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Kasseler Wissenschaftlerin: „Bis zu meinem 49. Lebensjahr war ich blind“

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Von: Christina Hein

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Prof. Dr. Inez De Florio-Hansen
Eine bewundernswerte Frau: Prof. Dr. Inez De Florio-Hansen ist Sprachwissenschaftlerin. Durch Grauen Star war sie 50 Jahre lang stark sehbehindert. © Andreas Fischer

Blindenschrift war für Inez De Florio-Hansen eine vertraute Bekannte. Doch durch eine Operation lernte die Kasseler Wissenschaftlerin mit 50 Jahren das Sehen.

Wer es mit Dr. Inez De Florio-Hansen zu tun hat und eine – sei es noch so kleine – Idee von ihrer Biografie erhält, kommt nicht umhin, einen staunenden Blick auf das Privatleben der 76-Jährigen zu werfen. Neben den Verdiensten, die sich die Sprachwissenschaftlerin als Professorin und Publizistin erworben hat, verblüfft vor allem ihr Werdegang. Irgendwann im Gespräch fällt ein Satz, der elektrisiert: „Bis zu meinem 49. Lebensjahr war ich blind.“

Das angeborene Handicap Grauer Star und die damit verbundene Sehbehinderung haben die gebürtige Wiesbadenerin nicht daran gehindert, eine heitere, von Aufgeschlossenheit geprägte Kindheit zu verbringen. Später legte sie eine brillante akademische Karriere hin. Dabei half ihr die Braille-Blindenschrift, aber am besten haben sie gelernt, wenn ihr andere Texte vorgelesen haben, erzählt sie mit mädchenheller Stimme.

Eine Besonderheit: Von des Vaters Seite hat De Florio-Hansen französische, von der Mutter italienische Wurzeln. So wurde sie von ihrem Elternhaus mit drei Muttersprachen beschenkt: Deutsch, Französisch und Italienisch. Dass sie sich früh für Sprache und Literatur interessierte – auch das war ihr in die Wiege gelegt worden, wenigstens symbolisch: „Ich heiße Inez, nach der Protagonistin in Jean Paul Sartres Theaterstück Geschlossene Gesellschaft“, verrät sie. 

Nach ihrer Promotion in romanischer Literaturwissenschaft und Staatsprüfungen für das Lehramt arbeitete sie als Lehrerin. Außerdem war sie als Beraterin im Kultusministerium tätig. 1994 habilitierte sie sich an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt zum Thema Fremdsprachenerwerb. Nach Lehraufträgen erhielt De Florio-Hansen 1994 einen Ruf an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. 1996 trat sie ihre Professur für Fremdsprachenlehr- und -lernforschung sowie Interkulturelle Kommunikation an der Uni Kassel an.

Dort war sie bis zum Ruhestand tätig. Nur: Ruhe ist ein Fremdwort für die vor Geist und Temperament nur so funkelnde Wissenschaftlerin. Verstärkt widmet sie sich der Erforschung von Lehr- und Lernprozessen, erarbeitet Unterrichtsmaterial, publiziert Buch um Buch.

Alter ist kein Thema, denn auch diese Kuriosität zeichnet sie aus: Erst mit 60 habe sie Englisch erlernt, „um sich auf Kongressen besser verständigen zu können“, wie sie erklärt. Man müsse mit dem Herzen lernen, dann klappt’s, egal wie alt man sei.

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Grauer Star: OP in Bonn änderte das Leben der Wissenschaftlerin

Es war De Florio-Hansens inzwischen verstorbener Mann, der italienische Regisseur Pasquale De Florio, der sie überredet hatte, sich der Augen-OP zu unterziehen. Erst in den 1980er-Jahren war die Implantierung einer künstlichen Linse ohne Risiko möglich. De Florio-Hansen ließ diesen – in ihrem Fall komplizierten – Eingriff im August 1991 in der Dardelle-Augenklinik in Bonn-Bad Godesberg machen. Danach fing für sie ein neues Leben an. Wie war es, plötzlich den eigenen Mann auch sehen zu können? Von ihm habe sie eine genaue Vorstellung gehabt, sagt sie und lacht, schließlich sei er der Mensch gewesen, den sie „überall anfassen durfte“. Bei anderen habe es aber Überraschung gegeben.

„Es ist nicht einfach, sich mit 50 Jahren eine neue optische Welt zu erobern und sich darin zurechtzufinden“, sagt sie. Sie weiß von Erwachsenen, die sich das Leben genommen haben, weil sie diese Aufgabe überfordert hatte. Das Manuskript für ein Buch über ihre Erfahrungen als ehemals Blinde trägt den Arbeitstitel „Der vermeintliche Sechser im Lotto“. Noch heute verlasse sie sich gerne auf das Hören, Riechen, Fühlen. „Sie werden lachen, wenn ich mir eine Pizza zubereite, höre und rieche ich, ob sie fertig gebacken ist.“

Italienischer Charme: Das Ehepaar Pasquale De Florio und Inez De Florio-Hansen 1994. Drei Jahre zuvor hatte sich die Sprachwissenschaftlerin einer Augen-OP unterzogen, und das Sehen gelernt. Hier verabschiedet sich das Paar aus Wiesbaden in Richtung Kassel.
Italienischer Charme: Das Ehepaar Pasquale De Florio und Inez De Florio-Hansen 1994. Drei Jahre zuvor hatte sich die Sprachwissenschaftlerin einer Augen-OP unterzogen, und das Sehen gelernt. Hier verabschiedet sich das Paar aus Wiesbaden in Richtung Kassel. © privat

De Florio-Hansen zuzuhören ist ein Vergnügen. Sie hat Spannendes zu erzählen und ist dank digitaler Vernetzung mit klugen Köpfen weltweit bei vielen Themen auf dem neuesten Stand. Technikaffin war sie stets. Ihren ersten Mac-Computer, den legendären Würfel von 1984, hütet sie wie einen Schatz.

Doch bei den Segnungen der digitalen Welt differenziert sie. Während sie im Internet Recherchen anstellt und Online-Banking macht, hält sie sich von Sozialen Medien fern. „Wie ich das Internet nutze, entscheide ich selbst und auch, wem ich meine Daten überlasse“, sagt sie. „Eine Maschine macht nur das, was der Mensch zulässt.“

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Grauer Star - Linse ist geschädigt

Der Graue Star (Katarakt) ist eine starke Trübung der Augenlinse. Erkrankte Menschen nehmen ihre Umwelt bestenfalls durch einen Nebel wahr. Betrachtet man Menschen, die an einer fortgeschrittenen Katarakt erkrankt sind, kann man die graue Färbung hinter der Pupille erkennen, daher die Bezeichnung „Grauer Star“. In der Regel tritt die Erkrankung im Alter auf. Die geschädigte Linse kann heute operativ durch ein künstliches Linsenimplantat ersetzt werden. 

In der Augenklinik im Kasseler Klinikum werden im Jahr 2000 Katarakt-OPs durchgeführt, im Schnitt fünf davon an Kindern und Säuglingen. „Heute wird ein angeborener Star meistens sofort erkannt und operiert“, sagt Profesor Dr. Rolf Effert, Direktor der Kasseler Augenklinik.

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