Flutkatastrophe im Ahrtal

„So eine Zerstörung noch nie gesehen“: THW-Mitglieder aus Kassel über den Hochwasser-Einsatz

Mitarbeiter des THW, die den Menschen nach der Flutkatastrophe im rheinland-pfälzischen Ahrweiler bei den Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser helfen.
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Die Keller unter Wasser, die Straßen verschlammt: Unser Foto zeigt Mitarbeiter des THW, die den Menschen nach der Flutkatastrophe im rheinland-pfälzischen Ahrweiler bei den Aufräumarbeiten helfen.

Die Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz war auch für die dort eingesetzten Helfer aus Stadt und Landkreis Kassel der absolute Ausnahmefall. So erlebten Kasseler THW-Mitglieder den Einsatz.

Kassel – Ganze Landstriche hat die Flutwelle verwüstet, ganze Häuser hat das Wasser mitgerissen. Menschen, denen nichts mehr geblieben ist als das, was sie am Leibe tragen: Es sind Bilder wie diese, die Daniela Fehling und Sebastian Kuhne von ihrer Zeit im rheinland-pfälzischen Flutgebiet in Erinnerung sind. Und die den Einsatzkräften des THW-Ortsverbandes Kassel wohl auch immer in Erinnerung bleiben.

„So eine Zerstörung habe ich noch nie gesehen“, sagt die 33-jährige Lohfeldenerin. Die Gruppenführerin der Fachgruppe Wassergefahren ist seit 2002 beim THW aktiv, war schon bei einigen Hochwassereinsätzen in und um Kassel, aber auch an der Elbe dabei. Doch das, was jetzt das Unwetter im Raum Kordel, Altenburg und Ahrweiler angerichtet hat, sei damit einfach nicht zu vergleichen.

Hochwasser-Katastrophe: Menshcen wurden von der Flutwelle völlig überrascht

Bei dem Elbe-Hochwasser 2013 sei der Pegelstand nach und nach angestiegen. Bei diesem Unwetter aber seien kleine Flüsschen wie die Ahr plötzlich zu einer meterhohen Flutwelle geworden. Die Menschen und die Ortschaften seien davon völlig unvorbereitet getroffen worden. „Und das hat man ihnen auch angesehen“, berichtet Sebastian Kuhne, der Zugführer des Kasseler THW.

Mit 22 Kollegen waren Fehling und Kuhne eine Woche lang in dem rheinland-pfälzischen Krisengebiet im Einsatz. „Das war körperlich und psychisch schwere Arbeit“, sagt die 33-Jährige. Sie habe eine Menge Matsch und Leid gesehen. Zu ihren Aufgaben gehörte es unter anderem, die unter Wasser stehenden und verschlammten Keller frei zu schippen und leer zu räumen, das Wasser abzupumpen und wichtige Dinge der Bewohner zu retten.

Hochwasser-Katastrophe: THW-Mitglieder aus Kassel im Einsatz im Ahrtal

Man sei nicht nur in Privathäusern, Hotels und Gaststätten im Einsatz gewesen. In einem Rathaus zum Beispiel habe man wichtige Unterlagen gesichert, erinnert sich Sebastian Kuhne. Zudem habe man die Menschen mit Lebensmitteln, Wasser, Hygieneartikeln und Betriebsstoffen wie Diesel versorgt.

Berichten von ihrem Einsatz: (Von links) die Kasseler THW-Mitglieder Sebastian Kuhne und Daniela Fehling mit THW-Regionalstellenleiter Björn Fuhrmann.

Das Aufsuchen der überfluteten Räume war eine große Herausforderung, erzählen Fehling und Kuhne, die nicht nur THW-Kollegen, sondern auch privat ein Paar sind. Meist habe man wegen Öl oder anderer ausgelaufener Stoffe in den Kellern mit Atemschutz vorgehen müssen. Das Schwierigste aber sei gewesen, dass man nicht einschätzen konnte, was man angesichts der vielen Opfer der Flutkatastrophe in den Schlamm- und Wassermassen finden werde. „Das war schon eine große Anspannung“, sagt der 37-jährige Zugführer. Zudem habe man zwischen den Einsätzen manchmal nur vier Stunden Schlaf in der Nacht gehabt, ehe es vom Zeltlager am Nürburgring wieder zurück in das Einsatzgebiet ging.

THW-Mitglieder aus Kassel im Einsatz bei der Hochwasser-Katastrophe

Positiv bleiben den Kasseler THW-Mitgliedern die Menschen im Ahrtal in Erinnerung. Die Leute hätten positiv auf die Hilfe reagiert, seien sehr froh darüber gewesen und hätten in der Not zusammengehalten. „Die Menschen machten einen gefassten Eindruck. Die Verzweiflung kommt wohl noch“, meint Fehling. Von Übergriffen auf Helfer, wie sie die THW-Spitze kritisiert hatte, bekamen die Kasseler bei ihrem Einsatz nichts mit. Berichtet wurde, dass vorwiegend Querdenker sich als Hochwasser-Opfer ausgegeben hatten und THW-Mitarbeiter mit Müll beworfen und beschimpft hätten.

Zum Glück sei das gesamte Team wohlbehalten zurück, sagt Sebastian Kuhne. Wegen der Corona-Pandemie konnten seit Monaten kein Training und keine Ausbildung stattfinden. Aus dem Lockdown ging es direkt in diesen besonderen Hochwassereinsatz. Kuhne: „Das war für uns schon wie von 0 auf 100. Aber es hat sich gezeigt, dass wir noch ein eingespieltes Team sind.“

„Ich bin mit gemischten Gefühlen zurückgekehrt“, sagt Daniela Fehling. Einerseits habe sie nach dem Einsatz das Gefühl, geholfen zu haben. Anderseits wisse sie, dass noch so viel zu tun sei.

Unter Umständen werden die Kasseler THW-Mitglieder schon diese Woche wieder in das Katastrophengebiet beordert, berichtet Björn Fuhrmann, Leiter der Regionalstelle Homberg. Die ist zuständig für die zwölf nordhessischen THW-Ortsverbände.

Fuhrmann koordiniert den Einsatz per 24-Stunden-Rufbereitschaft. Ein Kontingent aus Kassel, neun bis zwölf Personen, werde wohl künftig benötigt. Denn ein Ende des Einsatzes ist laut Fuhrmann nicht in Sicht. „Allein im Ahrtal sind mehr als 30 000 Menschen von der Katastrophe betroffen.“

Technisches Hilfswerk Kassel

Der Ortsverband Kassel des Technischen Hilfswerks (THW) hat seinen Standort in der Knorrstraße 43. Der Technische Zug, die THW-Basiseinheit, besteht beim Ortsverband Kassel aus einem Zugtrupp, zwei Bergungsgruppen und der Fachgruppe Wassergefahren. Der komplette Zug mit 24 Einsatzkräften war kürzlich bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz im Einsatz.

Dem Kasseler THW gehören mehr als 90 Mitglieder an, 67 stehen für Einsätze bereit. Zum Ortsverband gehört auch eine Jugendgruppe.

Auch Mitglieder von ASB, DRK und Feuerwehr waren beim Hochwasser im Einsatz

Wegen der Hochwasser-Katastrophe in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hatte das hessische Innenministerium am 17. Juli ein Hilfegesuch an die Stadt und den Landkreis Kassel gerichtet. Innerhalb von wenigen Stunden waren die Katastrophenschutzeinheiten organisiert und hatten sich auf den Weg in die Krisengebiete aufgemacht. Das THW-Team des Ortsverbands Kassel war als eines der ersten Einsatzkräfte vor Ort.

Inzwischen sind alle Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, die von Kassel aus nach Rheinland-Pfalz aufgebrochen waren, wohlbehalten zurückgekehrt. Am Freitagabend trafen auch die 30 erschöpften Einsatzkräfte des THW wieder in Kassel ein, die nach einem einwöchigen Einsatz in den Überschwemmungsgebieten.

Kassels Bürgermeisterin dankt den ehrenamtlichen Einsatzkräften

Kassels Bürgermeisterin Ilona Friedrich dankte den THW-Einsatzkräften stellvertretend für alle Helfer aus Kassel für ihr ehrenamtliches Engagement: „Es ist unvorstellbar, was Sie erlebt haben, und ich hoffe, Sie können diese Erlebnisse gut verarbeiten.“ In der Gemeinschaft liege die Stärke, das zeige sich gerade sehr eindrucksvoll in den Krisengebieten, sagte Friedrich.

Aus Kassel in Rheinland-Pfalz im Einsatz waren auch acht Krankenwagen mit über 30 Besatzungsmitgliedern des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie unterstützten die dortigen Einsatz- und Rettungskräfte vor allem beim Patiententransport, teilte die Stadt mit. Stationiert waren die Helfer aus Kassel am Nürburgring. Zudem halfen drei Einsatzleiter der Feuerwehr Kassel im Krisengebiet mit.

Das am Freitag zurückgekehrte THW-Team des Ortsverbands Kassel wird sich nach Angaben von Zugführer Sebastian Kuhne schon in dieser Woche wieder einsatzbereit melden. Eingesetzt gewesen waren insgesamt mehr als 30 Kräfte sowie drei Großfahrzeuge, drei Boote und drei Mannschaftswagen. Selbst für erfahrene THW-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei das eine in diesem Ausmaß nie erlebte Katastrophensituation gewesen, schilderte Sebastian Grandpre. Unter anderem mussten die Helfer mit Watthose und Atemschutz in überflutete Keller steigen. (Andreas Hermann)

Betrüger nutzen die Not der Menschen in den Flutgebieten aus: Fake-Elektriker zocken Hochwasser-Opfer mit horrender Rechnung ab. Dahingegen kam in den Tagen nach der Hochwasser-Katastrophe heftige Kritik am Katastrophenschutz in Deutschland auf - von einem „monumentalem Systemversagen“ war die Rede.

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