Stadt investiert verstärkt in Streetworker

Letztes Bier im Trinkraum: Kasseler Treff für Alkoholabhängige schließt

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Bei Bier und Zigarette auf dem Sofa: Für viele alkoholabhängige und anderweitig süchtige Klienten war der Trinkraum in den vergangenen fünf Jahren wie ein zweites Wohnzimmer. 

Kassel. Die Stadt schließt zum Jahresende den Trinkraum "Warm-up" in der Hanseatenstraße. Für viele Alkoholabhängige fällt dadurch eine feste Anlaufstelle weg. Wir waren an einem der letzten Tage dort.

Wotan wedelt mit dem Schwanz. Der Schäferhund wartet darauf, dass Frauchen Dina das Spielzeug in die Ecke hinter den Billardtisch wirft, damit er es zu ihr zurückbringen kann. Dina, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, kommt mit Wotan seit zweieinhalb Jahren fast täglich in den Trinkraum im Hansa-Haus. Aber nicht weil sie alkoholabhängig sei. Sie trinke eigentlich gar nicht, sagt die 38-Jährige. Gelegentlich nehme sie mal Marihuana – aber ansonsten? Keine Drogen. Dina lebt seit 20 Jahren auf der Straße.

Die Entscheidung habe sie damals selbst getroffen. Gerade im Winter sei es aber schön, einen Ort zu haben, an dem sie und ihr Hund tagsüber sein können, in einer „netten Atmosphäre, als Teil einer Gemeinschaft“. Gemeinschaft – dieses Wort fällt häufig, wenn man sich unter den knapp 30 Besuchern umhört, die an diesem verregneten Vorweihnachtstag im Trinkraum sind. Um Teil dieser Gemeinschaft zu sein, muss man kein Alkoholiker sein.

So wie Lothar Niessner. Der 62-Jährige ist heroinabhängig. Zurzeit ist er abstinent. Dass er an diesem Tag überhaupt im von Zigarettenqualm vernebelten Trinkraum auf dem alten Stoffsofa sitzt, grenzt an ein kleines Wunder. Vor vier Wochen hatte er einen Schlaganfall, erst vor sieben Tagen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Niessner ist seit der Eröffnung vor fast sechs Jahren fester Bestandteil des Trinkraums. Der gelernte Bürokaufmann, der lange als Fernfahrer arbeitete, hilft Betreiberin Bärbel Ackermann ehrenamtlich hinter der Theke aus. Wenn der Trinkraum an Heiligabend ein letztes Mal abgeschlossen wird, verliert Lothar Niessner sein zweites Wohnzimmer.

Arbeitet seit fünf Jahren im Trinkraum mit: Lothar Niessner

Da die Szene auf der Straße störe, brauche sie einen Ort, an dem sie nicht störe, „denn das Problem wird nicht verschwinden“, sagt Niessner. Auch Daniel Hupach ist überzeugt, dass die Schließung des Trinkraums eine falsche Entscheidung ist. „Die Leute können im Warm-up ihre Sozialstunden ableisten, hier ist man Mensch, egal was man konsumiert“, argumentiert der 34-jährige Dachdecker mit den Piercings im Gesicht, der vor einem Jahr aus Dortmund nach Kassel kam. „Wenn das Warm-up schließt, hängen die Leute wieder auf der Straße ab, saufen mehr“, glaubt Hupach.

Seit einem Jahr Mitarbeiter und Klient im Trinkraum: Daniel Hupach

Einen Job hat der fünffache Vater derzeit nicht, dafür packt auch er im Trinkraum mit an. „Bis vor vier Monaten habe ich alles inhaliert, was mit Drogen zu tun hat“, sagt er. Der Trinkraum gebe seinem Alltag Struktur. Hupach hat Angst vor der Zeit danach, „wenn man zu Hause sitzt und die Sucht zurückkommt“.

Allein in diesem Jahr sind 15 Klienten, die regelmäßig den Trinkraum besuchten, gestorben. Die Stammgäste organisierten gemeinsam mit Bärbel Ackermann die Beerdigungen, wenn sich sonst niemand darum kümmerte. Ackermann spürt in den letzten Tagen des Trinkraums eine gewisse Resignation unter den Besuchern. Sie halte die Arbeit der Streetworker, die die Stadt zukünftig mit dem Trinkraum-Budget fördern wolle, für sehr gut und sinnvoll. Doch diese ersetze nicht das Zuhause, das der Trinkraum seinen Besuchern bot. Die Menschen seien ihr außerdem über die Jahre ans Herz gewachsen. Ackermann kennt von beinahe jedem Stammgast die Lebensgeschichte. „Die meisten sind wundervolle, teils kreative Menschen mit einer spannenden Biografie, die irgendwann einen Bruch erlitten hat“, sagt Ackermann.

Einen Bruch erlitten hat auch Thomas Katterfeld (51), der aus dem thüringischen Apolda stammt. Nach dem ersten Vollrausch mit zwölf, Stationen im Jugendgefängnis und der JVA, fühlt er sich laut eigener Aussage erst ab zwei Promille wohl. Wo er in Zukunft trinken wird? „Wahrscheinlich im Nautilus“, dem Café der Drogenhilfe. Aber dort sei es so anonym, man fühle sich ausgegrenzt. Deshalb werde es ihn, wie so viele andere, wie auch Dina und Wotan, wieder auf die Straße ziehen.

Der Trinkraum im Hansa-Haus in der Hanseatenstraße: Nach fünf Jahren schließt das „Warm-up“ an Heiligabend endgültig.

Kommentar: Warum der Kasseler Trinkraum zum Scheitern verurteilt war

Hintergrund: Darum schließt der Trinkraum

Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Kasseler Oberbürgermeisters Christian Geselle (SPD): Im August wurde bekannt, dass die Stadt zum Jahresende die Zusammenarbeit mit dem Verein Szene direkt, der den Trinkraum betreibt, beende. Damit beerdigte Geselle ein Projekt des früheren Bürgermeisters Jürgen Kaiser (SPD). „Wir haben festgestellt, dass der Betrieb des Trinkraums in letzter Zeit nicht mehr zu dem erhofften Erfolg geführt hat“, sagte Geselle. 

Das Ziel, möglichst vielen alkoholabhängigen Menschen einen Aufenthaltsort außerhalb von öffentlichen Plätzen anzubieten, werde mit diesem Angebot nicht erreicht. Die jährlichen Mittel in Höhe von 76 500 Euro sollen zukünftig in das Projekt „Straßenarbeit mit Schlichtungsfunktion“ der Drogenhilfe Nordhessen investiert werden. Das Team der Streetworker, die die Szene direkt an deren Aufenthaltsorten aufsuchen, wird durch zwei studentische Hilfskräfte verstärkt.

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