Hausbau in der Einöde

Kasseler Studenten zimmern Abschlussprojekt in finnischer Wildnis

Bei der Arbeit: Jonas Becker (links) und Timm Bergmann bauen in der Scheune des alten Gutshofs das Holzhaus zusammen.

Kassel. Zwei Studenten aus Kassel haben ihr Erspartes zusammengekratzt und bauen seit 130 Tagen an ihrem Holzhaus in der finnischen Einöde. Es ist das gemeinsame Abschlussprojekt des Architektur-Studenten Timm Bergmann (25) und des angehenden Stadt- und Regionalplaners Jonas Becker (25).

Im sumpfigen Kypäräjärvi am See Kypärä leben die Freunde von Cornflakes und Dosenbohnen und kämpfen gegen Stechmücken und den herannahenden Winter.

Die Idee dazu sei entstanden, als sie vor eineinhalb Jahren auf dem Grundstück Urlaub machten, erzählt Becker. Timm Bergmann hat Familie in Finnland, sein Großvater hatte früher einen in der Nähe des Sees gelegenen Bauernhof bewirtschaftet.

Dieser inzwischen verlassene Gutshof hält die beiden Studenten nun am Leben. Denn dort gibt es Strom und einen Kühlschrank. Am 3,5 Kilometer entfernten See, wo ihr selbst entworfenes Haus entsteht, gibt es nichts außer Stechmücken und ab und zu einen Fisch, der sich in der ausgelegten Reuse verfängt.

Nur ab und zu bekommen die Kasseler Besuch von Freunden. So ist das Bauprojekt auch ein Sozialexperiment: „Obwohl wir 24 Stunden täglich auf uns allein gestellt sind, haben wir uns noch nicht gestritten“, sagt Becker. Sie seien aber auch ausgeglichene Typen und auf die Arbeit konzentriert. Die Arbeitstage beginnen oft früh am Morgen und enden am Abend, erzählt Becker. Für Essen bleibe nicht viel Zeit. „Unsere Freunde sind geschockt, wenn sie uns hier besuchen. Wir haben ziemlich abgenommen.“

Insgesamt 10 000 Euro haben sie für das Projekt zur Verfügung, das sie gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter für architektonisches Entwerfen Jan Kampshoff vorbereitet hatten. Das Holz kommt von einem Sägewerk in der Region.

Um Geld zu sparen, bauen sie alles selbst: Von den Türen bis zu einem 250 Meter langen Holzsteg aus Bäumen über den Sumpf. Gerade der Bau des Stegs sei kräftezehrend gewesen und habe doppelt so lange gedauert wie geplant, erzählen die Studenten. Solche Rückschläge gingen an die Substanz. Auch die Pfahlgründung des Gebäudes auf dem sumpfigen Untergrund sei aufwendig gewesen.

Der Bauplatz: Am See Kypärä wollen die beiden die Hütte errichten. Es ist die einzige an diesem sumpfigen Ort. Fotos: politaire/nh

Der Winter naht

Dabei drängt die Zeit. Denn schon im Oktober können der erste Frost und Schnee kommen. Bis dahin müsse der Rohbau stehen, sonst drohe das ganze Projekt zu scheitern, sagt Becker. Sollte alles klappen, soll das Haus zum Rückzugsraum für die Studenten werden. Dauerhaft dort zu leben, könne er sich aber nicht vorstellen, sagt Becker. Das kulturelle Leben einer Stadt sei ihm zu wichtig.

Bis das Haus steht, werden sie weiter fürs Leben lernen: „Man hat hier viel Zeit, sich auf sich zu konzentrieren. Du lebst viel bewusster. Der größte Luxus sind Dinge, die in Deutschland keiner sind: ein schönes Stück Käse zum Beispiel.“

Mehr zu dem Projekt gibt es hier.

Von Bastian Ludwig

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