Original jetzt im Rathaus gefunden

Bund muss Kasseler Schleuse erhalten: Alter Vertrag aufgetaucht

Kassel. Im Kampf um den Erhalt der über 100 Jahre alten Kasseler Schleuse könnte es eine entscheidende Wende geben. Nach langer Suche in Archiven wurde der 1952 zwischen Stadt und Bund geschlossene Vertrag gefunden, in dem die Stadt das Bauwerk einst überschrieb.

Die Bundesregierung hatte sich damals verpflichtet, die Schifffahrtsschleuse zu unterhalten, auf Dauer zu erhalten und ihren Betrieb sicherzustellen.

„Wir sind uns rechtlich sicher, dass der Vertrag Gültigkeit hat“, sagte Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) am Montag während einer Pressekonferenz. In einem Brief an Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte er deshalb die Bundesregierung „freundlich“ auf, ein Konzept zur Sanierung der Fuldaschleuse zu erstellen und dafür das notwendige Geld zur Verfügung zu stellen. Laut dieser privatrechtlichen Vereinbarung, bei der die Stadt damals für die Unterhaltung stattliche 200.000 Mark beisteuerte und 25.000 Quadratmeter städtischen Grund abtrat, sei der Bund in der Pflicht. Allerdings hatte dieser bereits signalisiert, dass er die Stadtschleuse künftig nicht mehr unterhalten will. Es müsse jedoch schnell etwas geschehen, betonte Hilgen mit Blick auf den maroden Zustand der Schleuse.

Die Stadtschleuse hatte für Kassel stets besondere Bedeutung. Sie ist nicht nur das Tor zur Stadt auf dem Wasserweg, sie gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts auch zu einem Plan im Kampf gegen das Hochwasser, unter dem Stadtteile wie die Unterneustadt und die Altstadt zu leiden hatten.

Nach dem schlimmen Hochwasser 1841 wurde unter anderem der Flusslauf erweitert, und mussten die alte Hafenbrücke und Fuldabrücke (Wilhelmsbrücke) weichen. 1913 war neben dem Wehr dann auch die Stadtschleuse an der neuen Fuldastaustufe vollendet. So war auch für die Personenschifffahrt und Frachtschiffe der Weg in Stadt frei. Immerhin ist die Kasseler Schleuse 100 Meter lang (die Innen-Kammer 85 Meter) und zehn Meter breit. Der 1895 erbaute neue Hafen wurde angebunden und die Schlagd als Warenumschlagplatz gewann an Bedeutung. Stolze 985.000 Reichsmark kostete die gesamte Schleusenanlage samt Walzenwehr damals. Die Stadt und auch Bürger beteiligten sich finanziell am Bau.

HINTERGRUND:
Aus Sorge über die Auswirkungen der Neubewertung der Bundeswasserstraßen, um den Erhalt der Kasseler Stadtschleuse und die Zukunft der Schifffahrtswege Untere Fulda und Oberweser entstand vor einigen Jahren eine parteiübergreifende Bürgerbewegung, die unter anderem Demonstrationen und Unterschriftenaktionen organisierte. Daraus ging der Verein Fuldaschifffahrt hervor, der im vergangenen Jahr ein eigenes Museum in einem ehemaligen Speichergebäude am Kasseler Hafen eröffnete. Bei den historischen Recherchen kamen immer mehr Details über die Geschichte der Kasseler Schleuse an Licht.

Nach der Fertigstellung übergab die Stadt die Schifffahrtsschleuse an das Deutsche Reich, betrieb und unterhielt jedoch Schleuse und Wehranlage weiter, wie der ehemalige Ortsvorsteher der Unterneustadt Gerhard Böttcher und der Enkel des ersten Schleusenmeisters, Joachim Bürgel, bei ihren Recherchen herausfanden. Bei Bombenangriffen 1943 wurde der obere Schleusenteil schwer beschädigt. Es dauerte elf Jahre lang, bis die Schleuse wieder ihren Betrieb aufnehmen konnte. Dabei ging die gesamte Wehr- und Schleusenanlage 1952 mit allen Pflichten in das Eigentum des Bundes über. Der Originalvertrag wurde jetzt im Rathaus gefunden. Seither ist der Bund für die Anlage verantwortlich, die nun zur Bundeswasserstraße Fulda gehörte, allerdings inzwischen – wie auch die Oberweser – zur „sonstigen Wasserstraße“ herabgestuft wurde.

Lange sei man davon ausgegangen, dass die Schleuse stets Eigentum des Bundes war, sagt auch der Vorsitzende des Zweckverbandes Kasseler Sportschifffahrt, Jan Hörmann. Die Details der vertraglichen Vereinbarungen zwischen Stadt und Bund wurden erst jetzt bekannt.

In den vergangenen Jahren mussten die Betreiber das im Laufe der Jahrzehnte mehrfach reparierte Bauwerk von Saison zu Saison retten. So war die Schleuse im vergangenen Jahr wegen eines Schadens am Untertor monatelang dicht. Das Ende ist abzusehen: Sollten vorher nicht weitere gravierende Schäden auftreten, wird voraussichtlich 2016 mit dem Betrieb der unter Denkmalschutz stehenden Stadtschleuse endgültig Schluss sein. Ein Konzept für einen kleinen Schleuseneinbau gibt es bereits, dieser würde rund sechs Millionen Euro kosten.

Archiv-Video: So funktoniert die Schleuse

www.fuldaschifffahrt.de

Von Martina Heise-Thonicke

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.