Prozess ausgesetzt

Kasseler Uni-Professor vor Gericht: Maulkorb vom Verteidiger

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Sieht sein Buch als Beweismittel: Prof. Dr. Ulrich Kutschera hatte seine Publikation „Das Gender-Paradoxon“ mitgebracht und sieht darin seine Thesen belegt.

Nach mehr als sechs Stunden Verhandlung war der Prozess gegen Prof. Dr. Ulrich Kutschera am Mittwoch ohne Ergebnis ausgesetzt worden. Einblicke in einen ungewöhnlichen Prozess.

Ulrich Kutschera setzt ein breites Lächeln auf, als er, begleitet von Kameras, zum Gerichtssaal geht. Zu dem Prozess wegen Volksverhetzung gegen den Kasseler Uni-Professor sind so viele Zuschauer gekommen, dass die Verhandlung kurzfristig in einen größeren Saal verlegt wird. Auf der Anklagebank packt der 64-Jährige sein Buch „Das Gender-Paradoxon“ aus und hält es wie für ein Werbefoto vor die Objektive.

Darin sieht der Evolutionsbiologe und Pflanzenphysiologe alle seine Äußerungen, um die es an diesem Tag vor Gericht geht, für wissenschaftlich belegt. Sein Verteidiger Markus Sittig wird wenig später beantragen, das 450 Seiten umfassende Buch „im Selbstleseverfahren“ in den Prozess einzubringen.

Das Gericht soll klären, ob sich Kutschera mit Äußerungen über Homosexuelle und die sogenannte „Ehe für alle“ strafbar gemacht hat. Es geht um den Vorwurf der Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und Verleumdung. In einem Interview mit der katholischen Internetplattform „kath.net“ hatte der Wissenschaftler im Juli 2017 unter anderem gesagt, die Homo-Ehe eröffne ein „mögliches Horror-Kinderschänder-Szenario“. Bei einem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare sehe er „staatliche geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen.“ 

Kutschera habe unter dem Vorwand angeblicher biowissenschaftlicher Fakten homosexuellen Personen eine grundsätzliche Neigung zu sexuellem Missbrauch vorgeworfen, sagte Staatsanwalt Dr. Enrico Weigelt. Mit den Äußerungen nehme der Angeklagte zumindest billigend in Kauf, dass Homosexuelle gegenüber heterosexuellen Mitmenschen als ungleichberechtigte Personen herabgewürdigt und verletzt würden. Die Ausführungen Kutscheras seien „kriminologisch nicht haltbar und tatsächlich nicht feststellbar“, so der Staatsanwalt.

Auslöser für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft waren drei Strafanzeigen gegen Kutschera nach der Veröffentlichung des Interviews 2017. Unter anderem hatte ein homosexueller Mann aus Berlin Kutschera angezeigt. Er fühle sich in seiner Menschenwürde verletzt, sagte der 51-Jährige. Der Mediziner, Psychotherapeut und Kulturwissenschaftler sprach Kutschera die Kompetenz in der Sache ab. Es handele sich um „unqualifizierte Aussagen einen Pflanzenphysiologen“.

Als Kutscheras Verteidiger dem Zeugen vorhält, dass Kutschera im Interview ja nur von Möglichkeiten und Befürchtungen spreche, sagt der Mann, Kutschera schüre mit seinen Äußerungen Ängste in der Bevölkerung. Sprachlich möge das geschickt verpackt seien, so der 51-Jährige. „Das ist wie ein trojanisches Pferd, aber es erfüllt genau seine Wirkung.“

Ähnlich äußert sich ein Mitarbeiter der Uni Kassel, der Kutschera ebenfalls angezeigt hatte. Zum einen fühle er sich „existenziell verletzt“ durch Kutscheras Äußerungen zu Homosexualität und Kindesmissbrauch, so der mit einem Mann verheiratete 51-Jährige. Zum anderen warf er dem Professor vor, gegen Wissenschaftsstandards zu verstoßen. So habe Kutschera zum vermeintlichen Beleg seiner Thesen etwa auf eine Veröffentlichung im Ärzteblatt verwiesen. Dabei habe er aber nur aus einem Leserbrief statt aus einer Studie zitiert.

Als zwischen Verteidiger Markus Sittig und dem offensichtlich gut in die Materie eingearbeiteten Zeugen eine Diskussion über diverse Studien und deren Seriösität entsteht, meldet sich nach mehr als fünf Stunden Verhandlung auf einmal Kutschera zu Wort: „Ich muss doch mal was sagen.“ Bisher hatte er selbst geschwiegen. Sein Anwalt hält in mit einer raschen Handbewegung zurück: „Herr Kutschera, lassen Sie es.“

Prozess gegen Kasseler Uni-Professor wegen Volksverhetzung

 © Andreas Fischer
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Lesen Sie dazu: Anklage wegen Volksverhetzung: Kasseler Uni-Professor vor Gericht

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