Rathauschef steht aus persönlichen Gründen nicht zur Verfügung

Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen tritt nicht erneut zur Wahl an

Seit 2005 im Amt: Oberbürgermeister Bertram Hilgen.

Kassel. Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (62) tritt im nächsten Jahr nicht erneut zur Wahl an. Das erklärte der OB am Samstagvormittag gegenüber der HNA nach einer Sitzung des Unterbezirksparteitages der SPD in Kassel.

Aktualisiert um 16.18 Uhr.

Er habe den Genossen mitgeteilt, dass er aus persönlichen Gründen nicht zur Wiederwahl zur Verfügung stehe. Hilgen ist in zweiter Amtszeit (jeweils sechs Jahre) Rathauschef in Kassel.  Damit ist das Rennen um die Kandidatur für den OB-Job in Kassel eröffnet. Die Wahl findet im März 2017 statt.

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„In Kassel Oberbürgermeister zu sein, ist eine wunderbare Aufgabe, gerade in diesen Jahren, indenen sich unsere Stadt so dynamisch und positiv entwickelt hat“, sagte er am Samstag. Allerdings fordere das Amt einen mit Haut und Haaren und rund um die Uhr. Bei aller Freude an seinem Beruf wolle er die Einschränkungen, die das Amt mit sich bringt, nicht bis zu seinem 70. Lebensjahr auf sich nehmen, so Hilgen. Wenn er nächstes Jahr im Alter von 63 Jahren ausscheide, wolle er auch mehr Zeit mit seiner Frau verbringen – man wisse nie, wie viel Zeit einem noch bleibe.

Partei wusste schon länger von Rückzug

Die Kasseler Sozialdemokraten haben offenbar schon länger gewusst, dass Hilgen nicht mehr für eine dritte Amtszeit zur Verfügung steht. Die Partei habe es hinreichend lange gewusst, sagte Hilgen am Rande der Eröffnung des Stadtmuseums gegenüber unserer Zeitung am Samstagnachmittag. Schließlich wolle er seine Partei nicht in eine schwierige Lage bringen. Zur Nachfolge äußerte er sich nicht. "Das ist in der Hand meiner Partei."

Hilgen, der 1954 in Thann/Rhön geboren wurde, ist seit 2005 Rathauschef in Kassel. Er lebt mit Margit Berghof (SPD), einer ehemaligen Abgeordneten des der Hessischen Landtags, zusammen in der Südstadt. Das Paar heiratete im Oktober 2015, nachdem sie sich schon mehr als 20 Jahre kannten. Seine Hobbys sind unter andrem Laufen, Radeln und Ski fahren.

+++ Stimmen zu Hilgen: +++

Hans Eichel: Hans Eichel, ehemaliger Bundesfinanzminister und Kasseler OB von 1975 bis 1991, bedauert, das Bertram Hilgen nicht erneut als Oberbürgermeister antreten will. „Es ist schade, aber ich kann es verstehen“, sagte Eichel gegenüber der HNA. Er könne gut nachvollziehen dass Hilgen nicht bis zu seinem 70. Lebensjahr weitermachen wolle. Überrascht habe ihn die Ankündigung Hilgens heute nicht. „Wir hatten vorher schon darüber diskutiert.“

Weitere Stimmen und Reaktionen zu Hilgens Rückzug finden Sie aktuell auf Kassel-Live.de

Grüne: Boris Mijatovic, Vorsitzender der Kasseler Grünen, hat eben erst durch unseren Anruf erfahren, dass OB Betram Hilgen nicht für eine dritte Amtszeit antritt. „In Anbetracht der Verdienste und der guten Zusammenarbeit ist es schade.“ Man habe als rot-grüne Koalition in den vergangenen Jahren viel erreicht. Dennoch habe er Verständnis, dass Hilgen das Amt, das viel Kraft und Zeit koste, nicht bis zum 70. Lebensjahr fortsetzen wolle. „Obwohl ich es ihm zugetraut hätte – wer mit mit 61 Jahren noch Bungeejumping macht…“, sagt er in Anspielung auf Hilgens Sprung beim Hessentag. Dass die neue Situation im Stadtparlement ohne klare Mehrheiten den Ausschlag für Hilgens Rückzug gegeben haben könnte, glaubt Mijatovic nicht. „Er hat damals auch mit wechselnden Mehrheiten als OB angefangen.“

SPD: „Schade, aber ich habe volles Verständnis“, sagt SPD-Fraktionschef Dr. Günther Schnell über den Verzicht Hilgens auf eine weitere OB-Kandidatur. „Ich mache mir auch keine Sorgen, wir sind gut aufgestellt.“ Kassels SPD-Chef Uwe Frankenberger sagte nach Hilgens Entscheidung: „Ich war nicht überrascht.“ Er kündigte an, die SPD werde noch in diesem Monat einen Kandidaten für die OB-Wahl im nächsten Jahr präsentieren. Namen nannte er nicht.

Christian Geselle: „Schade, aber ich kann es nachvollziehen“, so reagiert Stadtkämmerer und Sozialdezernent Christian Geselle auf Bertram Hilgens Ankündigung, nicht für eine dritte Amtszeit als Oberbürgermeister antreten zu wollen. „Er macht einen tollen Job als OB“, sagte Geselle. Er wird von der SPD als potenzieller Nachfolger gehandelt. Es gebe mehrere geeignete Kandidaten in der SPD, sagte der 40-Jährige: „Ich fühle mich geehrt, wenn man dabei auch an mich denkt. Aber wer es macht, muss die Partei entscheiden.“ 

Bertram Hilgen: Stationen seiner OB-Karriere

Wie alles begann: Bertram Hilgen bei der Einführung zu seiner ersten Amtszeit am 22. Juli 2005. Mit dabei die Alt-OBs Wolfram Bremeier, Georg Lewandowski und Hans Eichel. © Koch
Und der zweite Streich: Amtseinführung nach der Wiederwahl 2011. Mit dabei die Stadtverordnetenvorsitzende Petra Friedrich und Bürgermeister Jürgen Kaiser. © Koch
Nicht immer einfache Zeiten: Hilgens Stellvertreter, Bürgermeister Jürgen Kaiser, war oft Objekt der Kritik. Unter anderem ... © Michaelis
...in der Blitzeraffäre machten Kaiser und das Rathaus insgesamt keinen guten Eindruck. © Ludwig
Eines der tragischsten Ereignisse in Hilgens Amtszeit war der Mord an dem Deutschtürken Halit Yozgat im Jahr 2006. Erst Jahre später stellte sich heraus, dass die Rechtsterrroristen vom NSU mutmaßlich für den Mord verantwortlich sind. Am 1. Oktober 2012 wurde zum Gedenken an Halit Yozgat in Kassel der Halitplatz eingeweiht. Die Benennung des zuvor namenlosen Platzes durch den Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen fand im Beisein des türkischen Botschafters Hüseyin Avni Karslıoğlu, des hessischen Justizministers Jörg-Uwe Hahn sowie der Eltern des Opfers statt. Bei der Gedenkfeier wurde ein Grußwort von Bundespräsident Joachim Gauck verlesen. Hier zu sehen ist Hilgen bei einer späteren Gedenkfeier mit dem türkischen Generalkonsul Ilhan und Ismail Yozgat, dem Vater des Opfers. © Schachtschneider
Zu den Höhepunkten während der beiden Amtszeiten zählen natürlich die Großereignisse, die Kassel ausgerichtet hat. Zuallererst zu nennen sind die documenta 12 und 13. Das Foto zeigt die Vorstellung der Chefin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev. Außerdem im Bild: documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld und Ministerin Silke Lautenschläger. © Kochl.
Deutlich mehr Reibung gab es da schon mit dem Chef der documenta 14, die in Hilgens letztem Amtsjahr stattfinden wird. Adam Szymczyk hat sich entschlossen, die weltweit größte Veranstaltung für zeitgenössische Kuns auch in Athen stattfinden zu lassen. Das brachte viele Kasseler gegen den Polen auf. Hilgen hielt sich mit Kritik weitestgehend zurück und vertraute auf Adam Szymczyk. © Malmus
Ein großer Erfolg für Kassel und Hilgen war der Hessentag 2013 mit der Rekordbesucherzahl von 1.830.000 Gästen. Ursprünglich erhielt Vellmar, Nachbarstadt von Kassel, im Jahr 2008 den Zuschlag für die Ausrichtung des Hessentages. Im Sommer 2011 gab Vellmar diese allerdings aufgrund finanzieller Bedenken wieder zurück. Nach dem Vellmarer Rückzug zeigten mehrere Städte Interesse an der Ausrichtung. Hierzu gehörten Korbach Bad Wildungen und Kassel. Im Dezember 2011 erhielt schließlich Kassel den Zuschlag. Verbunden mit dem Zuschlag an Kassel sind finanzielle Förderungen in Höhe von rund 5,5 Millionen € und zinsgünstige Darlehen in Höhe von knapp 8 Millionen €. Das Landesfest war für die Stadt ein Erfolg. Das Bild zeigt Hilgen mit Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier bei einer Veranstaltung auf dem Hessentag. © Zgoll
Historisch: In Hilgens zweite Amtszeit fiel auch das Stadtjubiläum. 2013 feiert Kassel mit einem großen Fest und vielen Veranstaltungen den 1100. Geburtstag. © 
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Im November 2015 heiratete Hilgen seine langjährige Lebenspartnerin Margit Berghof-Becker. Das Paar kennt sich seit 20 Jahren. © 
Auch in Hilgens Amtszeit: Das Großprojekt schlechthin, der Flughafen Kassel-Calden. 2013 wurde der Regionalflughafen, an dem die Stadt Kassel mit 13 Prozent beteiligt ist, eröffnet. Seitdem hinkt das Passagieraufkommen den Erwartungen hinterher. Unser Foto zeigt die Baustelle im Jahr 2011. © Thiele
Ein Projekt, das nicht realisiert werden konnte: Die Errichtung eines Technischen Rathauses auf dem Salzmann-Gelände in Bettenhausen. © Zgoll
Ein voller Erfolg für Kassel in der Hilgen-Zeit war dagegen die Verleihung des Welterbetitels an den Bergpark Wilhelmshöhe. Dies erfolgte ebenfalls in dem ereignisreichen Jahr 2013. © Koch

+++ Ein Blick auf Hilgens Karriere: +++

- Hilgen studierte Rechts- und Politikwissenschaften in Marburg.

- Ab 15. Februar 1980 arbeitet er als Referent für den damaligen Oberbürgermeister Hans Eichel.

- 1986 übernimmt Hilgen die Leitung des städtischen Rechtstamtes.

- 1991 geht er mit Hans Eichel, der zum hessischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, nach Wiesbaden. Er wird Abteilungsleiter in der Hessischen Staatskanzlei.

- 1996 wird Hilgen Regierungspräsident in Kassel.

- 1999 bis 2005 leitet Bertram Hilgen das Kommunale Gebietsrechenzentrum (KGRZ). Zudem war er Geschäftsführer des IT-Unternehmens ekom21.

- Am 27. Februar 2005 wird Hilgen als SPD-Kandidat zum Oberbürgermeister gewählt. Er setzte sich bei der Stichwahl mit 53,3 Prozent gegen den Amtsinhaber Georg Lewandowski (CDU) durch.

- Am 27. März 2011 wurde er im Amt für sechs Jahre bestätigt.

Weitere Infos folgen.

+++ Hilgens Rede vom Samstag im Wortlaut: +++

Liebe Genossinnen und Genossen,

am 5. März nächsten Jahres findet in Kassel die Oberbürgermeisterwahl statt.

Ihr habt mich zweimal -2003 und 2010- mit sehr großer Mehrheit für dieses Amt nominiert. Deshalb habt Ihr Anspruch darauf, rechtzeitig und unmittelbar von mir zu erfahren, ob ich für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stehe.

Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu kandidieren. Es sind persönliche Gründe, die mich zu diesem Entschluss geführt haben. In Kassel Oberbürgermeister zu sein, ist eine wunderbare Aufgabe, gerade in diesen Jahren, in denen sich unsere Stadt so dynamisch, so positiv entwickelt. Daran an entscheidender Stelle mitzuarbeiten, macht mir große Freude.

Andererseits fordert das Amt den, der es innehat, mit Haut und Haaren, vom Scheitel bis zur Sohle, von Montag bis Sonntag, von morgens bis abends, den ganzen Tag. Da bleibt kaum Raum für persönliche Interessen und private Dinge.

Wenn meine zweite Amtszeit im Sommer nächsten Jahres endet, bin ich dreiundsechzigeinhalb Jahre alt, am Ende einer dritten Amtszeit wäre ich im siebzigsten Lebensjahr. Eine so lange Zeit will ich –bei aller Freude an meinem Beruf- die persönlichen Einschränkungen, die das Amt des Oberbürgermeisters zwangsläufig mit sich bringt, nicht mehr auf mich nehmen.

Vielmehr möchte ich zusammen mit meiner Frau die Zeit, die vor uns liegt – und niemand weiß, wie lange das sein wird- freier gestalten als das bisher möglich war. Deshalb höre ich 2017 nach zwölf Jahren  Oberbürgermeister und einer langen beruflichen Laufbahn auf.

Ich bin sicher, Ihr habt dafür Verständnis. Und ich weiß, dass die Kasseler SPD schon sehr bald eine Kandidatin oder einen Kandidaten präsentieren kann, die oder der allerbeste Aussichten hat, am 5. März 2017 das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen. Ich danke Euch!

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