Kritiker sammelt Stimmen gegen umstrittene Entscheidung

Kasseler sollen über Bratwurstverbot beim Tag der Erde abstimmen

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Kassel. Die Kontroverse um ein Bratwurstverbot zum Kasseler „Tag der Erde“ am 23. April zieht weitere Kreise: Auf der Online-Plattform openPetition werden Stimmen gegen die umstrittene Entscheidung der Veranstalter gesammelt.

Während sich SPD-Oberbürgermeisterkandidat Christian Geselle per Foto auf seiner Facebook-Bewerberseite beim herzhaften Biss in eine Bratwurst zeigt und sich mit dem Slogan „Zum besten Zuhause gehört auch ’ne gute Bratwurst“ positioniert, werden auf der Netzplattform openPetition Stimmen gegen die Entscheidung der Veranstalter gesammelt, keine Stände mit fleischhaltigen Imbissen zuzulassen und ausschließlich vegetarische und vegane Speisen anzubieten.

Der Fuldataler Hartmut Schaumburg hat diese Online-Petition gestartet. Es gehe ihm dabei nicht so sehr um die Möglichkeit, jederzeit Fleisch zu essen, sagte er gegenüber der HNA. Er sei jedoch „für eine freie Gesellschaft“ und gegen eine ökologisch motivierte Verbots- und Gängelungspolitik. „Als Nächstes wird dann womöglich das Biertrinken verboten“, sagte Schaumburg.

Bis zum 19. April – vier Tage vor der geplanten Veranstaltung – kann man bei der Online-Petition seine Stimme abgeben. Sollten 20.000 Unterschriften gegen das Bratwurstverbot zusammenkommen, wird openPetition das Begehren als relevant einstufen und die Daten mit der Bitte um Stellungnahme an die Kasseler Stadtverordnetenversammlung übermitteln.

Veranstalter überrascht von der heftigen Debatte

Nachdem das Wurstverbot am Montagabend Thema im Stadtparlament war, haben sich am Dienstag die Veranstalter vom Umwelthaus Kassel mit einer Erklärung auf ihrer Website geäußert, die auch der HNA übermittelt wurde. Organisator Hubert Grundler bekräftigt dort, dass der Tag der Erde 2017 fleischlos sein werde und dass „die Verantwortung für die inhaltliche Ausrichtung des Festes ausschließlich beim Vorstand des Vereins“ liege.

Grundler äußert sich „etwas überrascht“ von der heftigen Debatte, die die Entscheidung ausgelöst hat. Dass sich das Thema bis in den Kasseler OB-Wahlkampf hinein auswirke, fänden die Veranstalter „schade“.

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Bei einem Krisentreffen am Dienstagabend haben sich die Organisatoren darauf festgelegt, dass sie ihre Planungen für eine rein vegetarisch/ vegane Veranstaltung aufrecht erhalten wollen. „Dabei bleibt es“, sagte Mitorganisator Hubert Grundler vom Verein Umwelthaus Kassel auf Anfrage der HNA. Die Entscheidung sei in einer sechsköpfigen Runde aus Vorstandsmitgliedern des Vereins sowie weiterer Mitorganisatoren getroffen worden.

Facebook-Seite zur Veranstaltung

Rathaus: Stadt unterstützt, aber ohne Zuschüsse

Die Stadt Kassel unterstützt den Tag der Erde laut Rathaussprecher Ingo Happel-Emrich „überwiegend personell und organisatorisch“ bei der Planung der Festmeile sowie mit technischen Einrichtungen wie beispielsweise Absperrungen. Dies werde federführend durch das Umwelt- und Gartenamt geleistet, wo es ein Sachgebiet „Umweltkommunikation“ gebe. Dessen Aufgabe sei die Unterstützung von Schulen, Vereinen und Institutionen bei Umweltthemen. In diesem Kontext werde auch der Tag der Erde unterstützt.

„Eine finanzielle Förderung des Tages der Erde in Form von Zuschüssen seitens der Stadt Kassel gibt es nicht“, sagte Happel-Emrich. Er betonte, die Hoheit für die inhaltliche Gestaltung der Veranstaltung liege ausschließlich beim Verein Umwelthaus Kassel. „Dieser ist alleiniger Veranstalter“, sagte der Stadtsprecher. 

Leserreaktionen: „Ein Fußtritt für ein Volksfest“

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Inga Pietsch, Kassel: Ein Wurstverbot ist sicher nicht sinnvoll – Verbote sind das nie. Aber auf dieser Veranstaltung kein Fleisch anzubieten, halte ich für eine gute und mutige Idee. Es schadet nicht, an diesem speziellen Tag mal darüber nachzudenken, was wir unserer Erde alles zumuten! (...) 

Michelle Wagner, Lohfelden: Mit welcher Dreistigkeit sich manche Leute über Mehrheitsmeinungen hinwegsetzen ist schon erstaunlich. Für mich kann ich sagen, dass mir eine Bio-Bratwurst aus artgerechter, regionaler Haltung zehn mal lieber ist als eine Chemiewurst aus Eiklar beziehungsweise gentechnisch verändertem Soja.

Weiterhin gilt für einen Großteil der nachgemachten Wurst: zuviel Salz, zuviel Fett, zuviel Konservierungsstoffe.

Letzteres gilt aber nicht für Produkte aus ökologischem Anbau. Ich werde dieses Jahr das erste mal nicht zum Tag der Erde gehen, weil ich mir nicht vorschreiben lasse, was ich zu essen habe und was nicht. 

Aus dem Video-Archiv: Der Tag der Erde vor zwei Jahren

Klaus Reichenbach, Kassel: Das Auswahlkriterium „vegan“ ist eher als Willkür und unrühmlicher neuer Höhepunkt einer seit Jahren schwelenden Fehlentwicklung des größten deutschen Umweltfestes zu sehen. Wirklich vegan ernähren sich gerade mal 1,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, vegetarisch sind es maximal zehn Prozent. Da frage ich (ketzerisch): Möchten die Organisatoren die Besucherzahlen beim Tag der Erde von mehr als 20.000 auf 2200 reduzieren? Realistisch betrachtet kommen doch die meisten Besucher auch deshalb, weil man an vielen Ständen leckere und durchaus auch ungewöhnliche Speisen in großer Vielfalt probieren konnte. (...) 

Rita Hahn, Kassel: Bei der ganzen Diskussion, die jetzt losgetreten wird, sollte man bedenken, um was es bei der Veranstaltung geht, nämlich darauf aufmerksam zu machen, wie es um unsere „einmalige Erde“ bestellt ist. Die Menschen sollen zum Nachdenken animiert werden. Bekanntlich hat die weltweit praktizierte Massentierhaltung einen nicht unerheblichen Anteil an der katastrophalen Entwicklung in Sachen Klimawandel, Urwaldrodung, Wasserverbrauch und so weiter.

Man kann nicht für eine bessere Welt kämpfen und gleichzeitig die Tierquälerei (Haltung, Transporte, Schlachthäuser) ignorieren, auch wenn hier von Bio-Fleisch gesprochen wird.

Ich bin sehr froh, dass man sich beim Tag der Erde zu diesem Schritt entschließen konnte. Herrn Schwarz kann ich leider überhaupt nicht zustimmen, es wird schon keiner sterben, nur weil mal keine Bratwurst zu haben ist. (...) 

Franz Fenk, Kassel: Das Fleischverbot beim diesjährigen Tag der Erde mit der fadenscheinigen Argumentation „Platzmangel“ ist die Höhe und ein Fußtritt für Volksfestveranstaltungen. Ich kann den Fleischessern nur empfehlen der Veranstaltung fernzubleiben, damit die Vegetarier und Veganer ungestört untereinander fachsimpeln können. Ich für meine Person weiß meine Konsequenz für diese Bevormundung zu ziehen. Armes Kassel. 

Uwe Weyerstall, Kassel: Ob es sich zum Beispiel um eine religiöse Gruppe oder um Flüchtlinge handelt, der Deutsche ist Weltmeister im Ausgrenzen. Nun sind die Fleischesser an der Reihe. Die Ausrede – zu wenig Platz! (...)

Für alle Fleischersatz-Produkte gilt: Mit höherem Verarbeitungsgrad steigt der Energieverbrauch und die Zutatenliste wächst. Auch Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker, Farb- und Aromastoffe finden sich in den meisten Fleischalternativen. Bis auf Tofu stuft die Vollwert-Ernährung daher Fleischimitate als weniger beziehungsweise nicht empfehlenswert ein. Bei einigen fleischfreien Würstchen, Hackbällchen und Veggie-Nuggets entdeckte das Öko-Test-Magazin zudem Rückstände von Weichmachern, Pestiziden und gentechnisch veränderten Bestandteilen – auch bei Bioware. Na dann guten Appetit. 

Andrea Eggert, Kassel: Die Diskussion meiner Mitbürger darüber, dass es am Tag der Erde keine Fleischerzeugnisse geben soll, macht mich traurig. Überwiegend äußert man ja Ablehnung.

Der Tag der Erde ist doch ein Fest, auf dem sich Besucher zu ökologischen, sozialen, politischen und kulturellen Themen informieren können; und nicht in erster Linie ein weiteres Straßenfest, das sich vor allem durch ein immenses Essensangebot, ganz überwiegend mit tierischen Inhaltsstoffen, auszeichnet.

Ist es nicht erfreulich und mutig, dass die Veranstalter in diesem Jahr nur vegetarisches und aus meiner Sicht noch besser: veganes Essen anbieten wollen? Wissen wir nicht alle um die Zusammenhänge zwischen unseren Essgewohnheiten und den Folgen für unsere Gesundheit, die Natur und nicht zuletzt die Tiere?

(...) Sind wir denn nicht neugierig auf dieses neue und vielleicht sogar bessere Essen, gegen das, besonders, was das rein pflanzliche Essen angeht, nichts spricht; außer, dass wir es nicht kennen und nicht gewohnt sind? 

Luise Dieterich, Ahnatal: Sind die Kasselaner so humorlos? Denn: Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Einmal ein Fest ohne Wurst, so schlecht zu ertragen? Weltuntergang?

Klaus J. A. Bérard, Kassel: Es ist schon genug darüber geschrieben worden. Diese Diskussion ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Es gibt viel Wichtigeres. Als mündiger Bürger lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich essen soll und was nicht. Die Entscheidungen der Veranstalter akzeptiere ich! Meine Konsequenz: Für mich ist das ganz einfach … ich gehe nicht hin, so, wie viele andere auch!

Wolfgang Zielke, Helsa: Deutschland lächelt über einen „Wurst-Streit“. Tolle Reklame für unsere gute Wurst! Es wird kurz und knapp entschieden: Der Veranstalter soll seine Entscheidung gegen Wurst überdenken. Ist so in Ordnung – Aber: es gibt Parteien, die nicht bürgernah sind, sich raushalten wollen, es ginge sie ja nichts an. Dies sollte man sich für die nächste Wahl merken.

Gerhard Reichel, Kaufungen: Es wird viel darüber diskutiert, ob die Veranstaltung mit Bratwurst oder ohne Bratwurst stattfinden soll. Ich kenne diesen Verein schon lange. Für mich ist der Verein im Denken mindestens fünf Jahre voraus und sie machen auf etwas aufmerksam, wo andere Bürger wegsehen. Für mich als Fleischermeister war es erst einmal ein Schock, aber denken Sie mal über Ihren Wochenspeiseplan nach, – da gibt es bestimmt auch mal einen Tag ohne Fleisch. Der Tag der Erde ist ein Vorreiter für die Zukunft. Es wird nach dieser Veranstaltung mehrere Veranstaltungen geben, die dieses Konzept nachmachen und wo frische regionale Produkte ohne Fleisch angeboten werden.

Nun zu meiner Person: Ich habe mich wie jeder andere mit fleischlosen Artikeln beworben. Ich habe weder eine Zu- oder Absage erhalten. Mir ist hinterher nur eingefallen, dass ich vielleicht Vegetarier-Bratwurst mit anbieten könnte. Auch auf großen Fachmessen konnte ich bereits beobachten, dass dort vegetarische Bratwurst angeboten wird. Dies habe ich dem Umweltamt auch mitgeteilt.

Ich kann dem Verein nur Mut zusprechen. Packen Sie Themen an, die bei der Bevölkerung von Bedeutung sind. 

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