Ehrengräber auf Kassels Friedhöfen

Serie "Kassels Ehrengräber": Julie von Kästner kämpfte fürs Frauen-Abitur

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Ruhestätte für eine kämpferische Frau: Julie von Kästner liegt mit ihrer Schwester auf dem Hauptfriedhof begraben. Der moosbewachsene Grabstein ist ein Beispiel der Friedhofsreformbewegung: Die Steine sollten sich an die Umgebung anpassen.

Kassel. Zu ihren Lebzeiten haben sie alle etwas Besonderes für Kassel getan. Deshalb wird ihnen ein Ehrengrab gewidmet. In unserer Serie stellen wir heute Julie von Kästner vor.

Sie gründete das erste Mädchengymnasium in Kassel, half Frauen, einen Job zu finden, und saß im Stadtrat. Dafür bezahlte sie einen Preis: Unter dem Lehrerinnenzölibat blieb sie selbst kinderlos. Die Rede ist von Julie von Kästner. In Riga geboren, kommt sie mit ihrer Schwester 1891 als Lehrerin nach Kassel und übernimmt die Leitung einer Privatmädchenschule in der Spohrstraße.

Als Frau im Lehrerberuf darf sie weder heiraten noch Kinder bekommen. Dafür kämpft sie für die Frauenbildung.

Als eine Kämpfernatur sieht sie auch Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der Frauenbewegung. „Töchterschulen waren damals mehr eine Warteposition zwischen Volksschule und der Ehe“, erklärt Wolff. Spätestens mit der Heirat waren Frauen versorgt. „Das funktionierte in der Theorie, in der Praxis nicht“, sagt Wolff. Wenn der Mann starb oder berufsunfähig war, waren Frauen auf sich gestellt. Deshalb wollten Frauenrechtler eine Schulreform, die Mädchen den Bildungsweg öffnete.

Wolff erklärt den Hintergrund: Im Dreikaiserjahr 1888 setzen Frauenrechtler ihre Hoffnung für die Reform auf die vielversprechende Frau von Kaiser Friedrich. Doch nach 99 Tagen im Amt stirbt der Kaiser und Wilhelm der II, erklärter Gegner der Emanzipation, übernimmt.

Julie von Kästner 

Also nimmt die Kasseler Lehrerin Julie von Kästner die Dinge selbst in die Hand. In der heutigen Heinrich-Schütz-Schule bietet sie vierjährige Gymnasial-Kurse an und bereitet Mädchen darauf vor, an einem der Jungengymnasien ihr Abitur abzulegen.

Das Zitat einer ehemaligen Abiturientin im Zeitungsarchiv der HNA beschreibt die gesellschaftliche Situation: „Damals musste erst bewiesen werden, dass unsere Mädchengehirne befähigt waren, dasselbe zu leisten wie die unserer Brüder und das musste gegen die Vorurteile der allgemeinen Meinung und die des Familien- und Verwandtschaftskreises oft genug in hartnäckigen Kämpfen durchgesetzt werden.“

Übrigens war ein Großteil der Abiturientinnen aus bürgerlichem Haus, auch weil die Kurse Geld kosteten. Später wurde die Schule zum reinen Mädchengymnasium.

Julie von Kästner starb mit 85 Jahren. Eine Straße an der Marbachshöhe erinnert an sie.

Wie viele Frauen bekommen Ehrengräber?

Mit 10 von 71 Ehrengräbern machen Frauen unter den Geehrten nur einen kleinen Teil aus. Woran liegt das? „Das hat viel mit Anerkennung zu tun“, sagt Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel. Dagmar Kuhle vom Sepulkralmuseum in Kassel sagt: Diese Frauen waren in der Lehre, wie Julie von Kästner und Auguste Förster, oder im sozialen und juristischen Bereich aktiv – „Bereiche, die nicht so auffällig waren.“ In der Zeit der 20er-Jahre, als die ersten Ehrengräber vergeben wurden, waren es hauptsächlich Männer, die als Künstler oder Industrielle in der Stadtgeschichte wahrgenommen worden seien. „Es gab zu der Zeit noch nicht so viele Frauen, die sich beruflich heraustun konnten.“ 

Schlecht überprüfen lassen sich zeitgeschichtlich auch die Gründe für ein Ehrengrab. „Vielleicht hat es noch andere Frauen gegeben, die verdienstvoll waren, aber nicht unter den Kriterien“, vermutet Dagmar Kuhle. Quellen fehlen Die zweite Frage ist laut Kerstin Wolff: „Wer erinnert sich an wen?“ Bei fast keinem Ehrengrab einer Frau wissen Dagmar Kuhle und Kerstin Wolff, wer das Ehrengrab beantragt hat – viele Quellen aus dem Archiv sind im Krieg zerstört worden. 

Bei Auguste Förster allerdings war es ganz einfach: Eine entfernte Verwandte pflegte lange Zeit das Grab, nahm ihre Enkelin und Stiefmütterchen im Schubkarren mit und lief noch mit 80 Jahren zum Grab 154 auf dem Hauptfriedhof. Diese Enkelin schrieb irgendwann den Antrag an die Stadt, ein Ehrengrab für ihre Verwandte zu genehmigen, um ihre Oma zu entlasten. So hat die Enkelin es Wolff bei einer Führung auf dem Friedhof erzählt. Das Umwelt- und Gartenamt übernimmt bei Ehrengräbern die Pflege, wenn das kein Angehöriger mehr machen kann, und das Grab bleibt. Dagmar Kuhle und Kerstin Wolff geben auf dem Hauptfriedhof Führungen zu den Ehrengräbern von Frauen. Die Nächste findet wieder im September statt.

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