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Kasseler Stadtkonzern im Wandel: KVV-Chef Michael Maxelon über bevorstehende Meilensteine

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Von: Florian Hagemann, Bastian Ludwig

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Die KVV-Zentrale am Königstor in Kassel.
Neue KVV-Zentrale geplant: Hier der Standort am Königstor in Kassel. © Andreas Fischer/SkyPic/Archiv

Unter dem großen Dach der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) befindet sich Kassels wichtige Infrastruktur. Wie geht es in Zukunft weiter?

Kassel - Zur KVV gehören etwa die Städtischen Werke, die KVG, Netcom und das Müllheizkraftwerk. Über die Entwicklung dieser Unternehmen und ihrer Infrastruktur sprachen wir mit Geschäftsführer Michael Maxelon. Hier die wichtigsten Meilensteine:

Konzern-Neubau am Königstor

Für die Unternehmenszentrale am Königstor soll ein Neubau entstehen, der Teil der Standortentwicklung auf dem KVV-Areal sein wird. Ein entsprechender Gestaltungswettbewerb, der Entwicklungspotenziale des Areals zwischen Königstor und Wilhelmshöher Allee zeigen soll, läuft aktuell. Bestandteil im Ideenteil des Wettbewerbs ist auch die Neugestaltung des benachbarten Parkhauses Garde-du-Corps. Im Juni soll das letzte Preisgericht tagen.

Im Zentrum der Planungen steht ein Neubau angrenzend an das vor wenigen Jahren sanierte Gebäude am Königstor, das erhalten bleiben soll. In dem Projekt sollen „moderne Arbeitswelten” entstehen, so Maxelon. Dabei werde auch die weitere Entwicklung beim Thema „Homeoffice” eine Rolle spielen. Die aktuellen Erkenntnisse aus dem flexiblen Arbeiten in der Pandemie sollen dabei berücksichtigt werden.

KVV-Chef bezieht Position: Michael Maxelon.
KVV-Chef bezieht Position: Michael Maxelon. © Harry Soremski

Zudem sind auf dem heutigen KVV-Areal weitere Bauprojekte angedacht. Diese sollen aber nicht von der KVV und ihren Töchtern genutzt werden, sondern vermietet werden – so die bisherige Planung. Zu all den Planungen gebe es bislang aber noch keinen Beschluss im Aufsichtsrat, so Maxelon. Vor Abschluss des Wettbewerbs im Sommer werde es den auch nicht geben. „Aktuell gibt es aber Wohlwollen und Rückenwind für einen positiven Beschluss.“

Energiepreise in Kassel

Michael Maxelon hat sich auch zur erheblichen Preisentwicklung an den Energiebörsen geäußert, die sich auch auf die Tarife der Städtischen Werke ausgewirkt habe: „Unsere Kasseler Bestandskunden müssen beim Gas dennoch nur mit einem Aufschlag von 14 Prozent rechnen.“ Für diese habe man schon vor drei bis vier Jahren den Großteil der nötigen Mengen eingekauft.

„Betroffen sind wir in der Rolle als Grund- und Ersatzversorger.“ Als solcher müsse man „gestrandete Kunden“ insolventer Billig-Anbieter aufnehmen und für diese teure Energie zusätzlich einkaufen. Als Stadtwerk nehme man hier die Funktion und Aufgabe der Daseinsvorsorge wahr. Allerdings beobachte man die Entwicklung aufmerksam und kritisch, da noch nicht abgeschätzt werden könne, ob es weitere Insolvenzen oder gekündigte Lieferverträge gäbe. „Deshalb haben wir den Grundversorgungstarif so gestaltet, dass auch wir weiterhin wirtschaftlich arbeiten können.“

Die Lage dürfe nicht zum Nachteil treuer Bestandskunden werden. Würde man keine gesplitteten Tarife für Bestands- und Neukunden nutzen, würden langjährige Kunden die zusätzlichen Kosten für die Neukunden mittragen. Das sei nicht fair. Sobald die Börsenpreise sinken, werde der Grundversorgertarif angepasst. Die Ungleichbehandlung von Neukunden im Grundversorgertarif und Bestandskunden hält Maxelon für rechtlich haltbar. „Letztlich entscheiden darüber Gerichte und Kartellbehörden.“ Die Abwanderung von Kunden zur EAM, die zuletzt günstigere Tarife angeboten hat, sieht er entspannt.

E-Mobilität und documenta 15

Die Städtischen Werke wollen die Ladeinfrastruktur für E-Autos ausbauen. Zur documenta soll es weitere Standorte geben. Ein Schwerpunkt werde die Schwanenwiese sein, wo aber zur Weltkunstschau nur temporär Ladesäulen aufgebaut werden, weil es sich um ein Überschwemmungsgebiet handele. Dauerhafte Infrastruktur ist im Bereich Ölmühlenweg geplant. Bei einem weiteren Ausbau der Ladesäulen müsse man auch im Auge behalten, was das für das Stromnetz und dessen Kapazitäten bedeute. „Mittelfristig brauchen wir hier einen Masterplan.“

Eine  E-Ladesäule für Elektroautos
Ausbau soll vorangehen: Die Städtischen Werke wollen weitere E-Ladesäulen für Elektroautos aufstellen. © Sven Kühling

Zudem will die KVG zur documenta elektrische Pendelbusse zwischen Friedrichsplatz und Hübner-Gelände anbieten. Dazu seien mehrere Hersteller angefragt worden, ob sie diese für Werbezwecke zur Verfügung stellen würden. Es hänge aber noch an der Lieferfähigkeit.

Die KVG will überdies für ihren Regelbetrieb ab 2023 zwölf große E-Busse anschaffen. Dies sei wegen der Topografie Kassels eine besondere Herausforderung, da E-Busse der aktuellen Generation im Kasseler Liniennetz zum Teil während ihres Einsatzes auf eine Streckenladung angewiesen sind.

Tram-Ausbau

Für eine Tram-Anbindung Harleshausen erwartet Maxelon in diesem Jahr eine wichtige Weichenstellung. Denn vom Gesetzgeber ist für Mitte 2022 eine neue Bewertungsgrundlage für die Nutzen-Kosten-Untersuchung angekündigt. Bislang erfüllte die geplante Trasse nach Harleshausen die Bedingungen nicht und war damit nicht förderfähig. Künftig sollen Umweltkriterien (etwa die CO2-Reduktion) stärker berücksichtigt werden. Daraus ergeben sich neue Chancen für das Projekt. Sobald die Kriterien vorliegen, werde ein externes Büro die Untersuchung vornehmen.

Illustration einer Straßenbahntrasse nach Harleshausen.
Eine Vision: Die KVG hält an ihren Plänen für eine Straßenbahntrasse nach Harleshausen fest. © privat

Bei der immer wieder diskutierten Herkulesbahn gebe es noch Klärungsbedarf in Sachen Natur- und Denkmalschutz. Die einst berechneten 30 Millionen Euro für eine Reaktivierung der Herkulesbahn seien wegen Kostensteigerung wohl nicht haltbar. Letztlich sei das aber eine stadtpolitische Entscheidung.

KVG-Betriebshöfe

Die Betriebshöfe seien bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt, so Maxelon, und im Zuge des Ausbaus des Nahverkehrs müsse hier etwas passieren. Denn eine potenzielle Erhöhung der Taktfrequenz bedeute immer auch einen Mehrbedarf an Stellplätzen und weitere Reparaturkapazitäten. Die ehemaligen Liegenschaften der Firma Hübner in Bettenhausen habe man sich für etwaige Ausbaupläne bereits gesichert. Der genaue Flächenbedarf der KVG werde derzeit ermittelt.

Flexibler Nahverkehr der KVG

Die KVG will als Mobilitätsdienstleister den Einstieg in den flexiblen On-Demand-Verkehr schaffen. Dazu sollen 14 Elektro-Kleinbusse angeschafft werden. Die Ausschreibung läuft bereits, die Lieferzeiten sind noch nicht klar. Idee ist es, im Sommer damit zu starten.

Mit dem On-Demand-Verkehr soll ein Angebot zwischen den normalen Takten geschaffen werden. Im Rahmen eines Forschungsprojekts sollen Praxiserfahrungen gesammelt werden. Zwei Anwendungsfälle werden dabei getestet. Einerseits verstärkt die KVG ihren Nachtverkehr mit einem On-Demand-Angebot. Andererseits wird der Industriepark damit erschlossen. Ähnliche Modelle gibt es in anderen Städten.

Jubiläum: 125 Jahre elektrische Straßenbahn in Kassel

Die Straßenbahn fährt in diesem Jahr seit 125 Jahren elektrifiziert in Kassel. Damit gehörte die Stadt weltweit zu den Pionieren der Technik. „Aktuell sind wir in der Planung und Gestaltung des Festjahres. Seien Sie gespannt und freuen Sie sich auf besondere Höhepunkte“, so Maxelon.

Kohleausstieg bis 2025

Den Kohleausstieg wie geplant 2025 zu schaffen, bleibe ein „ambitioniertes Vorhaben“, sagt Maxelon. „Es ist schaffbar, wenn nichts schiefgeht.“ Verzögerungen könnten sich etwa beim Genehmigungsverfahren ergeben, bei dem Einreden möglich seien. Denn weil im Kraftwerk Dennhäuser Straße künftig nur noch Klärschlamm und Altholz verbrannt werden sollen, handele es sich dann formal um eine Entsorgungsanlage.

Auch bei den Lieferanten der Technik seien Verzögerungen möglich. Der Kessel muss umgebaut werden für die neuen Brennstoffe. „Das ist aufwendig. Wir haben einen Dienstleister gesucht, der sich den Umbau zutraut, denn hier bewegen wir und er uns auf Neuland und gehen neue Wege.“

Das Kraftwerk Kassel an der Dennhäuser Straße in Kassel bei Nacht.
Der Umbau läuft: Bis 2025 soll das Kraftwerk Kassel ohne Kohle laufen. © Dieter Schachtschneider

In dem Zusammenhang erwähnt Maxelon, dass sich der KVV-Konzern eine Klima-Roadmap geben wolle. „Wir wollen wissen, wie groß unser CO2-Fußabdruck und der von unseren Produkten ist. Wo stehen wir bei der Umsetzung der Klimaziele der EU, Deutschlands und Kassels? Und vor allem, wie sieht unser Weg zur Erreichung der Klimaziele aus?“ Nachdem Ergebnisse vorliegen, sollen sie veröffentlicht werden.

Windparks

Maxelon bemängelt das generell langsame Ausbautempo bei der Windkraft. „Ich bin gespannt, wie die von der Bundesregierung versprochene Beschleunigung klappt. Windkraft und PV sollen und werden die beiden Energiequellen der Zukunft sein. Hier müssen wir einfach schneller in der Umsetzung werden.“

Allein gegen den aktuell geplanten Windpark Reinhardswald mit seinen 18 Windrädern, an dem auch die Städtischen Werke mit 20 Prozent beteiligt sind, gebe es rund 650 Einwände. Die Städtischen Werke betreiben bislang 29 Windkraftanlagen im Raum Kassel. (Bastian Ludwig und Florian Hagemann)

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