waren keineswegs vertrauenserweckend, und dürften den ihnen in der Einsamkeit der Wüste begegnenden friedlichen Wanderer wohl um seine Sicherheit besorgt gemacht haben. 

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