Oberstaatsanwältin Andrea Boesken geht in den Ruhestand

Kassels Kämpferin für Opferrechte

Hat sich jahrzehntelang für Opferrechte eingesetzt: Oberstaatsanwältin Andrea Boesken geht am Freitag in den Ruhestand.
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Hat sich jahrzehntelang für Opferrechte eingesetzt: Oberstaatsanwältin Andrea Boesken geht am Freitag in den Ruhestand.

Sie hat sich für die Rechte von Opfern stark gemacht. Die Kasseler Oberstaatsanwältin Andrea Boesken (65) geht jetzt in den Ruhestand.

Kassel – Ihr Vater war Vorsitzender Richter einer Jugendschutzkammer am Landgericht Kassel, ihre Mutter war viele Jahre Vorsitzende des Kinderschutzbundes und Jugendschöffin. Im Elternhaus von Andreas Boesken gehörten die Themen „Häusliche Gewalt“ und „Sexueller Missbrauch“deshalb fast zum Alltag. Von klein auf sei es für sie klar gewesen, dass sie Jura studieren wird, sagt Boesken.

So kam es auch. Am Freitag geht die 65-jährige Oberstaatsanwältin, die sich mehrere Jahrzehnte für Opfer und deren Rechte stark gemacht hat, in den Ruhestand.

Bevor sie 1986 eine Stelle bei der Staatsanwaltschaft Kassel bekam, arbeitete Boesken zunächst zwei Jahre beim Kommunalen Schadenausgleich in Hannover. In Kasel war die junge Staatsanwältin dann gleich mit Jugendstrafrecht und Jugendschutzsachen beschäftigt. Dieses Gebiet sollte ihr Steckenpferd werden. Vor elf Jahren wurde die Oberstaatsanwältin Leiterin der Jugendabteilung. Dort werden alle Straftaten bearbeitet, die von Jugendlichen und Heranwachsenden begangen werden, sowie alle Straftaten, bei denen Kinder und Jugendliche Opfer geworden sind.

Sich mit Opfern von sexueller Gewalt zu beschäftigen, sei schon belastend, sagt Boesken. Allerdings habe man dabei auch das Gefühl, dass man den Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben und ihnen Gehör verschaffen kann.

Boesken gehörte 1993 zum Beispiel zu den Gründungsmitgliedern der Opferschutzorganisation „Kasseler Hilfe“, deren Vorsitzende sie seit Jahren ist. Die Rechte von Opfern hätten sich in den vergangenen Jahren zum Glück verbessert. Früher konnte es schon vorkommen, dass ein Opfer stundenlang vor dem Gerichtssaal warten musste und dann einfach vom Wachtmeister nach Hause geschickt wurde, weil seine Vernehmung nicht mehr erforderlich war. Heutzutage gibt es am Landgericht ein Zeugenzimmer, wo Opfer betreut werden. Auch der Umgang der Richterschaft mit den Opfern habe sich geändert, sagt Boesken.

Im vergangenen Jahr wurden bei der Staatsanwaltschaft Kassel 360 Fälle von Kinderpornografie und 350 Fälle wegen sexuellen Missbrauchs bearbeitet. „Die Straftaten sind schwerwiegender geworden“, sagt Boesken. „Die Perversität hat zugenommen.“ Das sei auch auf den Tauschhandel im Internet zurückzuführen. Täter, die dort auf der Suche nach Kinderpornografie seien, benötigten oft Material zum Tauschen. Auch deshalb missbrauchten sie Kinder aus ihrem Umfeld. „Kinderpornografische Verfahren sind eng verbunden mit sexuellem Missbrauch.“

Neben Boesken waren bislang noch zwei Kolleginnen für diese Fälle zuständig. „Wenn wir darüber reden, findet eine Verarbeitung statt“, sagt die Juristin. Zum Glück biete das Justizministerium auch viele Fortbildungen an. Für diese Verfahren benötige man viel Erfahrung, um die Opfer zu verstehen. Warum liebt ein Kind seinen Vater, auch wenn es regelmäßig von ihm missbraucht wird? Warum lässt sich eine Frau jahrelang schlagen und kehrt immer wieder zu ihrem Mann zurück? Das sind Fragen, die in den Verfahren immer wieder auftauchen. „Frauen und Kinder befinden sich nach Sexualdelikten in einer Ausnahmesituation. Da reagieren sie nicht immer so, wie wir es am Schreibtisch erwarten.“

Die Oberstaatsanwältin hat auch beobachtet, dass die Bereitschaft zur Brutalität bei jugendlichen Straftätern stark zugenommen hat. Es gebe immer mehr Fälle mit „bösen Verletzungen“, bei denen Messer eingesetzt werden. Von den 5200 Strafverfahren, die es 2020 gegen Jugendliche (14 bis 21) gegeben habe, seien nur wenige wegen Schwarzfahrens oder Diebstahls gewesen. Die Gewaltdelikte hätten hingegen zugenommen.

Nichtsdestotrotz hätte die 65-Jährige, die bei der Staatsanwaltschaft Kassel den super Zusammenhalt schätzt, gerne weitergearbeitet. „Ich wäre noch ein bisschen geblieben, wenn man mich gelassen hätte.“ Ihre Kollegen werden sie auch vermissen. Boesken gilt nämlich als kompetente, zupackende und engagierte Juristin, die sich vor Kollegen stellt und bei Bedarf den Finger in die Wunde legt. Notwendigen Auseinandersetzungen ist sie nie aus dem Weg gegangen.

Zur Person

Andrea Boesken wuchs in Wehlheiden auf. Nach dem Abitur an der Heinrich-Schütz-Schule studierte sie in Göttingen Rechtswissenschaften. Am Anfang ihres Referendariats sei ihr klar gewesen, dass sie zur Staatsanwaltschaft gehen will. „Die Strafverfolgung hat mir immer gelegen“, sagt die Juristin. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei sowie das Sammeln von Beweisen, sowohl entlastende als auch belastende.“

Boesken ist zudem Präsidentin der Deutsch-Italienischen Gesellschaft (DIG) in Kassel, für die sie derzeit Online-Vorträge organisiert. Ein Italien-Fan ist Andrea Boesken durch ihren Mann Cai-Adrian Boesken geworden, ehemaliger Präsident der DIG Kassel. Das Paar lebt in Kassel und freut sich auf Reisen nach Italien, wenn das wieder möglich ist. use

(Von Ulrike Pflüger-Scherb)

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