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Kasselerin, die in Kasachstan geboren wurde, spricht über die Lage im Land

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Von: Gregory Dauber

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EIn ausgebranntes Fahrzeug in Almaty, der einwohnerreichsten Stadtvon Kasachstan.
Spuren der Verwüstung: In Almaty, der einwohnerreichsten Stadt von Kasachstan, war das Zentrum der mittlerweile niedergeschlagenen Proteste. © Vladimir Tretyakov/NUR.KZ/AP/dpa

In Kasachstan führten stark angestiegene Gaspreise zu gewalttätigen Protesten, gegen die der Staat hart vorging. Wir sprachen mit Kristina Stein aus Kassel über ihr Geburtsland.

Kassel – Die 28-jährige Kristina Stein kam als Fünfjährige mit Eltern und Großeltern im Grenzdurchgangslager Friedland an und lebte später in Göttingen. Vor drei Jahren zog sie für ein Volontariat bei der HNA nach Kassel. In der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan leben noch eine weitere Oma, ihre Tante, ein Cousin und viele Freunde der Familie.

„Wir sind regelmäßig im Land zu Besuch und haben ständig Kontakt.“ Dieser Kontakt riss vor zehn Tagen plötzlich ab, weil Internet und Mobilfunknetz in Kasachstan abgeschaltet worden waren, teilweise waren auch Festnetzanschlüsse und das Fernsehen nicht verfügbar, berichtet Stein.

Ihre Familie lebt in Aqsu, einer mittelgroßen Stadt in der nordöstlichen Region Pawlodar. „Dort gab es keine Proteste, das Leben ging normal weiter. Wir haben uns aber schon Sorgen gemacht, dass es Probleme mit der Versorgungslage und der öffentlichen Infrastruktur geben könnte“, sagt die Kasselerin. Andere Freunde, die in Almaty leben, der größten Stadt des Landes und das Zentrum der Unruhen, hätten aus Angst das Haus nicht verlassen.

Die Kasselerin Kristina Stein zu Besuch in Pawlodar.
Die Kasselerin Kristina Stein zu Besuch in Pawlodar, wo Großmutter und Tante leben. © privat

„Dort gab es Plünderungen, Schüsse von beiden Seiten und nicht überprüfbare Gerüchte, etwa über Enthauptungen von Polizisten.“ Insgesamt soll es in den vergangenen Tagen mehr als 160 Tote und fast 10 000 Festnahmen gegeben haben. Unabhängig bestätigen lassen sich diese Zahlen nicht.

„Ich glaube nicht, dass sich in Kasachstan grundsätzlich etwas ändern wird“, sagt Stein. Die Hauptstadt Nur-Sultan ist nach dem Ex-Präsidenten Nursultan Nasarbajew benannt, der erst vor wenigen Tagen als mächtiger Chef des Sicherheitsrates entmachtet worden war. „Dort gibt es Glaswolkenkratzer und einen enormen Präsidentenpalast, vor den Stadttoren zerfallen kleine Dörfer“, erzählt Stein von ihrem letzten Besuch im Jahr 2017.

„Jetzt gibt es zwar einen neuen Regierungschef, doch das ist nur ein neuer alter Mann. Das System der Korruption und Misswirtschaft ist tief verwurzelt. Gerade die Älteren zweifeln den autoritären Führungsstil nicht an.“ Viele kritisch denkende Jüngere verließen das Land auf der Suche nach neuen Perspektiven. Eine ausgewogene und freie Presse gebe es nicht, viele Sender stehen unter russischem Einfluss.

Grafik von Kasachstan
Grafik von Kasachstan © HNA

Theorien von russischen und kasachischen Verantwortlichen, hinter den Ausschreitungen stünden im Ausland trainierte Terroristen mit islamistischem Hintergrund, schenkt Stein wenig Glauben. 70 Prozent der Bevölkerung seien Muslime, 20 Prozent christlich. „Das Zusammenleben von Muslimen und Christen klappt in Kasachstan eigentlich sehr gut. Kasachen definieren sich mehr über kulturelle Traditionen als über Religion.

Aber solche Theorien zu Angreifern aus dem Ausland hat man auch schon aus Weißrussland gehört.“ Als Plünderungen und Randale zunahmen, hätten sich die „Demonstranten mit politischen Zielen“ zurückgezogen. Mittlerweile wurden die Unruhen, auch mithilfe russischer Soldaten, erstickt. Fraglich sei aber schon, woher die teils schweren Waffen der Randalierer stammen. (Gregory Dauber)

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