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„Impfpflicht wird Widerstand erhöhen“: Kasseler Sozialpsychologe über Corona-Leugner und Impfverweigerer

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Von: Katja Rudolph

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Teilnehmer einer Demonstration von Gegnern einer Corona-Impfpflicht im Januar in Düsseldorf. Eine Person hält ein Schild hoch mit der Aufschrift: „Wir arbeiten mit Herz nicht mit Impfpflicht“.
„Wir arbeiten mit Herz nicht mit Impfpflicht“: Teilnehmer einer Demonstration von Gegnern einer Corona-Impfpflicht im Januar in Düsseldorf. © David Young/dpa

Gesellschaftliche Konfliktthemen gab es auch vor Corona schon. Doch in der Pandemie scheinen sich die Fronten zu verhärten. Ein Sozialpsychologe aus Kassel erklärt das.

Kassel – Gerade an der Impfdiskussion zeigen sich die verhärteten Fronten besonders stark. Wir sprachen mit dem Kasseler Sozialpsychologen Ernst-Dieter Lantermann über Corona-Leugner, Ungeimpfte und eine Impfpflicht.

Warum ist gerade das Impfen so ein Spaltungsthema?

In der Tat wird das Thema Spaltung der Gesellschaft hochgekocht. Aber von einer Spaltung zu reden, ist nicht zutreffend: Etwa 75 Prozent der Menschen haben sich bereits impfen lassen. Allerdings ist diese Mehrheit eine schweigende Mehrheit, von der in der öffentlichen Wahrnehmung wenig berichtet wird. In der Tat gibt es aber eine hoch aggressiv agierende Minderheit von Corona-Leugnern und Impfverweigerern, die sich selbst von der Gesellschaft ausschließt und das auch noch als Spaltung beklagt, die von der Politik verursacht werde.

Was ist anders als etwa bei der Masernimpfpflicht oder anderen Impfungen bei Kindern?

Für einige gesellschaftliche Gruppierungen waren Impfungen schon immer ein Angriff auf die vermeintliche körperliche Autonomie und eine gesunde Kindesentwicklung. Aber die Mehrheit interessierte sich eher nicht für das Thema. Die Corona-Regeln und -Maßnahmen betreffen nun alle. Und das gesellschaftliche Klima, in das die Pandemie fällt, ist ein anderes: Wir leben in einer Atmosphäre der Dauergereiztheit, angefacht vor allem durch Soziale Medien. Und das Vertrauen gegenüber dem Staat ist spürbar gesunken.

Sie sprechen beim harten Kern der Impfverweigerer von den „Wütenden“. Was verbindet diese Gruppe?

Ich nenne es das negative Grundgrollen. Bei dieser Gruppe, die etwa 10 bis 15 Prozent der Impfunwilligen ausmacht, handelt es sich um Menschen, die immer schon ein allgemeines Gefühl von Benachteiligung, Zurückweisung und Ohnmacht in ihrem Leben hatten – verbunden mit einem tiefen Misstrauen gegen den Staat, das etablierte System, die Medien und „die da oben“. Während diese Stimmung bisher eher diffus blieb, haben die Grollenden mit der Pandemie endlich eine Ursache dafür gefunden. Ihr Ressentiment schlägt um in konkrete Gefühle wie Hass, Angst und Zorn. Endlich wissen sie, wo ihre Feinde sind und was sie zu tun haben.

Gibt es überhaupt noch eine Chance, sie zum Impfen zu bewegen?

Ich fürchte, diese radikale Gruppe wird sich nicht umstimmen lassen. Über die öffentlich inszenierte Impfgegnerschaft bis hin zu hasserfüllten Taten gegen den Staat – denken wir etwa an den Aufmarsch vor dem Zuhause von Politikern – erobern sie sich ihr Selbstvertrauen zurück. Viele von ihnen fühlen sich in ihrem vermeintlich kritischen Denken und wahrem Wissen den Impfbefürwortern überlegen. Sie nehmen sich als Helden des Widerstands wahr.

Lassen sich weitere gesellschaftliche Gruppen mit niedriger Impfquote identifizieren?

Eine wichtige, weil vielleicht noch erreichbare Gruppe ist das sogenannte unsichtbare Drittel: Menschen mit geringer Bildung und eher niedrigem Einkommen, viele leben in Dörfern oder Kleinstädten. In dieser Gruppe ist der Glaube, das eigene Schicksal in der Hand zu haben, schwach ausgeprägt. Sie versprechen sich wenig Unterstützung von der Gesellschaft und haben ein geringes politisches Interesse. Es ist anzunehmen, dass in dieser Gruppe auch zahlreiche objektive Hindernisse für eine Impfung bestehen.

Wie könnte man sie für den Piks gewinnen?

Wichtig wäre, dass man ihnen auf ihre Situation zugeschnittene Informationen anbietet, auch in anderen Sprachen. Vor allem aber, dass man die Zugänglichkeit zum Impfen erleichtert, wie das in Großstädten längst üblich ist. Wer mit vielen Problemen und Geldsorgen im Alltag zu kämpfen hat, setzt sich nicht 45 Minuten in den Bus, um zum Impfzentrum zu fahren.

Was ist mit jenen Menschen, die Angst vor den Impffolgen haben oder den neuen Impfstoffen gegenüber skeptisch sind?

Solange sie ihre Argumente und Ängste nicht ausschließlich aus den Chats von Impfleugnern oder Verschwörungsgläubigen beziehen, wären sie durchaus noch mit sachlichen Argumenten für eine Impfung zu gewinnen.

Aber die Informationen liegen seit Monaten auf dem Tisch und umgeben uns geradezu. Geht es wirklich noch um Aufklärung?

Es gibt immer noch Argumente, die nicht so geläufig sind. So heißt es beispielsweise oft, dass auf den Intensivstationen etwa 70 Prozent Ungeimpfte und 30 Prozent Geimpfte liegen. Da mag mancher denken: Dann kann ich ja trotz Impfung schwer erkranken. Wenn man aber mit einrechnet, wie groß die jeweilige Gruppe der Geimpften und Ungeimpften ist, kommt ein Risiko von 1:10 heraus, bei einer Coronainfektion auf der Intensivstation zu landen. Das mag einige dann doch überzeugen.

Die Impfskepsis und -weigerung hat mit fehlendem Vertrauen zu tun. Wie lässt sich das zurückgewinnen – und geht so etwas überhaupt kurzfristig?

In der Tat sind Menschen, die dem Staat vertrauen, erheblich eher bereit, sich impfen zu lassen als Menschen ohne Vertrauen. Während zu Beginn der Pandemie fast 80 Prozent den staatlich verordneten Maßnahmen vertrauten, sank dieses Vertrauen innerhalb weniger Monate. Das hat mit den oftmals hektischen, immer wieder korrigierten und nur selten gut begründeten staatlichen Vorgaben zu tun.

Was es bräuchte, wäre eine koordinierte Vertrauensoffensive, die auf Menschen und Berufsgruppen setzt, die ein hohes Ansehen zumindest in der gemäßigten Bevölkerung genießen: etwa Ärzte, Pflegepersonal, Feuerwehr, Polizei oder örtliche Behörden. Auch wenn viele Prominente die eigene Impfung in die Öffentlichkeit tragen würden, wäre das hilfreich. So wie jeder Geimpfte das viel offensiver tun sollte, damit die soziale Norm entsteht: Impfen ist gut.

Wie beurteilen Sie aus psychologischer Sicht eine Impfpflicht?

Der Schuss könnte nach hinten losgehen, wenn man nicht berücksichtigt, wie Menschen typischerweise reagieren, wenn etwas von ihnen erzwungen wird. In der Psychologie sprechen wir von Reaktanz. Der Zwang zu einem bestimmten Verhalten erhöht in aller Regel die Attraktivität des verbotenen Verhaltens. Und das Gefühl, die eigenen Entscheidungen nicht mehr selbst in der Hand zu haben, erhöht das Kontrollbedürfnis – mit dem Ergebnis, dass eine Impfpflicht auf erheblichen Widerstand stoßen dürfte. Deshalb käme aus meiner, wohlgemerkt psychologischen und nicht virologischen Sicht eine Impfpflicht nur als Ultima Ratio in Frage.

Würden sich bei einer Pflicht noch mehr Ungeimpfte radikalisieren?

Vermutlich. In einer Gruppe von Gleichgesinnten wächst mit zunehmender empfundener Außenbedrohung nicht nur der Zusammenhalt, sondern auch der Gruppendruck, der extreme Meinungen begünstigt. Wer als Impfgegner bereits zahlreiche Einschränkungen in Kauf nehmen musste, dem wird es umso schwerer fallen, seine Überzeugung zu ändern, nach der Devise: Wenn ich mich jetzt impfen lasse, waren alle meine Opfer umsonst. Selbst manche Ungeimpfte, die eine schwere Corona-Erkrankungen durchgemacht haben, sind immer noch stolz auf ihre Entscheidung. Sie sind stolz, sich standhaft gegen den Druck zu wehren.

Was könnte zur Akzeptanz der Impfpflicht beitragen?

Entscheidend wäre eine klare Benennung und stichhaltige Begründung von Absichten, mit denen eine solche Pflicht eingeführt werden soll: möglichst niedrige Inzidenzen oder geringe Belegung von Intensivbetten? Sollte sie ab 18 Jahren gelten oder nur für Ältere? Das muss jeweils nachvollziehbar begründet werden. Eine typische Reaktanz-Reaktion könnte entschärft werden, indem man den Menschen klar vor Augen führt, welche Gefahren eine Nicht-Impfung hat und welche Handlungsfreiheiten sie mit der Impfung gewinnen.

Das Gefühl des eigenen Kontrollverlusts könnte man mindern, wenn die Einführung einer Impfpflicht an bestimmte Bedingungen geknüpft würde, die von jedem einzelnen beeinflusst werden können. Etwa: Wenn bis zum Tag X die Inzidenzen oder die Bettenbelegung unter den Wert Y gefallen sind, entfällt die Impfpflicht.

Was halten Sie von Strafen und Zugangsverboten für Impfverweigerer?

Das ist eine ambivalente Sache. Einerseits habe ich ja erläutert, wie Zwang den Widerstand erhöht. Andererseits können empfindliche Nachteile wie Jobverlust oder hohe Geldbußen manche Menschen aus dem Gruppendruck der Impfgegner-Community befreien, ohne dass sie ihr Gesicht verlieren. Nach dem Motto: Ich bleibe bei meiner Überzeugung, aber der Preis ist mir jetzt doch zu hoch, deshalb lasse ich mich impfen, aber ändere nichts an meiner Überzeugung. Innerhalb des privaten Umfelds kann eine vom Staat verordnete Impfpflicht sogar Konflikte abschwächen. Der Staat übernimmt die Rolle des Sündenbocks, und der Einzelne ist ein Stück weit raus aus der Konfliktsituation.

Wie können Familien und Freundeskreise, in denen es solche Konflikte gibt, mit dem Thema umgehen?

Ganz grundsätzlich: Immer daran denken, dass die Haltung zur Impfung nie die ganze Person ausmacht. Man darf das Verhalten und die Einstellung des Gegenübers kritisieren, aber möglichst nie die Gesamtheit der Persönlichkeit. Von Diskussionen über vermeintliche Fakten und Falschnachrichten würde ich dringend abraten. Das bringt nichts, da Geimpfte und hart gesottene Impfverweigerer in Paralleluniversen surfen.

Wenn man die Familien- oder Freundesbande erhalten möchte, sollte man Gespräche über gemeinsame Erlebnisse und fröhliche Momente führen: über Balkonbepflanzungen, Rezepte, den Hund. Eben alles, was nichts mit Radikalisierung zu tun hat. Es gilt, die emotionale Verbindung zu stärken, um dem Gegenüber klar zu machen: Auch außerhalb der radikalen Gruppe wird er oder sie als Mensch angenommen. (Katja Rudolph)

Zur Person Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann (76) hatte über 30 Jahre lang den Lehrstuhl für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel inne. Der Umgang mit gesellschaftlichen Konfliktthemen interessiert ihn schon lange: 2001 veröffentliche er etwa eine psychologische Studie zu den Plänen für den Ausbau des Flughafens Kassel-Calden und der Art der Auseinandersetzung darüber. 2016 erschien sein Buch „Die radikalisierte Gesellschaft: Von der Logik des Fanatismus.“ Lantermann hat zwei erwachsene Töchter und vier Enkel. Er lebt mit seiner Frau in Kirchditmold. 

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