Betrieb wurde 1888 gegründet

Kasseler Traditionsbetrieb für Glasinstrumente Rauch gibt auf

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Drei Inhaber-Generationen auf einem Bild: Unser Foto zeigt in der vorderen Reihe Firmengründer Christian Jakob Hermann Rauch (dritter von links mit Vollbart) und links daneben Carl Rauch (2. Generation) und Hermann Rauch (3. Generation).

Kassel. Nach dem Tod von Jürgen Rauch wird die traditionsreiche Glasinstrumente-Manufaktur in der Weserstraße aufgegeben. Es fand sich kein Nachfolger.

Generationen von Chemikern und Apothekern, Chemielehrern und -schülern sowie von Labormitarbeitern in Forschungseinrichtungen, Industrie-Unternehmern und Kliniken haben mit den Apparaturen und Glasinstrumenten des Kasseler Traditionsbetriebs Hermann Rauch gearbeitet und tun es teilweise noch immer. Nun müssen sie sich nach einem anderen Anbieter umsehen. Denn am 13. Juli bereits starb Jürgen Rauch, der das Familienunternehmen seit den 1950er-Jahren in vierter Generation geführt hat, im Alter von 86 Jahren. Die Folge: Der Betrieb wird eingestellt, am 9. September findet ab 10 Uhr der große Ausverkauf statt.

Grund für die Geschäftsaufgabe: Die beiden Kinder des beliebten Glasbläsermeisters und Tüftlers haben sich beruflich anderweitig orientiert. Tochter Gudrun Dröfke wohnt in Potsdam, Sohn Sven ist Geschäftsführer eines mittelständischen Metallbetriebs in Gudensberg. Und Bemühungen des Verstorbenen, einen Käufer für das Geschäft an der Ecke Weser-/Schützenstraße zu finden, schlugen fehl.

Müssen das Traditionsgeschäft abwickeln (von links): Sven (mit Hund Cooper) und Marianne Rauch sowie Gudrun Dröfke, geborene Rauch.

Nur steht Gudrun Dröfke zwischen Reagenz- und Messgläsern sowie komplizierten Apparaten aus der Werkstatt ihres Vaters, die Respekt einflößende Namen wie Extraktoren, Kombi-, Liebig- und Schlangenkühler, Pergulatoren und Sedimetiergefäße tragen, und bereitet die Abwickung des Geschäfts vor, das dem Vater einst alles bedeutete.

Mit der Firma Rauch verschwindet nicht nur der 1888 von Jürgen Rauchs Urgroßvater Christian Jakob Hermann Rauch gegründete Traditionsbetrieb, sondern auch einer der ganz wenigen dieser Art überhaupt. Denn bundesweit gibt es wahrscheinlich nicht einmal mehr eine Handvoll derartiger Spezialwerkstätten. Jürgen Rauch hat zu Lebzeiten auf Bestellung komplizierte Apparaturen in seiner Werkstatt gefertigt und im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Patente erworben. Sein ganzer Stolz galt einer selbst entwickelten Brennstoffzelle, an der er bis zum Schluss werkelte.

Rauch, der in Spitzenzeiten in den 1970er-Jahren bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigte, war weit über Kassel Grenzen hinaus bekannt. Seine Kunden kauften Jahrzehnte bei ihm ein. Sie schätzten nicht nur seine fachliche Expertise, sondern auch sein freundliches Wesen. „Er war wahnsinnig beliebt“, sagt dessen Witwe Marianne, die lange Jahre im Büro der Firma mitgearbeitet hat. Zahlreiche Industriebetriebe, die man beliefert habe, gebe es nicht mehr, erinnert sich die 85-Jährige und nennt unter anderem AEG, die Spinnfaser/Enka und natürlich auch Henschel.

Jürgen Rauch, der eines Morgens nach dem Aufstehen völlig unerwartet in seiner Wohnung starb, war bis ins hohe Alter fit. Das lag an der täglichen Morgengymnastik, die er bis zu seinem Tod betrieb, und an dessen Sportlichkeit. Er war in jungen Jahren Turner und Bogenschütze und fuhr leidenschaftlich gern Ski.

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