Über Vorurteile gegen Junkies

Kasseler Suchtmediziner: „Schaden durch Alkohol größer als durch Heroin“

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Methadon wird oral verabreicht: Die Substanz wird als Ersatzdroge bei Heroinabhängigen eingesetzt.

Kassel. Berufstätige, Studenten, Familienväter, Obdachlose: In die Praxis des Kasseler Suchtmediziners und Hausarztes Dr. Bernd Weber kommen Süchtige aus allen Bevölkerungsschichten.

An 300 Patienten aus der Stadt gibt er die Ersatzdroge Methadon aus.

Wie viele Heroinabhängige lassen sich in Ihrer Praxis Ersatzdrogen verabreichen?

Dr. Bernd Weber: Wir behandeln zurzeit etwa 300 Patienten. Die Ausgabe erfolgt zunächst sechs Monate lang täglich. Wenn ein Patient sich in der Therapie als geeignet erweist, kann er die Substanzen später an einigen Tagen zu Hause selbst einnehmen, bis er sich irgendwann die Medikamente aus der Apotheke holen kann und ganz eigenverantwortlich einnimmt. Diese letzte Gruppe ist die stabilste und wird selten therapiegefährdend rückfällig.

Welche Regeln gelten für die Ausgabe?

Weber: Das ist rechtlich geregelt. Der Patient darf während der Behandlung keinem Drogenkonsum nachgehen, der seine Therapie gefährden würde. Wenn ein Patient etwa mit 2,3 Promille im Blut in unsere Praxis kommt, geben wir keine Ersatzmittel wie Methadon aus. Zudem gilt eine Bannmeile: Die Patienten dürfen sich im Umfeld der Praxis und auf dem Friedrichsplatz nicht versammeln. Das dient auch ihrem eigenen Schutz, denn sofort würden sie Dealern ausgesetzt sein. Dies könnte ihre Therapieziele gefährden.

Wie wirkt Methadon?

Weber: Methadon ist ursprünglich ein ganz normales Schmerzmittel, welches durch seine Ähnlichkeit zum Heroin auch als Ersatzstoff geeignet ist. Es wirkt fast 24 Stunden lang und sorgt vor allem hierdurch für einen stabilen Ersatz zum Heroin, welches nicht mehr von den Patienten illegal beschafft werden muss. Es unterdrückt die Entzugserscheinungen und hat keine dem Heroin vergleichbare berauschende Wirkung. Aber inzwischen werden neben Methadon auch andere Ersatzstoffe wie orales Morphin oder Buprenorphin eingesetzt.

Was soll mit der Vergabe bezweckt werden?

Weber: Ziele der Behandlung sind die Unterbrechung von Beschaffungskriminalität, die Behandlung der Opiatabhängigkeit, die Diagnostik und Therapie von seelischen und körperlichen Nebenerkrankungen und letztlich die Herstellung eines stabilen Lebens. Das kann auch mit dem Ziel der Abstinenz von Opiaten einhergehen.

Ähnliche Behandlungsziele verfolgen wir in der Medizin auch bei anderen chronischen Erkrankungen, unter anderem auch bei Bluthochdruck und Diabetes.

Ist Sucht eine Willens- oder Schuldfrage?

Weber: Sucht ist eine Erkrankung des Gehirns. In unserem Kopf gibt es eine Art ICE-Strecken, die man bewusst nicht vollständig kontrollieren kann und über die auch Sexualität und Ernährung gesteuert werden. Diese Vorfahrtsstraßen im Hirn werden auch bei Suchterkrankungen genutzt. Der Schuldbegriff ist also irreführend.

Sie praktizieren als normaler Hausarzt. Was sagen Patienten, die nicht wegen einer Abhängigkeit zu Ihnen kommen?

Weber: Die Ausgabe findet nicht zu den normalen Sprechzeiten statt. Das wäre personell und organisatorisch nicht zu stemmen. Da die Suchtkranken auch wegen anderer Erkrankungen zu mir kommen, gibt es natürlich immer mal wieder Begegnungen im Wartezimmer. Allerdings beobachten wir sehr häufig, dass die meisten Menschen mit ihren Einschätzungen und Vorurteilen danebenliegen.

Wie meinen Sie das?

Weber: Die meisten Menschen assoziieren Heroinabhängige mit Kriminalität, äußerlicher Ungepflegtheit und dem Leben auf der Straße. Das stimmt aber nur zum Teil. Unsere Patienten sind häufig nicht als Abhängige zu erkennen, viele gehen einer regelmäßigen Beschäftigung nach, sind sozial integriert und einige studieren sogar, was auch am erfolgreichen Behandlungsprogramm liegt.

Haben Sie häufiger mit solchen Vorurteilen zu tun?

Weber: Die Opiatabhängigen sind die kleinste Gruppe der Suchtkranken, erregen aber die größte Aufmerksamkeit. Es gibt in Deutschland etwa 300.000 Betroffene. Für Kassel heißt das hochgerechnet, dass bis zu 1200 Patienten opiatabhängig sind. Insgesamt aber leiden 25 Prozent der Erwachsenen an suchtbezogenen und davon alleine zehn Millionen Menschen an alkoholbezogenen Störungen. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkohol liegt bei 20 Milliarden Euro, trotzdem reden alle nur von den Heroinabhängigen.

Warum ist das so?

Weber: Weil diese Drogenabhängigen bei vielen Menschen diffuse Ängste auslösen, wahrscheinlich weil sie mit den eben genannten Vorurteilen in Verbindung gebracht werden. In unserem Zentrum haben wir wenig Probleme mit dem Klientel. Unterschiede in der Haltung gegenüber unseren Patienten, egal aus welchem Grund, möchten wir hier nicht machen.

Was sind Ihre Ziele bei der Methadon-Vergabe?

Weber: Das politische Ziel ist die Abstinenz. Mein Ziel ist es, zu schauen, was der Patient kann und was er will. Ich würde auch einem übergewichtigen Menschen nicht ungefragt raten, dass er abnehmen muss. Das weiß er selbst. Nur wenn es auch sein Ziel ist - er kann und will - wird es eine Veränderung geben können.

Was sagen Sie Leuten, die sagen, der Doktor will mit der Methadonausgabe nur Geld verdienen?

Weber: Die Behandlung wird gut vergütet. Dennoch will kaum ein Arzt die Behandlung machen. Viele fürchten um ihren Ruf. Zudem muss für die Ausgabe an 365 Tagen ein hoher personeller und organisatorischer Aufwand betrieben werden, der abschreckt und kostspielig ist.

Zur Person:

Dr. Bernd Weber (49) ist Hausarzt und Suchtmediziner. Zudem ist er ärztlicher Leiter des Praxiszentrums Friedrichsplatz und des Kompetenzzentrums Sucht Nordhessen. Weber lebt in Kassel und ist ledig.

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