Kampf ums wirtschaftliche Überleben

Kasseler Schrotthändler leidet unter neuem Gesetz und bulgarischer Konkurrenz

+
Kämpft ums Überleben: Der Kasseler Rolf Singer hat sich 2006 mit einem Schrotthandel selbstständig gemacht und so aus der Arbeitslosigkeit befreit. Bis Ende 2016 darf er noch in Haushalten sammeln, danach ist Schluss.

Kassel. Die Zahl der Schrotthändler in Kassel ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Nach einer Übergangfrist dürfen die Privatunternehmer ab 2017 allerdings keinen Schrott mehr von privaten Haushalten sammeln. Ein Kasseler Schrotthändler erzählt, was das für ihn bedeutet.

Hintergrund: Abfallgesetze 2012 geändert

Mitte 2012 ist das geänderte Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) in Kraft getreten. Darin ist geregelt, dass private Haushalte ihre Abfälle dem öffentlich-rechtlichen Entsorger geben müssen. In Kassel sind das die Stadtreiniger, im Landkreis die Abfallentsorgung Kreis Kassel. Gewerbliche Sammlungen sind nur dann zulässig, wenn sie die Funktionsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Entsorgers nicht gefährden. Gemeinnützige und gewerbliche Sammlungen müssen den Behörden - hier ist es das Regierungspräsidium Kassel - angezeigt werden. Das RP kann die Sammlung verbieten, wenn die kommunalen Entsorger sich dagegen aussprechen oder wenn die Sachkunde des Privatunternehmers nicht gegeben ist.

Vor nicht einmal acht Jahren hat sich Rolf Singer mit einem Schrotthandel selbstständig gemacht. Es war für den siebenfachen Vater aus Kassel der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. „Wir wollten alles, nur nicht mehr von Hartz IV abhängig sein“, sagt seine Frau Ruth. Jetzt kämpft das Paar, das im Vorderen Westen lebt, erneut ums wirtschaftliche Überleben. Durch die neuen gesetzlichen Regelungen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes läuft ihre Erlaubnis zum Sammeln in Privathaushalten Ende 2016 aus (siehe Hintergrundkasten). Das dürfen nur noch die kommunalen Entsorger, also die Stadtreiniger.

Die guten Jahre, in denen die Familie aus den Einkünften aus dem Schrotthandel vernünftig leben konnte, sind ohnehin vorbei, erzählt der 55-Jährige. 2006, als er Schritt in die Selbstständigkeit wagte, habe er im Jahr bis zu 300 Tonnen Altmetall, Elektrogeräte und andere Wertstoffe eingefahren. Inzwischen sei es nur noch ein Drittel davon.

Damals seien vielleicht 50 Schrotthändler in Kassel unterwegs gewesen, schätzt der Unternehmer. „Der Kuchen hat für alle gereicht.“ Inzwischen sind die Stückchen kleiner geworden. 230 Gewerbe sind im Bereich des Schrotthandels in Kassel inzwischen angezeigt. In die Höhe geschnellt sind die Zahlen ab 2010 mit dem Zuzug vieler Bulgaren. Der Markt ist seitdem hart umkämpft. „Es ist schon vorgekommen, dass mir der Schrott vom eigenen Wagen gestohlen wurde“, sagt Singer.

Vor allem aber darf der Privatentsorger viele Dinge, die er früher noch beim Großhändler zu Geld machen konnte, gar nicht mehr mitnehmen. Elektroaltgeräte und Edelmetalle sind seit Mitte 2012 mit Inkrafttreten der neuen Gesetze tabu für ihn und die Kollegen. „Gerade dieser Bereich war aber ertragreich“, sagt Singer.

Altelektrogeräte darf er nicht einmal mehr transportieren, auch wenn es nur zum städtischen Recyclinghof wäre. Allerdings riefen immer noch Kunden an, die ihn bitten, auch ihre alte Waschmaschinen oder den kaputten Staubsauger zu entsorgen. „Wenn ich dann sage, dass ich das nicht darf, geht oft der ganze Auftrag flöten“, schildert der 55-Jährige.

Lesen Sie auch:

Kampf um Sperrmüll in Kassel: Schrotthändler bedienen sich am Straßenrand

Ab 2016 darf er nur noch Schrott von gewerblichen Kunden annehmen. Ob das zumÜberleben reicht, bezweifelt Singer. Er will dennoch versuchen, weiterzumachen. Auch, weil er das Existenzgründerdarlehen, das er seinerzeit vom Jobcenter (damals Arbeitsförderung Kassel) bekommen hat, noch nicht zurückgezahlt hat. 5000 Euro, sagt Singer, stehen noch aus. „Momentan können wir aber kaum noch etwas abstottern, weil der Umsatz das nicht hergibt.“

Von der neuen Abfallgesetzgebung halten die Singers nichts. „Da baut sich der Staat doch einfach ein Monopol auf“, sagt Singer. „Mit freier Marktwirtschaft hat das nichts zu tun.“ Er hat sich auch der Interessengemeinschaft der Schrotthändler IGAS angeschlossen, die gegen das Gesetz mobil macht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.