Muslim in Leichentuch beerdigt

Kasseler Westfriedhof: Erste Bestattung ohne Sarg

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Haben die erste sarglose Bestattung in Kassel organisiert: Die Unternehmer Stephan Grosch (links) und Marco Jandke mit einem Koran und Leichentuch.

Kassel. Auf dem Kasseler Westfriedhof ist erstmals ein Leichnam ohne Sarg beerdigt worden. Seit Anfang dieses Jahres ist diese Form der Beisetzung für gestorbene Muslime auf dem Friedhof in Süsterfeld-Helleböhn möglich. Dafür war in Hessen das Friedhofs- und Bestattungsgesetz geändert worden.

Für die Bestattungsunternehmer Stephan Grosch und Marco Jandke aus dem Stadtteil Forstfeld war dieser Auftrag Neuland. Die beiden Männer weisen aber die Kritik zurück, die es vor der ersten sarglosen Bestattung gegeben hatte. „Es gibt ja Menschen, die in der sarglosen Bestattung eine Minderheitenprivilegierung sehen“, sagt Jandke. Oft genug habe er schon die Meinung gehört, dass solch eine Bestattung für Muslime günstiger sei als zum Beispiel eine Feuer- oder Erdbestattung für Christen. Das sei nicht der Fall, sagen die beiden Bestatter und stimmen damit der Einschätzung von Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung, zu.

Denn auch für sarglose Bestattungen muss der Transport zum Grab in einem Sarg erfolgen, sagt Jandke. Dafür könne man sicherlich einen günstigen Sarg wählen, ähnlich wie bei Feuerbestattungen, der um die 250 Euro koste. Aber was passiert mit dem Sarg, wenn er nicht mehr benötigt wird? Laut Grosch sei es in der Türkei üblich, dass die Särge an eine Moschee gespendet werden. Dort würden sie dann für den Transport von Leichnamen genutzt, deren Angehörige wenig Geld haben. Eine ähnliche Handhabe könnte er sich auch in Kassel vorstellen. Die beiden Unternehmer können sich aber auch vorstellen, die Leichname in einer Bergungswanne (Transportsarg) zu transportieren. Dafür müsse man aber eine weitere Wanne anschaffen. Miete und Reinigungsgebühren würden in diesem Fall aber anfallen.

Bei sarglosen Bestattungen müssten die Angehörigen zudem für das Leichentuch zahlen. Je nach Größe koste dies zwischen 250 und 300 Euro. Für sarglose Bestattungen berechne die Friedhofsverwaltung allerdings weniger Gebühren, sagt Rehs. Das liege aber nicht am fehlenden Sarg, sondern weil die Kosten für die Sargträger wegfielen. Während bei Bestattungen mit Sarg auf Kasseler Friedhöfen immer sechs Sargträger eingesetzt und bezahlt werden müssen, würden bei sarglosen Bestattungen diese Aufgabe Mitglieder der muslimischen Gemeinde übernehmen. Eine sarglose Bestattung kostet 1215 Euro, eine mit Sarg 1646 Euro.

Bei muslimischen Trauerfeiern sorgen die Angehörigen selbst dafür, dass der Leichnam in das Grab hinabgelassen wird. Ein Angehöriger dreht den Toten in der Gruft anschließend mit dem Gesicht in Richtung Mekka. Dafür lässt sich die Friedhofsverwaltung eine Freistellungserklärung unterschreiben, sagt Rehs. „Wenn im Grab etwas passiert, können wir dafür die Haftung nicht übernehmen.“ Zudem übernimmt die Trauergemeinde auch selbst die Aufgabe, das Grab mit Erde vollständig zu schließen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

www.friedhofsverwaltung-kassel.de

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