NS-Verstrickung des ehemaligen Oberbürgermeisters

Kasseler SPD rückt von Branner ab und will Brücke umbenennen

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Die Karl-Branner-Brücke

Was viele Jahre für sie ein absolutes Tabu war, bringen die Kasseler Sozialdemokraten nun selbst ins Spiel: die Umbenennung der Karl-Branner-Brücke.

In der langjährigen Auseinandersetzung um die Karl-Branner-Brücke haben die Kasseler Sozialdemokraten am Mittwoch eine überraschende Kehrtwende hingelegt. Bislang hatte die SPD trotz nachgewiesener Verstrickung ihres ehemaligen Oberbürgermeisters Branner in das nationalsozialistische Regime stets am Namen des Bauwerks festgehalten. Nun schlagen Patrick Hartmann, Vorsitzender der Stadtverordnetenfraktion, und Unterbezirksvorsitzender Ron-Hendrik Peesel die Umbenennung in „Europabrücke“ vor.

„Es ist an der Zeit, den Blick nach vorne zu richten“, sagte Hartmann. Parteichef Peesel und er hätten sich die Entscheidung zur Brücke nicht leicht gemacht. Anlass für das Umdenken der Kasseler SPD sei die Entfernung der Informationstafel zum Namensgeber Branner gewesen.

Wie berichtet, hat die Stadt Kassel am Dienstag die Erinnerungstafeln an dem Brückenbauwerk über die Fulda abbauen lassen. Hintergrund ist ein drohender Rechtsstreit mit den vier Kasseler und Marburger Historikern, die in einer Studie die Verstrickung des ehemaligen SPD-Oberbürgermeisters Branner in das NS-Regime aufgearbeitet und 2015 unter dem Titel „Vergangenheiten“ als Buch herausgegeben hatten.

Weil sie den Text der Anfang 2017 an einem Brückenpfeiler angebrachten Tafel als „missbräuchliche Verwendung“ ihrer Forschungsergebnisse und als Verletzung ihres Urheberrechts ansehen, haben die Historiker nun gegenüber der Stadt angekündigt, juristisch dagegen vorgehen zu wollen. Das sei ein „Persilschein“ und eine „zweite Entnazifizierung“ Branners, die keinesfalls den Forschungsergebnissen entspreche, hatten die Wissenschaftler damals bereits den Tafeltext kritisiert.

Lange diskutiert, jetzt entfernt: der Text der Erinnerungstafel am Brückenpfeiler. Die Historiker kritisierten ihn als „zweite Entnazifizierung“ Branners. (Klick aufs Bild zeigt vollständiges Foto.)

Um einen Rechtsstreit zu vermeiden, hat die Stadt die Tafel wieder abgehängt. Dieser Notbremse folgte am Mittwoch die politische Kehrtwende der Sozialdemokraten. Auch sie wollen jetzt von Branner als Namensgeber abrücken.

„Karl Branners Leistungen zum Wiederaufbau Kassels spiegeln sich in den Anstrengungen vieler Menschen seiner Generation wider“, sagte Parteichef Peesel. Man müsse den Zeitgenossen des Wiederaufbaus zugestehen, aus der Geschichte gelernt zu haben. „Für uns entsteht daraus die Pflicht, ebenfalls aus der Geschichte zu lernen.“ Für die Fraktion und die Partei der SPD sei heute „die entscheidende Botschaft, dass Europa verbindet“. Genau so, wie die Brücke, die die Stadtteile Mitte und Unterneustadt miteinander verbinde. Deshalb der Vorschlag Europabrücke.

Umstritten: Ex-OB Karl Branner. 

Ob der Vorschlag bei anderen Fraktionen auf Zustimmung stößt, ist offen. Ebenso, ob sich dafür in der Stadtverordnetenversammlung eine Mehrheit findet. Die beiden Ortsbeiräte haben sich bisher gegen die Beibehaltung des Namens und für die Umbenennung in „Brücke am Rondell“ ausgesprochen.

Mit Mehrheit hatten im Juli 2015 die Stadtverordneten beschlossen, an dem Namen Karl-Branner-Brücke festzuhalten. Schon lange zuvor hatte unter anderem der Erziehungswissenschaftler und Historiker Prof. Dietfrid Krause-Vilmar scharfe Kritik an Branners NS-Vergangenheit geäußert. Krause-Villmar und die drei weiteren Wissenschaftler waren dann von der Stadt mit der Aufarbeitung von Branners Rolle in der NS-Zeit beauftragt worden.

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