32 Jahre tat Hans Bürgel an der Stadtschleuse Dienst

Bei ihm mussten alle durch - Familiengeschichte an Kassels Schleuse

Joachim Bürgel auf dem Arm des Großvaters

Kassel. Die Kasseler Stadtschleuse wird in diesem Jahr 100. Und wir werfen einen Blick auf eine Familiengeschichte, die sich rund um das Bauwerk rankt:

Das alte Basaltpflaster der Salztorstraße ist noch dasselbe, auf dem Joachim Bürgel vor 70 Jahren mit seinem Großvater stand. Es war die Privatstraße der Familie, damals versperrt mit einem Tor. „Dahinter lag ein eigener kleiner Mikrokosmos“, schildert der 71-Jährige seine Kindheit, die eng mit der 100 Jahre alten Kasseler Stadtschleuse verbunden war.

Denn sein Großvater Hans Bürgel war von 1912 bis 1948 Schleusenmeister an der Fulda. Als er nach 14 Dienstjahren bei der Kaiserlichen Marine und mit dem Anrecht auf eine öffentliche Dienststelle zurückkehrte, bewarb sich der Seebär bei der Stadt Kassel für diesen Posten.

Zerstörtes Maschinenhaus: Dieses Bild der beschädigten Stadtschleuse und des Walzenwehres hatte Hans Bürgel aufgenommen. Fotos:  privat/nh

Als Lagerverwalter und privater Betreiber des Offizierskasinos auf Marineschiffen hatte er es zu einem kleinen Vermögen gebracht und kaufte das an die Schleuse angrenzende Grundstück samt Zubringerstraße.

In den Jahren 1923 und 1927 baute er zusätzlich zum damaligen Schleusenwärterhaus (zerstört im Zweiten Weltkrieg) zwei weitere Wohnhäuser samt Ställen und Garagen.

Hier herrschte der Patriarch über sein selbst geschaffenes kleines Reich, erzählt der Enkel. Für die ersten motorisierten Karossen beschäftigte er sogar einen Chauffeur. Und über das Schlachtverbot während des Zweiten Weltkrieges setzte er sich in der eigenen Waschküche hinweg.

Als er einmal mit seiner Dienstpistole statt des Schweins seinen eigenen Zeh traf, musste das Schweigen des Arztes deshalb mit reichlich Schweinefleisch erkauft werden.

Bürgel erinnert sich an vieler solche Anekdoten. Zum Beispiel an den Tag, als die Reste der Fuldabrücke nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wurden. Der Großvater zündete zeitgleich an der Schleuse ein paar Handgranaten und sammelte flugs die so betäubten Fische ein. Danach hatte die Familie erst einmal reichlich selbst geräucherten Fisch gegen den Hunger.

Denn es gab einige Mäuler zu stopfen. Allen voran die der Kinder Wilhelm (benannt nach dem Schiff S.M.S. Kaiser Wilhelm der Große), Paul und Hertha (benannt nach dem Panzerkreuzer S.M.S. Hertha).

Dieses Schiff hatte für den Marinesoldaten eine besondere Bedeutung. Denn auf ihm hatte er 1900 die Niederschlagung des Boxeraufstandes in China und die Hilfsaktion nach dem großen Erdbeben von Messina 1908 miterlebt.

Später sollte Bürgel gemeinsam mit seinem Freund, dem Schlossermeister Heinrich Ohle, das Passagierschiff „Hertha“ bauen. Was seine bisherige Freundschaft zum Kapitän des Konkurrenzdampfers „Elsa“, Ernst Ziege, nachhaltig trübte.

Dass die Stadtschleuse einmal nicht mehr in Betrieb sein könnte, ist für Joachim Bürgel unvorstellbar. Und der Ingenieur ist sicher: Der Fluss würde schnell verlanden. Als die Schleuse nach dem Zweiten Weltkrieg fast zehn Jahre lang nicht in Betrieb war, dauerte es mehrere Monate, bis der angespülte Schlamm ausgebaggert und die Fulda danach wieder schiffbar war, erinnert er sich.

Die Schleuse wird 100 Jahre alt

Die Kasseler Stadtschleuse wurde 1913 als Großschifffahrtsschleuse in Betrieb genommen. In diesem Jahr wird sie also 100 Jahre alt. Die gesamte Anlage samt Walzenwehr kostete damals 985 000 Reichsmark. Bei Bombenangriffen 1943 wurde das obere Schleusentor schwer beschädigt.

Erst 1952 bis 1953 wurde die Stadtschleuse grundlegend erneuert. Die Schleuse befand sich zunächst im städtischen Eigentum, später ging sie an die Bundesrepublik Deutschland über.

Das Wehr gehörte alsdann zur Bundeswasserstraße und hat eine wichtige regulierende Funktion. Die Zukunft der Schleuse ist ungewiss: Die marode Kammer müsste erneuert werden. Rund sechs Millionen Euro sind dafür veranschlagt.

Hans Bürgel (1877 bis 1955) war der erste Schleusenmeister der Kasseler Stadtschleuse - mit Unterbrechung von 1914 bis 1918, als er im Ersten Weltkrieg zur Kaiserlichen Marine einberufen wurde. Bei seiner Pensionierung als Oberschleusenvorsteher war er 71 Jahre alt.

Als letztes seiner Kinder starb seine Tochter Hertha im Jahr 2005. Mehr als 90 Jahre hatte seine Familie bis dahin an der Kasseler Schleuse gelebt. (hei)

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