1. Startseite
  2. Kassel

Kassels älteste Einwohnerin: Lieselotte Hemmerling wird heute 108 Jahre alt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sabine Oschmann

Kommentare

Lieselotte Hemmerling
Lieselotte Hemmerling wird 108 Jahre alt und ist Kassels älteste Bürgerin. © Sabine Oschmann

Lieselotte Hemmerling ist klug, willensstark und anpassungsfähig. Am 7. Dezember 2021 begeht die älteste Einwohnerin Kassels ihren 108. Geburtstag.

Kassel – Die alte Dame überstand zwei Weltkriege, wurde zweimal Witwe, zog fünf Kinder groß, erlebte Höhen und Tiefen - nun muss sie sich verstärkt mit dem Alter, seinen Einbrüchen und Beschwerden, die in der letzten Zeit zugenommen haben, auseinandersetzen.

Aber auch das tut Lieselotte Hemmerling bewusst und selbstbestimmt: Sie akzeptiert das Unabänderliche, das sie zugleich als Herausforderung sieht, sich anzupassen und noch etwas Gutes daraus zu machen. Auch mit 108 Jahren möchte sie noch über ihr Leben entscheiden, dabei ist ihre geliebte Familie ihr Stütze und Stab, gibt ihr Geborgenheit.

Als Lieselotte Gundlach kam sie in Bettenhausen zur Welt, wo die Eltern ein Schneidergeschäft führten. Die Tochter lernte Buchhändlerin. Durch die Heirat mit ihrem Mann Martin Dietrich, einem Pfarrer, der 1941 im Krieg fiel, entdeckte die junge Frau ihre Bestimmung als Pfarrersfrau. Dieses Talent, vielleicht Berufung, brachte sie auch in ihre zweite Ehe mit Johannes Hemmerling, ebenfalls Pfarrer, ein.

In dieser Rolle mit den vielfältigen sozialen Aufgaben fand die Ehefrau und fünffache Mutter ihre Erfüllung. Sie leitete etwa 20 Jahre die einstige Mütterschule an der Pestalozzistraße, mit ihrem Mann gründete sie die Gemeinde Jakobuskirche am Eichwald. „Ich hatte zwei Leben, und jede Zeit muss anders gelebt werden“, sagt sie. 2000 zogen das Ehepaar Hemmerling um ins „Haus am Stiftsheim“ in Bad Wilhelmshöhe.

Nach dem Tod des schwer kranken Ehemannes widmete sich die Pfarrerswitwe mit großem Engagement neuen Aufgaben. Sie wurde Ansprechpartnerin und Interessenvertreterin für die Mitbewohner, half den Neuankömmlingen beim Einleben, und gut an kam ihr Trainingsprojekt für den „Rollatorführerschein“. „Jeder Tag muss einen Sinn haben“ lautete früher wie heute das Motto der Jubilarin.

Auf dem Weg zur Arbeit: Dieses Bild von Lieselotte Hemmerling entstand vor 90 Jahren.
Auf dem Weg zur Arbeit: Dieses Bild von Lieselotte Hemmerling entstand vor 90 Jahren. © privat

Trotz zunehmender Altersgebrechen und Verlusts des Augenlichts blieb Lieselotte Hemmerling Selbstständigkeit, im Rahmen des Möglichen, wichtig. Pflegedienst und eine liebevolle Familie ermöglichten ihr, dass sie bis vor Kurzem in ihrem Appartement leben konnte, wo sie in den eigenen vier Wänden Musik, Hörbücher und Fernsehen genoss, telefonierte, Besuch empfing.

Ein Sturz, der zum Glück glimpflich abging, brachte die Wende - deren Konsequenz die Seniorin selbst erkannte. „Aber das war nicht einfach, Frau Hemmerling kämpfte hart mit sich, bis sie ihren Entschluss gefasst hatte“, berichtet Charlotte Bellin, Leiterin des Stiftsheims. Und dann war es soweit. „Mutter sagte zu uns, es geht nicht mehr, ich brauche mehr Hilfe und muss umziehen in die Pflegestation, sie nahm diese Herausforderung an“, erzählt der Sohn Joachim Hemmerling. Ein großer Abschied, ein Neubeginn für die alte Dame, die darüber, wie sie in ihrer letzten Zeit leben wird, selbstbewusst entschieden hat. (Sabine Oschmann)

Auch interessant

Kommentare