Lieferanten müssen auf der Straße halten

Kassels Pflegekräfte in Not: Oft finden sie keine Parkplätze

In der Not auch so: Weil freie Parkplätze am Bebelplatz fehlten, wurde dieses Auto eines Kasseler Pflegedienstes im Halteverbot abgestellt. Archivfoto: Ludwig

Kassel. Was Anwohner zur Weißglut treibt, ist für die Mitarbeiterinnen der Altenpflegedienste eine alltägliche Katastrophe: Gleich mehrfach am Tag müssen sie nach Parkplätzen im Vorderen Westen und in der Innenstadt suchen.

Zur Not stellen sich die Pflegekräfte auch ins Halteverbot und kassieren nicht selten ein Knöllchen. Riskieren sie das nicht, müssen sie wegen fehlender Stellflächen oft mehrere Hundert Meter weit entfernt von den Wohnungen ihrer Patienten parken. Ein Zeitfresser, der kaum mit ihren Zeitplänen vereinbar ist.

Auf der Suche nach Lösungen hat der Trägerverbund ambulanter Dienste in Kassel, ein Zusammenschluss von 14 Anbietern in Kassel, bereits das Gespräch mit der Stadt gesucht. „Wir haben versucht, eine andere Regelung für Ausnahmegenehmigungen zu erreichen, aber das interessiert die Stadt nicht“, sagt Hartmut Knorn, Geschäftsführer des Pflegedienstes Anders.

„Das interessiert die Stadt nicht.“

Vor allem im Vorderen Westen und der Innenstadt sei es schwer für die Kollegen, einen Parkplatz zu finden. „Und wir müssen pünktlich bei unseren Kunden sein, die benötigen eine regelmäßige Medikamentengabe“, sagt Knorn. Die Stadt biete zwar Ausnahmeparkgenehmigungen an, diese seien aber wenig hilfreich. Denn sie seien je nur für ein Fahrzeug und nur auf ganz bestimmten Stellflächen gültig. Da lohne sich die Jahresgebühr pro Fahrzeug nicht.

Nach Auskunft der Stadt kostet die Pflegedienst-Parkberechtigung 60 Euro pro Jahr. Sie gilt aber nicht in der Parkgebührenzone Zentrum und der Gebührenzone II. Dafür kann mit der Sondererlaubnis für jeweils maximal drei Stunden auf Anwohnerparkplätzen und im eingeschränkten Halteverbot geparkt werden.

Große Nachfrage herrscht von Seiten der Pflegedienste nicht nach den Genehmigungen. Lediglich 40 wurden ausgegeben.

Auf HNA-Anfrage sagt Isabell Israng vom Pflegedienst MHP, dass ihre Kolleginnen jeden Tag mit den Parkplätzen zu kämpfen hätten. In der Innenstadt müssten sie jeweils zunächst ein Parkticket ziehen – selbst für kurze Medikamentengaben. „Wir haben 35 Autos, aber nur eine Ausnahmegenehmigung für das Parken“, sagt Israng. Für alle Autos sei das schlicht zu teuer.

Ähnlich argumentiert Andrea Holubarsch vom Pflegedienst Communitas Curae: „Es ist eine Katastrophe, aber was sollen wir machen?!“ Es werde den Pflegerinnen Parkgeld zur Verfügung gestellt. Wenn sie dennoch auf das Lösen eines Parktickets verzichteten, müssten sie das Knöllchen selbst bezahlen.

Von Bastian Ludwig

Kritik auch von Lieferanten: Zu wenige Ladezonen

Lieferanten stellen ihre Wagen auf Fahrbahn ab - Auf Antrag gibt es Stellflächen von der Stadt

Was für Pflegedienste nicht denkbar ist, gehört zum Alltag der Lieferanten: Für die Auslieferung eines Päckchens wird die Warnblinkanlage angestellt und der Wagen auf der Fahrbahn abgestellt. Während sich Autofahrer über solche Hindernisse ärgern, haben die Fahrer oft keine andere Wahl, um ihre Arbeit zu bewältigen. Um den Bedürfnissen des Lieferverkehrs gerecht zu werden, können bei der Stadt eingeschränkte Halteverbote für Ladezonen beantragt werden. Eine Bewilligung erfolgt nach Auskunft des Stadtsprechers Ingo-Happel Emrich dort, wo „ein erheblicher Anteil an gewerblichem Lieferverkehr besteht“. Zudem dürfe keine Lademöglichkeit auf dem Privatgelände bestehen.

Solche Ladezonen seien unter anderem am Bebelplatz, der Friedrich-Ebert-Straße und der Elfbuchenstraße ausgeschildert. Eine weitere solche Ladezone befindet sich etwa an der Querallee. Auch sie wurde 2011 auf Antrag einer dortigen Werbefirma eingerichtet. Kritik an den Regelungen für die Einrichtung von eingeschränkten Halteverboten wurde kürzlich im Ortsbeirat des Vorderen Westens laut. Regula Rickert, stellvertretende Vorsitzende der Kasseler Piraten-Partei, forderte im Stadtteil mehr Haltebuchten für kurzzeitiges Parken.

„Es gibt viel zu wenig Anlieferungs- und Kurzzeithaltemöglichkeiten für Lieferdienste und Pflegekräfte. Ich frage mich, wann die auf die Barrikaden gehen“, sagt Rickert. Zudem sei nicht nachvollziehbar, so Rickert, unter welchen Bedingungen die Stadt solche Haltebuchten einrichte und wann nicht. (bal)

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