In Afrin tobt der Krieg

Kasseler Syrerin erzählt ihre Geschichte: Sherin Khalil blickt mit Angst auf ihre Heimat

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Ein Ort in Trümmern: Im syrischen Afrin tobt derzeit der Krieg.

Kassel. Im syrischen Afrin tobt der Krieg. Wie aber erleben das Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind? Sherin Khalil spricht darüber. Das ist ihre Geschichte.

Mit der Flucht vor dem Grauen in der Heimat hören die Sorgen nicht auf. Sherin Khalil sitzt in ihrem Wohnzimmer in Kassel, das eigentlich ein Büro der evangelischen Kirche ist. Seit etwas mehr als zwei Jahren lebt die 47-Jährige mit ihrem Mann und den fünf Kindern nun hier. Kassel gibt ihr Sicherheit, ja. Aber Sherin Khalil sagt: „Ich habe keine Ruhe.“ Ihre Gedanken sind in ihrer Heimat. Ihre Gedanken sind in Afrin.

Afrin. Das liegt im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei, 350.000 Einwohner, viele Dörfer drumherum. Hier leben vornehmlich Kurden. Seit dem 20. Januar ist die Region Angriffsziel der Türken, die eine Militäroffensive gegen die kurdische Miliz führt. Das versetzt Sherin Khalil in große Angst. In Afrin hat sie noch Verwandte: die Mutter, die Schwester, deren drei Kinder, das jüngste Kind ist keine zwei Jahre alt. Wie geht es ihnen?

Sherin Khalil lässt diese Frage nicht los. In ihrem Deutschkurs hat sie kürzlich einen Aufsatz über ihre Heimatstadt geschrieben. Darin ist von der Schönheit Afrins die Rede: von den Millionen Olivenbäumen, von den Erträgen der Landwirtschaft, die Zitrusfrüchte hervorbringt, Granatäpfel, Melonen, Weintrauben und vieles mehr.

Der Aufsatz endet aber mit dem Ist-Zustand, mit dem Krieg. Zum Schluss schreibt Sherin Khalil: „Ich bitte die Hilfsorganisationen um Schutz der Zivilbevölkerung, um diesen Angriff zu stoppen.“ Wenn sie die Bilder auf ihrem Handy von ihrer zerstörten Heimat und von verwundeten Kindern zeigt, kommen ihr die Tränen.

Fast täglich gibt es Meldungen über Tote in Afrin. Auch wenn Sherin Khalil 3500 Kilometer entfernt ist, kann sie kaum schlafen. Immer wieder muss sie an die Situation in Afrin denken: an Kampfflugzeuge, an Panzer, an Raketen. Dann steigt die Wut in ihr auf.

Über Handy versucht sie, mit ihren Verwandten Kontakt zu halten. Manchmal erreicht sie ihre Schwester für einen kurzen Moment. Sie sagt dann schnell, dass alle leben. Das beruhigt Sherin Khalil ein wenig, aber mehr auch nicht.

Schlafen im Freien

Wie soll sich auch Erleichterung einstellen beim Wissen um die Lebensumstände der Menschen, die einem nahestehen? Sherin Khalil berichtet, dass auch viele ältere Menschen in Afrin im Freien schlafen müssen; dabei ist es dort derzeit nur unwesentlich wärmer als hier.

Wenn es Angriffe gibt, stehen Höhlen, aber keine Bunker zur Verfügung; die medizinische Versorgung ist schlecht, wenn überhaupt vorhanden. Heizungen gibt es nicht, sauberes Wasser auch nicht.

Sherin Khalil erzählt, wie ihre Schwester kürzlich mit ihren Kindern durch die Nacht gelaufen ist, um Schutz zu suchen, nachdem sie Bomben gehört haben. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es dort zugeht.“ Sherin Khalil hofft, dass der Horror bald ein Ende hat. „Ich spreche hier nicht als Politiker, sondern als Mensch.“

Als Mensch, der auch selbst schon viel erlebt hat: Shirin Khalil arbeitete in ihrer Heimat als Englischlehrerin, ihr Mann als Jurist. Sie hatten ein Haus, jeder ein Auto. Die Familie hatte alles, als die Situation vor Ort sie zwang, anderswo den Frieden zu finden. Es waren dramatische Umstände, die sie nach Deutschland führte. Aber es fällt ihr zu schwer, darüber zu reden.

In Kassel fühlt sie sich willkommen, ihre älteste Tochter studiert hier schon Bauingenieurswesen. Das Abitur hat sie in Syrien gemacht. Als sie es absolvierte, tobte schon der Krieg. Trotzdem lächelt Sherin Khalil das erste Mal, als sie davon berichtet und sie erzählt, welche Note ihre Tochter schaffte: eine 1,6.

Die Aufenthaltsgenehmigung der Familie gilt noch bis Juni. Sie hofft, dass sie in Kassel bleiben kann. Aber der noch größere Teil der Hoffnung gilt den Verwandten in Syrien.

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