Ein Auto von „Haschmich“?

Prozessauftakt: Kasseler bestreiten Betrügereien mit manipulierten Tachos

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Zeigt die gefahrenen Kilometer an: Ein Blick auf den Tacho genügt – wenn er nicht manipuliert wurde.

Kassel. Sie sollen Autos mit manipulierten Tachoständen und gefälschten Service-Heften verkauft haben: Am Dienstag standen ein 28-jähriger Autohändler und ein 29-jähriger Arbeiter in Kassel vor Gericht. Der Tacho soll teilweise um mehr als 100.000 Kilometer heruntergedreht worden sein.

Das Schweigen des Zeugen hing schwer im Saal. „Von wem haben Sie die Autos erhalten, wenn nicht vom Angeklagten?“, fragte Richter Kleinherne – und bekam nur Schweigen zu hören. „Sie müssen darauf antworten.“ Schweigen. Werde der Zeuge bedroht? Kopfschütteln. Die Szene spielte sich am Dienstag im Kasseler Amtsgericht ab.

Dort müssen sich derzeit ein 28-jähriger Autohändler und ein 29-jähriger Arbeiter aus Kassel wegen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten. Dem Händler wirft die Staatsanwaltschaft vor, über Mittäter zehn Autos mit manipulierten Tachoständen und teils mit gefälschten Service-Heften verkauft zu haben.

Im krassesten Fall soll ein Wagen, der viele Hunderttausend Kilometer gelaufen war, mit einem Tachostand von gut 146.000 km veräußert worden sein. In einem weiteren seien ein Totalschaden verschwiegen und 260.000 gefahrene Kilometer auf rund 105.000 reduziert worden.

Der 29-Jährige soll zwei jener zehn Wagen gegen Provision veräußert haben – beide Male unter falschem Namen, wobei er einmal den Namen „Haschmich“ gewählt haben soll. In einem dritten Fall soll er als er selbst - und ohne Zutun des Händlers - ein Auto mit zweifelhaftem Kilometerstand verkauft und später einen Vertrag dazu gefälscht haben.

Nichts davon treffe zu, beteuerte der 29-Jährige gestern. Zur Sache mit dem Kaufvertrag erklärte er, er habe seinen Kunden von vornherein auf Unklarheiten beim Tachostand hingewiesen – so wie es in dem Dokument festgehalten sei. Der Käufer will nichts dergleichen unterschrieben haben, hatte sich aber keine Kopie des Zettels geben lassen, den er unterzeichnete. Auch der 28-jährige Angeklagte stritt gestern alle Vorwürfe ab.

So hing viel an der Aussage des wortkargen Zeugen: Denn der soll unter falschem Namen die ersten acht in der Anklage genannten Autos verkauft haben. Und weil er dafür bereits rechtskräftig verurteilt wurde, darf er jetzt nicht mehr dazu schweigen.

Doch selbst als der Richter ihm ankündigte, dass er umgehend in Beugehaft genommen werde, wenn er die Aussage verweigere, rang sich der Zeuge gestern nicht gleich zur Antwort durch. Schließlich nannte er dann den Namen eines Mannes, den er als einen Freund bezeichnete – und der nicht der 28-jährige Angeklagte ist.

Auch dieser Mann, auch Autohändler, wurde vernommen. Er erklärte, er habe die fraglichen Wagen für osteuropäische Kunden verkaufen sollen – ohne zu wissen, dass damit etwas nicht in Ordnung sein könne. Vom angeklagten Händler kämen die Wagen „auf gar keinen Fall“.

Das Gericht ließ gegen Ende des Prozesstages erkennen, dass es die Beweislage gegen den 28-Jährigen bislang für sehr dünn halte. Der Prozess wird fortgesetzt. (kaj)

Von Katja Schmidt

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