Regionale Salatpflanze wiederentdeckt

Vergessenes Gemüse kehrt zurück: Kasseler Strünkchen startet durch

Wiederentdeckung des Strünkchen-Geschmacks von früher: In der Markthalle gab es am Samstag Kostproben. Von links Bärbel Opfermann vom Grebensteiner Gemüseanbaubetrieb Opfermann, Rudolf Prammer vom Kochclub Kassel, Hanns-Ernst Kniepkamp von Slow Food Nordhessen, Robert Lohmann (Kochclub) und Strünkchen-Produzent Manfred Opfermann. Fotos:  Zgoll

Nordhessen soll neben der Ahlen Wurscht ein weiteres kulinarisches Aushängeschild bekommen: Das Kasseler Strünkchen, ein früher beliebtes und heute weitgehend vergessenes Gemüse.

Sie wird gerade von Gartenbauern und Genuss-Aktivisten wiederentdeckt. Mehrere Betriebe, die in der Markthalle vertreten sind, bauen die regionale Salatpflanze noch oder wieder an.

Dort fand am Samstag zum Lobpreis des Kasseler Strünkchens eine Info- und Probieraktion statt, die großen Anklang fand und Erinnerung an frühere Familienküchen-Erfahrungen weckte. Organisiert wurde die Aktion vom Verein „Slow Food Nordhessen“. Der Anlass: Vor kurzem hat die internationale Besser-essen-Bewegung Slow Food das Kasseler Strünkchen in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen und es damit - wie zuvor schon die Ahle Wurscht - gewissermaßen zum kulinarischen Welterbe bedrohter und besonders guter Regionalprodukte geadelt.

Der Koch-Club Kassel präsentierte das Strünkchen zum Probieren in der traditionellen Zubereitungsvariante „Schlubberkohl“, wobei Blätter und Stängel mit einer Art Béchamelsoße serviert werden. Von den Profis schmeckte das noch besser als früher daheim, fand etwa Markthallenbesucherin Susan Köster: „Meine Mutter hat das auch immer gekocht.“

Strünkchen-Fans: Reinhard und Edith Klapp griffen beim Schlubberkohl gerne zu.

Strünkchen-Fans sind auch Reinhard und Edith Klapp, bei denen das nach zartem Kohlrabi, Blumenkohl und Kartoffel schmeckende Traditionsgemüse ein-, zweimal pro Saison auf den Tisch kommt. „Lange Zeit konnte man das ja praktisch nirgendwo bekommen“, sagt Reinhard Klapp. Dann sei das Strünkchen auf einmal wieder beim Markthallenbetrieb Schminke aufgetaucht. „Seitdem bestellen wir da immer schon vor.“

Auch beim Markthallenstand Opfermann ist gerade Strünkchen-Saison. Bis zu 1000 Pflanzen zieht Manfred Opfermann in seinem Grebensteiner Betrieb, bis etwa September reiche das Angebot. „Früher“, so erinnert er sich, „wurden die Strünkchen kleingeschnitten und für den Winter wie Sauerkraut eingesalzen“. Wenn dann geschlachtet wurde, habe es Rippchen dazu gegeben.

Muss aber nicht sein: Das Strünkchen selbst ist der Gegenbeweis für die landläufige Ansicht, dass Nordhessens deftige Regionalküche nichts für Fleischlos-Esser anzubieten habe. Allerdings wüssten jüngere Leute oft gar nicht, wie sie das Traditionsgemüse zubereiten sollen, gab Kundin Edith Klapp zu bedenken. Bärbel Opfermann weiß Abhilfe: „Bei uns am Stand kann sich jeder ein gedrucktes Rezept dazu mitnehmen.“

Auch für regionale Restaurants sei es lohnend, sich auf das typisch Kasseläner Gemüse zu besinnen und damit ein besonderes Stück Heimat auf der Karte zu haben, findet der nordhessische Slow-Food-Verein. Laut Vorstandsmitglied Dieter Rohde will der Verein dafür jetzt Überzeugungsarbeit leisten.

Stichworte:

Strünkchen - was es ist 

Das Kasseler Strünkchen gehört zu den Römersalaten, manche sagen auch Schlubberkohl oder Sommerendivie. Die ursprüngliche Sorte ist botanisch schwer zuzuordnen, sie kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts entweder aus Ostasien oder aus dem Mittelmeerraum nach Nordhessen. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein wurde das Salatgemüse regelmäßig in Hausgärten der Region angebaut. Die Pflanzen werden 50 bis 60 Zentimeter hoch, die Erntesaison fängt im Juni an.

Slow Food 

Die internationale Slow-Food-Bewegung wurde 1986 in Italien gegründet. Sie bemüht sich um die Erhaltung der regionalen Küchentraditionen mit heimischen, nachhaltigen Produkten und deren Erzeugung vor Ort. Kontakt: www.slowfood.de/nordhessen

Arche des Geschmacks 

Slow Food führt eine weltweite Liste von gefährdeten Lebensmitteln, Kulturpflanzensorten und Nutztierrassen, die angesichts einer globalisierten Lebensmittelwirtschaft im Fortbestand gefährdet sind und wo das traditionelle Wissen um ihre Herstellung zu verschwinden droht. Von bislang 1700 gelisteten Produkten sind 54 aus Deutschland, darunter seit 2004 die Ahle Wurscht und nun auch das Kasseler Strünkchen.

Rezepte

• Deftig: Blätter von 3-4 Kasseler Strünkchen klein schneiden, den Strunk abschälen und in dünne Scheiben schneiden. Alles zusammen in Salzwasser garen. 100 g Speck würfeln und ausbraten, 1 Zwiebel hacken und darin glasig braten. Etwa 2 Esslöffel Mehl zufügen, mit ein wenig Wasser ablöschen und mit 1/4 l Milch verrühren. Abgekochte Strünkchen und Blätter in diese Soße geben, mit Salz und Muskat abschmecken.

• Fleischlos: Blätter und Strunk wie oben vorbereiten. Die Strunkscheiben in etwas Gemüsebrühe dünsten, später die Blätter dazugeben. Mehl in Butter anschwitzen (je ca. 40 g), mit etwas Gemüsebrühe ablöschen und so viel Milch unterrühren, dass eine nicht zu dicke Soße entsteht. Mit Salz und Muskat abschmecken.

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